Man mag über die Flaming Lips sagen, was man will: Diese Band kennt keinen Stillstand. Nachdem sie mit "The Soft Bulletin" 1999 ein Meisterwerk veröffentlichten und mit einem tollen Konzeptalbum ("Yoshimi...") folgten, gab es danach erstmal nur die Lips Im Weichspülmodus. "At War with the Mystics" und "Christmas On Mars" waren zwar alles andere als mainstreamtauglich, für Lips-Verhältnisse jedoch wieder so poppig wie nie. Man mag das Mutlosigkeit nennen.
Nun ist "Embryonic" eine Art Befreiung. Hier lässt das verrückte Genie Wayne Coyne alles aus sich heraus, was sich in den Nullerjahren bei ihm angestaut zu haben scheint. Keine Kompromisse mehr - nur noch die Flaming Lips. Das Ergebnis ist zugleich faszinierend und verstörend. Bei vielen Alben wird das Wort "Kontrast" beschworen: Kontrast zwischen dem Schönen und Hässlichen, dem Lauten und dem Leisen, dem Schnellen und den Langsamen. Bei "Embryonic" ist Kontrast alles.
So blasen einem erstmal spacige Töne ins Gehirn wenn das Album mit "Convinced of the Hex" loslegt. Dazwischen unzählbare Ebenen von düsteren Samples, die gewohnt überdrehten Drums. Irgendwo dahinter die Stimme Coynes, die gekonnt Paranoia verbreitet. Man mag sagen, dass man sich gleich bei den Lips Zuhause fühlt. Denn im Grunde ist dieser Song von der Struktur her ein einfacher Popsong. Doch die Lips setzen alles daran, ihm ihre eigene abgedrehte Note zu verpassen.
Ein Schema, das sich durchzieht und hier und da mutiert - entweder hin zum Schönen ("I can be a frog", "See The Leaves") oder hin zum Verstörenden ("Your Bats", "Worm Mountain"). Un typisch für die Flaming Lips packen sie ihren zugänglichsten Song ("Watching the Planets") ganz an den Schluss. Hier ist der Beat dermaßen überzogen, dass es einem erstmal ins Gebein fährt. Wenn jedoch die Organs einsetzen und Coynes Stimme ("Oh, oh, oh, watching the Planets align!") dem Song eine einzigartige Atmosphäre verpasst, vergibt man den Flaming Lips alle Untaten, die einem auf den vorherigen Songs angetan wurden.
"Embryonic" ist ein zwiespältiges Album geworden. Die Qualität der Platte wird sehr stark vom Hörer und seiner Toleranz abhängen. Denn hier handelt es sich um die schlichtweg böseste Platte der Flaming Lips. Ein voller, teilweise schmerzhafter Sound, gespenstische Melodien, dazwischen Momente epischer Schönheit, die so isoliert wie eine Oase sind in der lip'schen Schrottwüste, und gerade deswegen ihre ganze Pracht entfalten können.
"Embryonic" ist ein Monstrum, das Aufmerksamkeit will. Ob es die auch bekommt, ist schlicht eine Frage des Geschmacks.
Für mich ist die Platte wertvoll, gerade weil sie einem so viel abverlangt: Das Gefühl zwischen Abscheu und Bewunderung pendelt hin und her, und es pendelt heftig. In welche Richtung Ihr Pendel ausschlagen wird, ist hier die besonders spannende Frage.
9/10