Vorneweg: ich liebe Jane Austens Bücher, Emma ganz besonders, und habe vorher drei Verfilmungen gesehen (die aus den 70ern und die beiden von 1996); es ist spannend zu sehen, wie verschieden die Interpretationen sein können, gerade in unterschiedlichen Jahrzehnten. Ich gehöre weder zu den JA- Puristen noch zu den Richard- Armitage- soll-Knightley-spielen- Verfechtern. Auch bin ich nicht so besessen von der Epoche, dass ich große Ahnung von den Feinheiten (Verhalten am Tisch, in der Öffentlichkeit, welche Musik wurde gesungen und welche noch nicht etc.) hätte bzw. darauf viel Wert legte . Ich achte bei den Verfilmungen in erster Linie auf die Charaktere, die Beziehungen zueinander, aber vor allen Dingen auf die Liebesgeschichte und die Chemie!
Das Drumherum soll mir ein gutes Gefühl verschaffen. Es muss für mich auch nicht jeder Satz oder jede Handlung aus dem Buch zu finden sein, ich akzeptiere Änderungen/Modernisierungen zugunsten der Dynamik von Geschichte oder Dialogen ohne Weiteres, wenn sie gut gemacht sind und ich den Rahmen und den Esprit des Buches wiederfinde. Und damit meine ich natürlich, so wie ich das Buch interpretiert habe.
Dementsprechend finde ich die Umsetzung der BBC brillant! Zum Inhalt schreibe ich nichts, weil der schon sehr gut in den anderen Rezensionen beschrieben wurde. Es folgen persönliche Eindrücke zur Umsetzung.
Ich war schon guter Dinge, weil Sandy Welch das Drehbuch geschrieben hat, mag ich doch schon die Jane Eyre- Miniserie von 2006 so gern.
Wie schön das Ergebnis ist, wenn man 4 Stunden Zeit hat, bei der Geschichte in die Tiefe zu gehen und die Beziehungen zu entwickeln! Für mich waren die Schauspieler perfekt für ihre Rollen. Eine Menge geschieht auf einer ganz subtilen Ebene- große Schauspielkunst, finde ich!- so dass dem Zuschauer auch ohne Buchkenntnis sehr schnell klar sein dürfte, wer hier wen liebt. Dabei bin ich ganz hin und weg von der Emma- Knightley- Chemie. Das liegt natürlich daran, dass Mr. Knightley von allen, die ich bisher gesehen habe, am meisten dem Buch- Knightley entspricht bzw. so wie er in meiner Vorstellung ist. Vorteilhaft: Jonny Lee Miller habe ich zuvor noch nie gesehen, so dass ich keinerlei Assoziationen zu anderen von ihm gespielten Figuren hatte. ICH finde diesen Knightley wundervoll und habe alle Szenen mit ihm sehr genossen (vor allem den Ball im Crown Inn!).
Miss Bates, die in sämtlichen Verfilmungen eher lächerlich-komisch dargestellt wird, wird mit ihrer Geschichte auch sehr gut ausgearbeitet. An einigen Stellen hat sie mich zu Tränen gerührt.
Die Eltons werden auch herrlich gemein gespielt, vor allem Mr. Elton darf mal gut aussehen wie im Buch, und Blake Riston spielt ihn so toll, dass man mit ihm nicht in einer Kutsche allein sein möchte.
Am meisten hat mich gefreut, dass John und Isabella nicht vernachlässigt wurden, da ich sie, vor allem John, im Buch schon sehr gerne hatte. Dadurch wird die ganze Familie Woodhouse-Knightley sehr lebendig. Mr. Woodhouse war für mich auch gelungen dargestellt, sehr gut gefallen hat mir in dem Zusammenhang, dass zwischendurch immer mal wieder deutlich wird, dass Emma sich um ihn und Hartfield kümmern muss und wegen dieser Verpflichtungen z.B. nicht reisen kann wie die meisten anderen.
Emma selbst war für mich ideal getroffen (in meiner Vorstellung ist sie übrigens immer blond, aber das ist nur das Äußerliche). Romola Garai spielt sie so glaubhaft, dass man Emma trotz ihrer Fehler einfach gerne hat.
Kostüme, Drehorte (welch ein heimeliges Hartfield!) und die tolle Musik haben das Ganze so unterstützt, dass es zu meiner liebste Jane Austen- Adaption geworden ist.
Schade, dass es enden musste (übrigens ist das Ende so schön, danach habe ich Mr.Knightley noch mehr verehrt)! Würde ich mir etwas wünschen können, dann wäre es eine 6- Stunden - Version: es wären noch ein paar Buchszenen mehr hinzugekommen (noch ein paar herrliche Emma- Knightley- Gespräche), und es hätte noch etwas mehr zu Harriet gegeben, denn die Geschichte mit Robert ( dass sie doch immer wieder an ihn erinnert wird oder auf ihn oder seine Schwestern trifft) wurde nicht so explizit gezeigt und Nichtkenner könnten sich am Ende wundern. Wobei ich von Harriet an sich nicht mehr sehen muss. Auch empfinde ich die Zeit, nachdem sich das Hauptpärchen gefunden hat, in Filmen als langgezogenes Ende, darum fand ich die Dosierung hier gut.
Zur Synchronisation kann ich nichts sagen, da ich immer im Original schaue und ich mir vorstellen kann, dass die Lebendigkeit bei der deutschen Fassung nicht so rüberkommen. Außerdem hat Mr. Knightley einfach so eine schöne Stimme...ich empfehle grundsätzlich den Originalton, ggfls. mit Untertiteln.
Wer also eine humorvolle, positiv stimmende, romantische und schön fotografierte Geschichte mit starken und glaubhaften Charakteren, exzellenter Chemie und der großen Liebe genießen möchte, kann hier zugreifen.
Wer bereits seine Lieblings-Adaption, seinen Lieblings- Knightley oder seine Lieblings- Emma gefunden hat (oder eben noch nicht), Wert auf die epochalen Genauigkeiten bei der Etikette legt und/oder zu den JA-Puristen gehört, wird sicherlich auch Dinge finden, die ihm nicht gefallen. Das wird mir dann bei der nächsten Verfilmung so ergehen.
Wer sich noch fragt, was diese lange Meinung unter einem Kürze suggerierenden Titel macht- ich habe mich schon kurz gefasst!