"Emotionen dürfen das Denk-Hirn nicht überfluten, und das Denk-Hirn darf Gefühle nicht ignorieren. Genau darum geht es, wenn wir von Emotions-Management sprechen." Da dieser Satz nicht im Vorwort steht, sondern erst auf Seite 152, rätselt der Leser, was es mit dem Untertitel auf sich hat. Zumal bis zu dieser Stelle eine Fülle von zwar interessanten, aber weitgehend bekannten Geschichten aus den Reichen der Neurowissenschaften, Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie erzählt, verständliche und weniger verständliche Beschreibungen neuronaler Vorgänge aneinandergereiht und Fälle aus der eigenen Praxis zusammengefasst werden. Diesen Aufbau des Buches halte ich auch deshalb für missglückt weil die beiden Autoren im Vorwort sechs Regeln zum Unglücklichsein formulieren und klar festhalten, dass die bloße Erkenntnis gar nichts bewirkt.
Gegen Anleitungen zum Glücklichsein ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn sie nicht auf uneinlösbaren Versprechungen beruhen. Aber wenn sie der Grundthese widersprechen, Verhaltensänderung durch Erkenntnisgewinn sei kaum möglich, dann stellt sich beim Leser wohl Enttäuschung ein. Wenn Margot und Michael Schmitz schon so gerne und oft betonen, dass sie als Coaches für Spitzensportler und Topmanager arbeiten, dann möchte ich auch erfahren, wie sie das tun und ob ich ihre Anleitung oder wenigstens Teile davon übernehmen kann. Aber kaum gehen sie auf einen konkreten Fall ein, folgt das nächste Beispiel oder ein längerer theoretischer Exkurs. Und stoßen wir zwischen den Zeilen auf einen Tipp, dann ist er oft so allgemein formuliert wie: Mit ausreichenden Angeboten an Weiterbildung und neuen Karrieremöglichkeiten im Unternehmen muss versucht werden, die Angst vor Veränderungen zu mildern. Im Kapitel "Emotions-Management für Führungskräfte" überzeugt mich eigentlich nur die Ausweitung des Führungsbegriffs, indem die Autoren davon ausgehen, dass letztlich jeder Mensch Führungsaufgaben übernehmen muss. Aber auf die versprochene Anleitung wartet der Leser auch hier vergeblich. Das ist zwar konsequent, wenn man vom Glauben ausgeht, er gäbe keine gemeinsamen Charaktermerkmale guter Führungskräfte, keine übertragbaren Profile und keinen richtigen Führungsstil. Doch kaum haben die beiden Autoren ihr Bekenntnis abgelegt, kommen sie auf Eigenschaften zu sprechen, die sie trotzdem für unabdingbar halten. Das sind dann alte Bekannte wie authentisch sein, seine Stärken und Schwächen kennen, gut kommunizieren können, auf Krisensituationen vorbereitet sein oder achtsamer miteinander umgehen. Kurz: Nach der Lektüre der knapp fünfzig Seiten ist man nicht viel gescheiter als vorher. Außer man sei ein entschiedener Gegner vom gesunden Menschenverstand.
"Glücksfaktoren" lautet der Titel des letzten Kapitels. Bevor die Glücksratgeber den Büchermarkt überschwemmten, wäre die Lektüre der gut zwanzig Seiten sehr viel interessanter gewesen. Aber seit sich außer Neurowissenschaftlern auch Kabarettisten mit der Suche nach dem Glück beschäftigen, wirken die Ausführungen von Margot und Michael Schmitz ebenso banal wie langweilig. Und selbst die abschließenden 23 Regeln zum Unglücklichsein sind leider nichts Neues, hat sie doch Altmeister Watzlawick bereits vor Jahrzehnten formuliert. Nur sehr viel unterhaltsamer und anschaulicher.
Mein Fazit: Dieses Buch kann Neulingen in den Bereichen Glücks- und Gehirnforschung den Zutritt durchaus erleichtern, weil es - von wenigen Passagen abgesehen - verständlich geschrieben ist, bekannte Studien und Experimente vorstellt, mit Fallbeispielen aufwartet und sehr viele Aspekte beleuchtet. Wer jedoch bereits Vorkenntnisse hat oder eines der Bücher von Eckart von Hirschhausen, Anselm Grün, Daniel Goleman, Martin E. P. Seligman, Manfred Stelzig oder Mihaly Csikszentmihalyi kennt, muss die Anleitung von Margot und Michael Schmitz nicht lesen.