Es mag an den unterschiedlichen Schwerpunkten der europäischen Geschichtsschreibung liegen, dass einem als Mitteleuropäer beim Gedanken an die Expansionsgeschichte des osmanischen Reichs zunächst die beiden Türkenbelagerungen Wiens, die Eroberung des Balkans und nicht zuletzt auch dank Roger Crowleys "Constantinople: The Last Great Siege 1453" der Fall Konstantinopels und damit der Untergang des oströmischen Reichs in den Sinn kommen. Doch wie Roger Crowley entschieden feststellt lag das Epizentrum der schicksalsträchtigen Konfrontation zwischen dem Osmanischen Reich und seinen europäischen Gegnern im 16. Jahrhundert eindeutig im Mittelmeer. Wäre der langwierige Krieg zwischen Christentum und Islam dort anders verlaufen, die Geschichte Europas hätte wohl eine gänzlich andere Wendung nehmen können.
Wie im zur Legende gewordenen Kampf um Wien ist es auch im Mittelmeer ein Habsburger der sich den osmanischen Expansionsplänen in den Weg stellt, allerdings erst nachdem der ehrgeizige Sultan Suleiman der Prächtige die Johanniter in der Schlacht um Rhodos geschlagen und damit ihres Hauptquartiers beraubt hat. Noch zeichnet sich kein Krieg zwischen den beiden Weltmächten ab, beschränken sich die Osmanen doch vorerst auf eine Förderung muslimischer Piraten, darunter die berühmt-berüchtigten Barbarossa Brüder, welche als Statthalter des Sultans auf sehr denkwürdige Art und Weise Karriere machen. Raub, Mord und Sklaverei prägen das Bild von den Piraten im Dienste des Sultans, welche die Märkte des Maghreb mit einem steten Nachschub an Sklaven versorgen, die sie auch selbst für ihre Rudergaleeren benötigen. Diese Galeeren sind es mit welchen der Krieg um den Nabel der damaligen Welt geführt wird und die auch maßgeblicher Anlass für die Versklavung so vieler Bewohner der Mittelmeerregion sind, dass ganze Landstriche entvölkert werden. Die Rudersklaven führen ein elendes und kurzes Leben, dass Roger Crowley in aller Brutalität beschreibt, um zu verdeutlichen dass sich in diesem Konflikt keine Seite mit Ruhm bekleckert hat. Denn auch die Soldaten Christis, die Johanniter mit ihrem päpstlichen Auftrag, verdienen sich als erfolgreiche Sklavenjäger, wenngleich auch mit zahlenmäßig weniger Opfern.
Keiner blieb verschont, denn es galt Farbe zu bekennen und sich unter einem Banner zu sammeln, wollte man nicht zwischen die Fronten geraten. Dabei ist der Krieg um das Mittelmeer den einstigen Kreuzzügen nicht unähnlich und sogar eine Fortsetzung dieser. Crowley nennt ihn eine tödliche Mischung aus Glaubenskrieg, Kampf um die Sicherung des Reiches und Plünderungslust. Sultan Suleiman fühlt sich zu höchstem berufen, als Enkel des Eroberers von Konstantinopel will er seinem Anspruch auf den Titel des Cäsaren Geltung verschaffen und richtet den Blick nach Westen, in die für das Osmanische Reich "Neue Welt". Doch auch ein anderer Cäsar hat seinen Blick in die Neue Welt gerichtet, nur dass diese in Südamerika liegt, während der für Suleiman interessante Maghreb für ihn zu einer vergessenen Grenze seines Weltreichs geworden ist in dem Sonne angeblich nie untergeht. Karl V. seines Zeichens mächtigster Habsburgerkaiser aller Zeiten wird zum König von Spanien als osmanisch gesponserte Piraten die Vorherrschaft Spaniens im westlichen Mittelmeer bedrohen.
Obwohl ziemlich planlos im Umgang mit der Bedrohung durch die Piraten beginnt unter Karl ein Abwehrkampf der nach der Verteidigung Maltas durch die Johanniter in der Schlacht um Lepanto schließlich zum osmanischen Waterloo führen wird. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, reicht "Empires of the Sea" doch von 1521 bis 1580. Dabei zeichnet sich Crowley vor allem dadurch aus dass er Geschichte sehr plastisch zu vermitteln versteht, natürlich auch in aller Blutrünstigkeit die sich schlichtweg nicht relativieren lässt und dennoch Bilder vor dem inneren Auge entstehen lässt die schon einer hollywoodreifen Verfilmung würdig wären. Zugegeben, Crowley begeht den Fehler (den ihm manche Historiker und sehr auf political correctness bedachte Leser ankreiden werden) sich oft zu manch subjektiver Formulierung hinreißen zu lassen. Doch auch das trägt meiner Ansicht nach sehr gut zur Atmosphäre des Buchs bei, das sich eben mit einem zeitweise unter religiös-moralischen Deckmäntelchen geführten brutalen Krieg beschäftigt, der fast vergessen wurde, aber dennoch schicksalsträchtiger sein könnte als die Erste Türkenbelagerung.
Fazit:
Packende Lektüre die sich nicht scheut diesen vergessenen Krieg in all seinen schauderhaften Facetten vor dem inneren Auge wiederauferstehen zu lassen. Meisterhaft erzählt.