Für mich persönlich war es der letzte Ausflug in die Trivialliteratur, ich bin einfach "zu alt" geworden, für diese Art von Büchern. Zu sehr Realistin, als dass ich mich gnadenlos in solche Geschichten hineinträumen bzw. überhaupt je glauben könnte. Ich bin ganz einfach nicht (mehr) die Zielgruppe.
Hall schreibt besser, als man so einem Buch zugestehen würde. Sie hat den romantischen Landhaus-Schreibstil ganz gut drauf und auch die "Grundidee" ist nicht schlecht. Allerdings happert es an der Ausführung. "Emiliys Sehnsucht". Warum dieses Buch so heißt, wurde mir 494 Seiten nicht klar, denn es geht nur ganz periphär um Emily. Hauptprotagonisten sind Joanna, Harriet und Audrey; eine Töchter-Mutter-Beziehung, die etwas eigenartig konstruiert wirkt. Audrey, die Mutter, ist - na sagen wir es höflich - sehr Mann-umwerbend eingestellt und latscht mit blauen Chiffonkleidchen zum Maulbeer-Beeren pflücken; weiters lädt sie jeden Handwerker der Umgebung zu sich ein und macht ihm schöne Augen. Das Klischee wird also vollends bedient. Harriet, ist mit 35 Jahren immer noch Jungfrau, natürlich sehr verschroben und unfreundlich; meldet sich ausgerechnet bei einer Internet-Dating-Agentur an und lernt prompt die falschen Männer kennen; lässt sich vom falschen entjungfern und spielt sich auf wie eine 15jährige. Nächstes Klischee abgehakt. Und dann ist da noch - die schöne, blonde, schlanke - Joanna, erfolgreich als Journalistin, deren Mann sie betrügt und sie nach Hause zu Mutter läuft um ihre Wunden zu lecken; weil dann doch die ganze Arbeit am Bauernhof auf sie zukommen würde, nimmt sie einen Auftrag an und macht "Brückenspaziergänge" in Venedig, Lissabon und Prag. Und weil das Klischee noch nicht ganz bedeckt ist, erfindet Hall noch schnell ein paar - noch nie am Dachboden gefundene - Briefe. Hall fängt aber nicht - wie üblich -, die Briefe an zu schreiben, sondern zitiert nur Sätze daraus und da auch immer denselben. Und da ihr irgendwann nichts mehr eingefallen ist, wird noch schnell eine Parallel-Story eingefügt, mit Protagonist Nicolas, der ebenso seine Wunden leckt, da er nach 20jähriger Ehe von seiner Frau aufgrund Langeweile verlassen wurde. Gäääähhhhhnnnnnnnn
Fazit: Hall hat einen besseren Schreibstil als man vermuten würde. Die Protagonisten erscheinen anfangs recht entspannt und liebenswürdig. Allerdings hat Hall die Geschichte unglaublich aufgeblasen und in die Länge gezogen, so dass man als Leser zum Blättern anfängt; so nach dem Motto: Passiert irgendwann mal etwas? Die Stadt Venedig ist gut recherchiert; Lissabon und Prag kenne ich nicht, daher kann ich das nicht bestätigen. Allerdings wird auch das immer kürzer gehalten. Fürchterlich lange erscheinen dem Leser die Monologe von Joanna und Nicolas zu ihren jeweiligen Trennungen; irgendwann wird das zuviel. Harriet ist eine dumme naive Gans, die die ganze Schuld an ihrem verkorksten Leben an die Mutter abwirft, anstatt sich jemals um ihr eigenes gekümmert zu haben. Es gibt sicher die Leser für solche Romane. Ich hingegen muss leider sagen, dass es mein letzter Ausflug in diese Welt war, es ist und bleibt nicht meine. Wer Geschichten á la Nora Roberts, Sarah Lark und Rosamunde Pilcher mag, wird hier gut bedient sein. Allen anderen rate ich von dem Buch ab: zuviel Klischee, zuviel Pathos, zuviel Schmalz, zuviel Dummheit, zuviel Naivität, zuviel Realitätsverlust. Man muss im Leben auch mal erkennen können, dass gewisse Bücher einfach nicht dem eigenen Lesestil entsprechen.