1. Bemerkenswerte Einführung
Das ist die beste Junius-Einführung, die ich gelesen habe. Dazu gemacht wird sie über drei positive Eigenheiten: Das philosophische Umfeld von Emanuel Levinas wird umfangreich und solid ausgeleuchtet. Wenn Stegmeier Zitate erklärt, dann klopft er zweitens unter Umständen die ganze Philosophiegeschichte ab, so z.B. zum Begriff Krieg (S.154 ff.). Durch die beiden Zugriffe entsteht drittens eine kleine Philosophiegeschichte vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts, aber nicht nur.
Die Einführung ist aus denselben Gründen etwas dicker ausgefallen als andere (249 Seiten).
2. Levinas Denken
So eine Einführung ist schon selbst ein kräftiger Auszug. Bei dem grossen Werk von Levinas wird das deutlich. Hier das Ganze noch weiter zusammenzuschnurren, scheint aussichtslos. Also gebe ich hier ein paar Gedanken wieder, die mir gefallen haben.
2.1. Der falsche Mainstream
Bei Levinas bedeutet das Stichwort griechisch" philosophisch im Sinne der westlichen Philosophie mit dem Anliegen, alles auf einen allgemeinen Grund zurückzuführen. Das Allgemeine war wichtig, nicht das Einzelne oder das Individuum. Damit verbinden sich zwei Probleme: Die Systeme kippen mangels Realitätsbezug gerne bei der Anwendung um, sie kippen um in totalitäre Politik. Die Neutralität, das Leisetreterische, die dem Allgemeinen anhaftet, verhilft nicht zu politischer Kompetenz, wie Levinas mit Hinsicht auf Heidegger bemerkt.
2.2. Der moralische Moment
Der absolut Andere kommt als Störung an. Denkerisch ist dem Anderen nicht beizukommen. Die Begegnung mit seinen schutzlosen Augen indessen kann zu einem moralischen Moment führen: Sein Leid rührt mich an, es stellen sich Fragen dazu, das Leid des Anderen stellt Fragen zu mir selber, ohne dass die Trennung zum Anderen aufgehoben würde. Moral ist damit etwas ganz anderes als gemeinhin angenommen. Es ist kein Sollen. Die Soll- oder Moralgemeinschaften müssen ein- und ausschliessen, womit sie wieder dem Totalitarismus zuspielen.
Nur noch zwei scharfe Gedanken von Levinas:
2.3. Der Einzelne ist wichtig und er trägt viel
Jeder trägt die Welt, er ist unbegrenzt verantwortlich, verantwortlich für alles was er tut und nicht tut, verantwortlich für das, was er denkt, verantwortlich für das Leid selbst des fernen und unbekannten Anderen.
Eine allgemeine Rechtfertigung darf es dafür nicht geben, denn diese zerstörte die Verantwortung (S. 142), wie sie hier verstanden wird. Moral entsteht aus der Begegnung mit dem schutzlosen Anderen.
2.4. Der Einzelne und sein Staat
Der Staat ist nur legitim, solange er für die Einzelnen da ist. Der Staat, der die Tränen des Einzelnen nicht trocknen kann, sagt er einmal, ist illegitim. Dem Einzelnen darf selbst der Konsens der Mehrheit nicht entgegengehalten werden. (Anders Habermas)
Diese beiden bei Levinas wohlbegründeten Aspekte zeigen, dass Levinas radikal ist. Er muss es sein, denn auch er ist verantwortlich dafür, dass sich die Kalamitätengeschichte des 20. Jahrhundert zu Ende ist, dass kein Holocaust mehr Verwandte tötet wie seine eigenen.
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Damit ist vieles Wichtige nicht gesagt. Levinas Beziehung zu und seine Schriften über das Judentum und die Thora zum Beispiel.
Mich hat auch Levinas Leben gerührt, vom litauischen Kaff über zwei Fremdsprachen zur Professur an der Sorbonne.
Fazit
Emmanuel Levinas ist hochinteressant und Werner Stegmeier hat eine brillante Einführung geschrieben.