Hans-Ulrich Dapp hat 1990 mit diesem Buch eine Pionierleistung vollbracht, die auch heute noch mehr als lesenswert ist. Dapp hat damals das Schweigen gebrochen. Denn er hat seine bis dahin schamvoll verschwiegene Familiengeschichte für die Zeit des Dritten Reichs recherchiert und aufgeschrieben. Verschwiegen wurde diese Geschichte übrigens nicht wegen etwaiger Täterschaft oder Komplizenschaft, sondern aus Scham wegen des Opfers. Denn die Großmutter des Autors wurde als Psychiatriepatientin, als "Geisteskranke", im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten, der Aktion T4, in einer als Duschraum getarnten Baracke vergast. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb.
Dieser verschwiegenen Großmutter hat Dapp mit seinem Buch ein Denkmal gesetzt.
Die historischen Standardwerke zur Sache wie jüngst Michael Burleighs
Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945 oder Henry Friedlanders
Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung/
Der Weg zum NS- Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. brauchen solche flankierenden persönlichen Berichte, damit das Grauen ein Gesicht bekommt, und damit nicht nur Fakten und Analysen, sondern auch die Trauer ihr Recht bekommt.
Denn die Zahlen und Statistiken erschrecken als solche, aber hinter 1000 Ermordeten stehen 1000 persönliche Lebensgeschichten, Beziehungsgeschichten, Geschichten von Liebe und Enttäuschung, von Kindern und Geschwistern, von Eltern und Freunden - bis in die Gegenwart. Es ist eine alte Wahrheit, dass 1000 aus biologisch, medizinisch und ökonomisch rationalen Gründen ermordete Kranke kein Einzelschicksal x 1000 sind, sondern mit jedem ermordeten Patienten wurde eine Welt ausgelöscht. Arthur Schnitzler hat zurecht gesagt, dass die abstrakte Zahl von 1000 Opfern viel leichter zu ertragen sei, als wenn es um ein einziges Opfer gehe, dessen ganze Persönlicheit einem vor Augen steht.
Von daher:
Dieses gut geschriebene, gründlich recherchierte Buch ist beinahe Pflichtlektüre für jeden, der sich ein umfassendes Bild über diese dunkle Geschichte des Dritten Reiches machen will. Auch 20 Jahre nach seinem ersten Erscheinen. Als Familiengeschichte, Lokalgeschichte und Mentalitätsgeschichte ist es geradezu ein Beitrag zu modernen Fragestellungen der Geschichtsschreibung, auch und gerade in Bezug auf die Mentalität der Nachkriegszeit, der Zeit des Verschweigens und der Scham bis in die 1980-er Jahre. Und der Zeit, in der die sozialdarwinistische und die erbbiologische (Rassen-)Lehre der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch immer in den Köpfen steckte.
Gelungen ist dabei auch, dass der Autor aus dem Bericht heraustritt und in Briefform in den Dialog mit der referierten Geschichte geht - ein Kunstgriff, der sachliche Recherche mit persönlichen Emotionen und Fragen aus heutiger Sicht konfrontiert, ohne beides zu vermengen (auch das ist nebenbei bemerkt ein exquisites Vorgehen für eine historische Arbeit!).
Ferner zeigt das Buch eindrücklich, dass die Aktion T4 als Teil der Psychiatriegeschichte nicht nur eine Geschichte der Wissenschaft und ihrer Irrtümer oder gar nur eine Geschichte der Täter ist, sondern eben auch eine Geschichte der Opfer mit ihren vielfältigen Beziehungen in Familie und Gesellschaft.
Nicht zu vergessen ist, dass das Buch auch sehr erhellend die Sittengeschichte der Zeit nach dem ersten Weltkrieg im schwäbischen Kleinstadtmilieu nachzeichnet. Und nicht zu vergessen sind die hilfreichen Bilder, die dem Buch beigegeben sind, die auch optisch der Geschichte ein Gesicht geben.