"Emma" ist keine Fortsetzung von"Wie ein Stein im Geröll" und "Inneres Land", sondern steht als Roman auf eigenen Füßen und ist genauso lesenswert wie seine Vorgänger.
Auf eigenen Füßen stehen ist etwas, das Emma erst lernt: auf der Straße, abgeschnitten von ihrer Familie, vor allem der Tochter, zu der ihr der Zugang verwehrt wird. Früh verwaist, hat Emma jung ihre erste Liebe geheiratet und sich damit in den Schoß ihrer Schwiegerfamilie begeben, die fortan ihre Schritte und Geschicke überwacht hat. Ihr Mann ist nach Jahren vor sich hin plätschernder Ehe beruflich äußerst erfolgreich und strebt nun eine Laufbahn in der Politik an. Emma fühlt sich neben ihm immer unscheinbarer, manipulierter und zunehmend vom Leben abgeschnitten. Als sie sich verliebt, verlässt sie die Familie, die ihr ihrerseits eine Rückkehr unmöglich macht.
Getrieben von der Sehnsucht nach ihrer Tochter, beginnt Emma ein Tagebuch zu schreiben, in dem sie dem jungen Mädchen erklärt, warum sie gehen musste. Sie erwartet kein Verzeihen, aber erhofft sich Verständnis, eines Tages, vielleicht.
Als Leser ist man der stille Beobachter der Situation, fühlt sich aber auch über weite Strecken wie Emmas unsichtbarer Begleiter. Die Autorin beschreibt vortrefflich die Ausweglosigkeit der Situation, den tiefen Fall, die Hilflosigkeit der jungen Frau, aber auch den Beginn einer langsamen Rückkehr in ein anderes, selbstbestimmtes, jedoch völlig anderes neues Leben. Fassungslos muss der Leser dabei zusehen, wie die Dinge ihren Lauf nehmen. Man ist parteiisch, oder jedenfalls bin ich es, gerne würde ich eingreifen, wachrütteln, Wege aufzeigen. Die Verzweiflung Emmas überträgt sich vortrefflich auf den Leser. Die Abwärtsspirale ist nicht aufzuhalten. Das Buch hat destruktive Züge, betroffen bleibt man nach der Lektüre zurück, und trotzdem möchte man diesen Roman nicht versäumt haben. Nur den Blues sollte man beim Lesen besser nicht haben.