Ein deutscher Franzose, der den ganzen Schlamassel erlebt hat des zweiten Weltkrieges: Hessel ist ein glaubwürdiger Absender für eine Botschaft, die man heute lauter werdend auch bei uns in den Talkrunden vernimmt: es kann so nicht mehr weitergehen. Herr Sarrazin schrieb ein Buch des Niedergangs, Hessel eine Kurzbotschaft der Hoffnung, der Menschlichkeit, der Beteiligung, des Mitmachens.
Dabei bezieht er sich u.a. auf Sartre und postuliert, dass der Einzelne seine Verantwortung, seinen Willen zum Verstehen, nicht abgeben darf, an wen auch immer. Oder dass er seine Gedanken ausschaltet, weil sowieso alles zu kompliziert ist. Nein, mitdenken, verstehen ist gerade in der heutigen Zeit immer leichter möglich, Wissen kann geprüft und internetschnell abgeglichen werden. Gegen Denkfaulheit und bequeme Demokratie, diese Denkschrift trifft auch den deutschen Wutbürger und wird ihn umso stärker beeindrucken als mediale Kraftspiele, Korruption und Vetternwirtschaft, aber auch die sich abzeichnende weitere Finanzkrise sein Vertrauen zerstören wird.
In Frankreich gibt es eine weitaus wütendere Tradition des Protestes, und die Résistance gegen Hitler hat unglaubliche Kräfte der Empörung freigesetzt, die bis heute fortwirken: "Ich wünsche Ihnen allen, jedem von Ihnen, ein Motiv für die Empörung. Das ist wertvoll. Wenn Sie etwas derart empört, wie mich seinerzeit der Nazismus empört hat, dann wird man militant, stark und engagiert."
Worüber die Franzosen sich empören sollen, ist auch der Grund für deutsche Probleme: die Immigrantenfeindlichkeit, die Einsparungen bei den Sozialleistungen, der Rückgang des Nettoeinkommens bei wachsenden Gewinnen der Unternehmen, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, und die "unverschämte" Macht des Geldes bzw. seiner Diener. Weiter wettert Hessel gegen den Massenkonsum, die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Schwächeren, den allgemeinen Gedächtnisschwund und den ungebremsten Wettbewerb jeder gegen jeden, gegen den hemmungslosen Egoismus. Die Empörung ist auch in Deutschland soweit gediehen, dass der Terminus "Wutbürger" zum Wort des Jahres wurde. Erst durch Empörung setzt sich Nachdenken und Verstehen in Gang.
Hessel wendet sich vor allem auch gegen die Macht der Medien und wer nach Italien blickt, versteht, was damit gemeint ist. Ungarn ist nicht weit und das deutsche B.d-Fernsehen muss einem täglich die Zornesröte ins Gesicht treiben. Man muss keine Bücher über 500 Seiten schreiben, ein 93-jähriger macht vor, wie es geht! Glaubwürdigkeit und aus einem inneren Drang geschrieben: dieses Buch beeindruckt und wird in ferner Zeit ein weiteres Zeitzeichen für einen notwendigen Korrektiv gewesen sein: wir alle sollten hoffen, dass alle beginnen nachzudenken und die Gestaltung des menschlichten Zusammenlebens wieder mit den Kriterien des Humanismus zu vereinbaren.
Es ist wirklich faszinierend, wie Stéphane Hessel das Europa von heute auffordert, nicht in Bequemlichkeit zu erstarren, oder zu glauben, man könne sowieso nichts korrigieren an der bestehenden Welt: "Das ist fast so etwas wie die allerletzte Etappe: 93 Jahre. Das Ende ist nicht mehr fern. Welch eine Chance, an das Fundament meines politischen Engagements zu erinnern: die Jahre der Résistance und das Programm, das der Nationale Widerstandsrat vor 66 Jahren erarbeitete. In diesem Rat kamen alle im Widerstand aktiven Bewegungen, Parteien und Gewerkschaften im besetzten Frankreich zusammen und proklamierten ihre Treue zum Kämpfenden Frankreich und dessen Führer General de Gaulle."
Unbedingt lesen!