Emotionen bestehen nicht nur aus Gefühlen, sondern auch aus Veränderungen der Physiologie und des Verhaltens: So erstarren manche Menschen bei Angst, dazu kommt eine erhöhte Schreckhaftigkeit, feuchte Handflächen, eine Erhöhung des Pulses und des Blutdruckes, die Körperbehaarung richtet sich auf, bei extremen Angstzuständen können sogar die Blase und der Darm entleert werden.
Charles Darwin, aber auch schon vor ihm viele Philosophen des Altertums, erkannten, dass Emotionen wie Angst nicht nur "einfach ein Gefühl" sind, sondern dass die damit verbunden Veränderungen des Verhaltens und der Physiologie dazu bestimmt sind, den Organismus besser vor potenziellen Gefahren zu schützen. Dieses bedeutet, dass unser Gehirn ein Bewertungssystem hat, welches die Gefährlichkeit von Situationen und Reizen einschätzt und dann das Verhalten und die Physiologie des Menschen so bestimmt, dass eine Schutz- oder Fluchtreaktion optimal ausgeführt werden kann.
Eine wichtige Eigenschaft der emotionalen Systeme ist Plastizität, also die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen. So können Situationen oder Reize, die zum Beispiel Gefahr ankündigen, mit anderen Reizen assoziiert werden. Diese Assoziationen können dann auch bei weiteren Erfahrungen verändert werden.
Manchmal funktionieren diese emotionalen Systeme jedoch nicht mehr. Manche Menschen haben ganz spezifische Gehirnausfälle, die es ihnen zum Beispiel unmöglich machen, gefährliche Situationen als solche einzuschätzen. Oder sie sind einfach nicht in der Lage zu lernen, dass ein bestimmtes Verhalten unangenehme Folgen mit sich bringt. Andere Menschen leiden an Krankheiten, die zu unbegründeten Angstzuständen führen.
Keine Frage, Emotionen sind faszinierende Untersuchungsobjekte - für alle mit Neurologie beschäftigten Forscher und Heiler, für Kognitionswissenschaftler ebenso wie für Soziologen, Philosophen, Literaturwissenschaftler, Erziehungswissenschaftler und Geistliche. Claudia Wassmann hat viele Wissenschaftler aus diesen Fachgebieten besucht. In ihrem Buch "Die Macht der Emotionen - Wie Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen" beschreibt sie bekannte und weniger bekannte Forschungsergebnisse aus der Welt der Emotionen. Ihr gelingt ein kompetenter Überblick - von der Geschichte der Emotionsforschung, den ethologischen Grundlagen, der Neuroanatomie und Neuropharmakologie, der Soziobiologie, bis hin zur Pathologie der Emotionen und der Bedeutung von Emotionen für das Immunsystem.
"Die Macht der Emotionen" ist ein Lese-Genuss. Claudia Wassmann, studierte Medizinerin, jedoch seit mehreren Jahren als Wissenschaftsjournalistin tätig, kam die Idee zu diesem Buch während Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm, und sie hatte durch verschiedene Stipendien die Möglichkeiten, weltbekannte Emotionsforschung in den USA, der Schweiz und Deutschland zu besuchen. Ihr gelingt es, was viele versuchen, aber nicht schaffen: einen guten, nahezu vollständigen Überblick über ein hochaktuelles Forschungsgebiet zu bieten, in dem auch kompliziertes sehr einfach erklärt wird. "Die Macht der Emotionen - Wie Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen" ist ein Muss für alle, die die im Titel gestellte Frage beantwortet haben möchten.
Rezensent: Dr. Markus Fendt