"Emotional intelligent zu sein, ist die Freiheit, die Gefühle zu haben, die Sie haben möchten." So jedenfalls sieht es Marc A. Pletzer. Der Autor, NLP-Trainer und Geschäftsführer der fresh-academy, verspricht dem Leser, dass er spätestens am Ende des Buches bereit sein wird, alle unnötigen Ängste hinter sich zu lassen - für immer. Das Versprechen ist so subtil formuliert, dass der Autor sich sauber aus der Verantwortung stehlen kann, wenn sich auch nach 202 Seiten nicht alle unnötigen Ängste in Luft aufgelöst haben. Woher Marc A. Pletzers Hang zu grossen Versprechen kommt, weiss ich nicht. Aber wenn er auf Seite 25 behauptet, er bringe dem Leser bei, wie er neuronale Verknüpfungen jederzeit ändern und der heutigen Lebenswelt anpassen könne, erzählt er schlicht und einfach Unsinn. Bevor ich also zur Lektion 1 kam, hatte der Autor bei mir genau das Gegenteil seiner Absichten erreicht, statt mein Wohlwollen zu aktivieren, weckte er meine Abwehrkräfte. Um herauszufinden, ob Pletzers Versprechen System haben, schaute ich mich auch auf seiner Website um. Und als ich dort las, dass er seine Kursteilnehmer zu Nummer 1 macht, machte ich den Link wieder zu.
Da ich im Laufe der Jahre lernte, einen negativen Einstieg überwinden zu können und mir die NLP-Welt nicht unsympathisch ist, stieg ich mit motivierender Neugier in das Trainingsprogramm ein. 39 Fragen sollen dazu dienen, die eigenen emotionalen Fähigkeiten besser einschätzen zu können. Mich irgendwo im Durchschnitt einreihend, hängte ich mich in die erste Übung, mit der es mir gelinge sollte, ein früheres Vorbild loszulassen, das mich an der weiteren Entwicklung hindert. Allerdings überlässt es Pletzer seinen Lesern, wie sie das machen sollen. Der Tipp, der darauf folgt, lautet: "Machen Sie sich bewusst, dass ein emotional reiches Leben erheblich lebenswerter ist, als ein emotionale verarmtes Leben." Na ja. Wie ich alle Glaubenssätze loslasse, die ab sofort für mein Leben nicht mehr förderlich sind, lerne ich in der nächsten Übung. Ich muss mir einfach anstelle des Glaubenssatzes einen Gegenstand oder ein Symbol vorstellen und dann dieses Symbol in ein Museum stellen, wo ich es immer mal wieder aus der Ferne betrachten kann. Nach einer weiteren Übung zur Überwindung von Vorurteilen folgt die zentrale Frage, ob ich ein Kopf- oder ein Bauchmensch sei. Einen Leser, der sich intensiv mit Neurowissenschaften auseinandersetzt, verstimmt diese Frage so sehr, dass der Fortgang der Lektüre arg gefährdet ist. Da hilft auch der Tipp wenig, mich ab sofort häufiger an positive Situationen, Menschen und Ereignisse zu erinnern.
Da eine Rezension keine Buchzusammenfassung ist, teile ich dem Leser vor meinem Fazit nur noch mit, worum es in den folgenden, nach dem gleichen Muster gestrickten Lektionen geht. So werden Sie selbstbewusst - So motivieren Sie sich richtig - So planen Sie sinnvoll - So trainieren Sie Ihre sozialen Fähigkeiten - So werden Sie zum Kommunikationsprofi - So meistern Sie die Königsdisziplin Empathie. Möglich, dass es Leser gibt, die diese Ziele mit Hilfe dieses Buches erreichen. Ich glaube allerdings nicht daran, auch wenn zahlreiche Übungen durchaus sinnvoll sind. Marc A. Pletzer hat einfach ein anderes Weltbild als ich, was sich übrigens auch in der Literaturliste niederschlägt. Dort empfiehlt er die Lektüre von Daniel Golemann, unterschlägt aber ausgerechnet dessen Buch "Soziale Intelligenz", in dem Golemann die neusten Erkenntnisse der Neurologie berücksichtigt. Und das 1981 erschienene Buch von Alice Miller "Du sollst nicht merken" legt er seinen Lesern mit dem Hinweis ans Herz, hier habe sich endlich jemand getraut, aus der überkommenen Welt Sigmund Freuds herauszutreten. Das sollte man allerdings erst, wenn man die Welt des Unbewussten einigermassen begriffen hat.
Mein Fazit: Marc A. Pletzer leitet bedauerlicherweise Wasser auf die Mühlen derer, die NLP für esoterische Scharlatanerie halten. Das ist deshalb schade, weil uns verantwortungsbewusste und bescheidene NPL-Trainer durchaus etwas zu sagen haben. Wir können unsere emotionale Intelligenz verbessern, auch mit Übungen, die in diesem Buch zu finden sind. Aber allzu grossmundige Versprechen führen zu Enttäuschungen, die Fortschritte wieder unnötig gefährden.