Zum Alltag gehört das Internet inzwischen bei den meisten Menschen. Gedankenlos (wenn auch in einem guten Sinne) wird es meistens genutzt. Der Medienwissenschaftler Stefan Münker vermag es jedoch, diese Haltung einzugrenzen mit seinem Buch 'Emergenz digitaler Öffentlichkeiten'. Obwohl sich der Titel eher anspruchsvoll anhört, so ist Münkers Buch jedoch ein gut lesbares und anschauliches Taschenbuch. Es gibt dem Leser die Gelegenheit, über die eigene Alltäglichkeit nachzudenken. Münker vertritt dabei nicht die Rolle des maximal kritischen Zeitgenossen, er hebt das Internet aber auch nicht in den Himmel.
Mit beiden Füssen auf dem Boden und dem realistischen Sinn für die Möglichkeiten und Grenzen begleitet Stefan Münker den Leser durch die Aussenbetrachtungen des Internets. Man ahnt immer wieder, welche Entwicklungen die sogenannte digitale Revolution nehmen könnte. Er lässt sich jedoch nicht hinreissen, zu konkrete Prognosen zu formulieren, sondern bleibt ' wohl bewusst ' in der Gegenwart. Immer wieder macht er einen Rückgriff auf historische Entwicklungen, schaut darauf, wie Buchdruck und Fernsehen beispielsweise den Alltag der Menschen verändert haben.
Entscheidend ist Münkers Sicht, dass eine Flucht aus den digitalen Welten in der Gegenwart gar nicht mehr möglich ist. So schreibt er: ' '. es ist die Tatsache, dass sich im Spiel mit den offenen technischen Möglichkeiten Weisen ihres Gebrauchs als neue soziale Aktionsarten etabliert haben, die, alles andere als technisch determiniert, so nie hätten vorhergesagt werden können '..' Eine solche Argumentation wird deutlicher, wenn Münker thematisiert, wie schwer sich die traditionellen Massenmedien (Zeitungen, Fernsehen, ') tun, in der Gegenwart mit den virtuellen Realitäten zurechtzukommen.
Münker thematisiert beispielsweise, dass aus Redaktionen heraus die Ansicht vertreten wird, der Journalismus sei an Zeitungen, Radio oder Fernsehen gebunden. Die Wirklichkeit scheint diese traditionalistischen Anschauungen zu wiederholen. Vielmehr scheint es ja so zu sein, dass vielen die Entwicklungen des Journalismus noch nicht klar zu sein scheinen. Für die zeitgenössischen Journalisten müsste es eigentlich Anregung genug sein, über das eigene Arbeiten nachzudenken. Schliesslich reicht es einem journalistischen Establishment nicht, dass Internetjournalismus möglicherweise dazu neigt, 'per se unprofessionell, amateurhaft, subjektiv, ohne kritische Recherche und inhaltlichen Tiefgang gedacht und geschrieben' zu werden. Wer dies jedoch mit den redaktionellen Realitäten in Beziehung setzt, dass man sich beispielsweise auf Agenturarbeit verlässt, muss einen Nachdenkensprozess in Gang setzen.
Andererseits schreibt der Medienwissenschaftler Münker: 'Der journalistische Geist der gedruckten Presse kann ' und muss ' weiterleben, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil er identisch ist mit der Idee einer lebendigen Demokratie: Ohne das publizistische Gegengewicht einer funktionierenden Medienlandschaft kann keine Aufklärung, keine Medienbildung mehr stattfinden. Glaubwürdigkeit, Orientierung, Unabhängigkeit sind die Pfunde, mit denen der Zeitungsjournalismus nach wie vor punkten kann.' Es stellt sich natürlich die Frage, wie auch der virtuelle Journalismus den Weg in einen solchen Geist finden kann. Es stellt sich eher die Frage, was die Erotik der papiernen Zeitung und des Buchs eigentlich ausmacht.