Das Buch wurde mir empfohlen. Da ich es nun gelesen habe, will ich es auch besprechen.
Sehr lesenswert fand ich den einleitenden Artikel der beiden Herausgeber, in dem die unterschiedlichen Auffassungen zum Emergenzbegriff, dessen unterschiedliche Definitionen und Verwendungen und die Konsequenzen für die Wissenschaften (inkl. einer denkbaren Hierarchisierung der Disziplinen) dargelegt werden. Außerdem findet sich darin eine knappe Zusammenfassung der Kernaussagen der Beiträge des Buches.
Das Buch ist in 3 Teile gegliedert:
I. Emergenz und Reduktion
Die darin befindlichen Artikel sind überwiegend theoretischer Art.
II. Emergenz und die Sozialwissenschaften
Dieser Teil ist der bei Weitem umfassendste des Buches.
III. Emergenz, Evolution und Kooperation
Bei den sozialwissenschaftlichen Beiträgen geht es sehr stark um das sog. Mikro-Makro-Problem. Die Abhandlungen sind überwiegend theoretisch gehalten und infolgedessen schwer zu lesen. Das müsste meiner Meinung nach nicht sein, denn mit der Unternehmenswelt bietet sich den Sozialwissenschaften ein breites Anwendungsspektrum an, was aber bedauerlicherweise kaum genutzt wird. Symptomatisch dafür ist der Artikel "Emergenz und Konstitution in Mehrebenenselektionsmodellen" von Peter Kappelhoff, der meiner Meinung nach noch zu den lesbarsten und interessantesten Beiträgen des Buches gehört. Er ist einer der Artikel, die sich eingehend mit dem Mikro-Makro-Problem oder meinetwegen auch Makro-Mikro-Makro-Problem beschäftigen. Auf S. 323 scheint der Autor plötzlich selbst zu merken, wie er die Leserschaft bei seinen theoretischen Erörterungen zu verlieren beginnt: "Zum besseren Verständnis der folgenden abstrakten Argumentation gehe ich exemplarisch kurz auf die Modellierung des Prozesses der optimalen Nahrungssuche von Ameisenkolonien ein." Es tut mir leid, aber wenn Sozialforscher bei ihren Beispielen auf Insektensozialstaaten (d.h. auf die Biologie) zurückgreifen müssen, dann läuft irgendetwas schief. Und ganz nebenbei dachte ich noch: Schade, dass man bei der Gelegenheit nicht gleich auch noch die gewohnte Geheimsprache abgelegt hat, um sich stattdessen wie in den Naturwissenschaften auszudrücken.
Warum dann doch 4 Sterne? Weil der allerletzte Beitrag "Emergenz im Bienenstock - über die Ressourcenverteilung und die Heizaktivität der Honigbienen" von Rebecca Basile für mich ein Highlight ist. Im Grunde hätte es mir gereicht, die sehr gute Einleitung der Herausgeber und eben diesen Artikel zu lesen. In einfachsten Worten macht die Autorin deutlich, dass ein Bienenstock eben nicht nur von der Einzelbiene aus verstanden werden kann. Er zeigt nämlich Leistungen, Verhaltensweisen und Eigenschaften (und damit Lebensraumkompetenzen), die über die Merkmale der Einzelbienen weit hinausgehen und sehr viel mit der Art ihrer Arbeitsteilung zu tun haben, wie die Verfasserin eingehend erläutert. Entsprechend wird er von ihr als komplexes adaptives System bzw. Superorganismus bezeichnet. Schön auch, dass sie sich nicht in komplexen Emergenzbegriffsdefinitionen verliert, sondern sich auf die praktikable Variante von Ernst Mayr beruft (373): "Emergenz in Systemen ist (...) 'das Auftreten von Merkmalen auf höheren Organisationsebenen, die nicht aufgrund bekannter Komponenten niedriger Ebenen hätten vorhergesagt werden können'." Manch langwierige Mikro-Makro-Diskussion erübrigt sich damit.
Dabei ist der Artikel dennoch äußerst anspruchsvoll. In den Fußnoten finden sich Literaturhinweise zu R.B. Laughlin, S. Kauffman, J.H. Holland, J. Tautz, E.O. Wilson, W.M Wheeler, T.D. Seeley und was sonst noch alles Rang und Namen bei dem gewählten Thema hat. Er bewegt sich somit insgesamt auf einem hohen theoretischen Niveau.
Gleichzeitig befindet sich darin eine Anmerkung, die im Grunde als eine restlose Widerlegung der
Theorie der egoistischen Gene gewertet werden muss (382): "Letztendlich gibt es Situationen in einem Bienenstaat, in denen die Verwandtschaft zwischen den Arbeiterinnen und der nächsten Generation dauerhaft auf null reduziert wird. Wenn ein Stock eine neue Königin bekommt und diese schließlich ausfliegt, um sich mit diversen Drohnen zu paaren, dann existieren keine Verwandtschaftsbeziehungen zwischen der neuesten Generation und den Arbeiterinnen, auf deren Hilfe sie zwingend angewiesen ist. Dennoch verrichten diese Tiere ihren Dienst, ohne zu zögern oder die neue fremde Generation weniger gut zu versorgen als die vorherigen."
Meiner Meinung nach bedeutet das auch, dass die Evolution der Honigbienen auf Superorganismusebene (auf Makro-Ebene) nicht rein darwinistisch beschreibbar ist. Man bräuchte für solche Fälle also ein anderes evolutionstheoretisches Fundament, wie es beispielsweise mit der Systemischen Evolutionstheorie bereits vorgeschlagen wurde.