Keine Ahnung, welche Bücher der Rezensent sonst noch liest, der auf der Rückseite des Buches mit den Worten zitiert wird, das Werk von Wolfgang Seidel sei für Lehrer und pädagogisch-psychologisch Interessierte ein Knüller. Wären die 400 Seiten tatsächlich ein Knüller, müsste der Autor seine Leser nicht dauern zum Weiterlesen ermuntern. Nicht dass ich meine, ein Buch über Gehirnforschung und Lebenskunst müsse auf jeder Seite mit einer Überraschung aufwarten und dürfe nicht an Schulstunden erinnern. Aber so wie der pensionierte Chefarzt für Allgemeinchirurgie zu seinem Publikum spricht, werden seine Botschaften und Ratschläge wenig Wirkung zeigen. Obwohl er offenbar selber daran zweifelt, dass der Mensch seine Verhaltensmuster durch Einsicht ändert, fordert er seine Zuhörer immer wieder dazu auf, eigene Ziele zu setzen und diese konsequent zu verfolgen. Immerhin betont er, dass wir auf der Basis unserer persönlichen Geschichten handeln und Veränderungen deshalb mühsam sind und Zeit brauchen. Aber das rettet sein Konzept nicht, den freien Willen in Frage zu stellen und ihn trotzdem vorauszusetzen.
Wolfgang Seidel scheitert nicht als erster daran, Erkenntnisse der modernen Hirnforschung mit den klassischen Modellen der Motivationspsychologie zu verbinden. Nur versucht er noch stärker als andere Autoren, die Widersprüche mit wissenschaftlicher Beredsamkeit zu überdecken. Was in seinen 22 Textkästen "Wissenswertes - Nachdenkliches" steht, ist eine bunte Mischung aus Hirnforschung, Pädagogik, gut Gemeintem und allgemein Bekanntem. Daher erstaunt es nicht, wenn ich auch bei Seidel lese, man dürfe kein Selbstmitleid haben, müsse sich Ziele setzen und solle die Gesetze und Regeln einhalten. Die "Wir-Form" erinnerte mich oft an Therapeuten, die ihre Klienten "Wie geht es uns heute?" fragen. Warum ich mit diesem Lebensratgeber auf wissenschaftlicher Basis so Mühe hatte, drückt am besten ein Satz in Seidels Schlussbemerkung aus. Er lautet: "Wir haben uns vorgenommen, von nun an Datenmaterial bewusst im Gehirn so abzuspeichern, dass es die Grundlage unseres künftigen Verhaltens möglichst vorteilhaft modifiziert." Würde sich das menschliche Gehirn so einfach überlisten lassen, wäre die Welt schon fast so ideal, wie es sich Wolfgang Seidel wünscht. Aber wie unsere Erfahrungen und die Neurowissenschaften zeigen, sind dem Gehirn fromme Wünsche ziemlich egal.
Alle Hormone und biochemischen Vorgänge zu kennen, macht uns noch lange nicht zu optimistischen selbstbewussten Menschen. Selbst wenn es so wäre, dass Sympathie automatisch zum Erfolg verhilft, müsste ich dem Unbewussten zuerst verklickern, mehr für sympathisches Verhalten zu tun. Und zu hören, dass Führungskräfte auch Fehler machen dürfen, hilft mir ebenfalls nicht viel weiter. Zumindest aus der beruflichen Biographie des Autors kann ich es nachvollziehen, dass er noch immer daran glaubt, Wissen sei für Veränderungen unabdingbar. Wenn andere Leser offenbar die Erfahrung machten, dass man sich Seidels Lösungswege ganz leicht zu Eigen machen kann, finde ich das schön. Meine Zweifel an der Wirksamkeit solcher Wissensbücher bleiben dennoch bestehen.
Mein Fazit: Wolfgang Seidel, ehemaliger Chefarzt für Allgemeinchirurgie und heute freie Mitarbeiter im Management-Training, versucht auf 400 Seiten Gehirnforschung und emotionale Kompetenz unter einen Hut zu bringen. Das gelingt ihm meiner Meinung nach schlecht, weil er verschiedene Modelle nach Gutdünken verwendet und vermischt. Obwohl der Autor einräumt, dass menschliches Verhalten vorwiegend vom Unbewussten gesteuert wird, appelliert er immer wieder und eindringlich an das Bewusstsein seiner Leser. Und wir wirkungsvoll solche Aufrufe sind, zeigen außer Erfahrungen auch zahlreiche Studien.