Fachleute aus vier Disziplinen fanden sich zusammen, um Embodiment in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Die Vertreter von Embodiment kommen aus der Kognitionswissenschaft und gehen davon aus, dass Intelligenz einen Körper benötigt, also eine physikalische Interaktion voraussetzt. Allgemeiner versteht man darunter die Bedeutung der Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche. Die Zeit für einen Popularitätsschub des neuen Begriffs ist günstig, weil die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung für die notwendige Aufmerksamkeit sorgen. Ein Wagnis sei das Buch trotzdem, ist im Vorwort mehrmals zu lesen. Und den Lesern wird denn auch die Fähigkeit abverlangt, sich auf vier verschiedene Sprachstile und Begriffssysteme einzulassen. Hoffentlich schafft da auch ein wissenschaftlich wenig geschultes Publikum. Zumal die Autorinnen und Autoren viel unternehmen, um das Verständnis zu fördern. Vor allem das allgemeine und anatomische Glossar ist hervorragend gemacht und steht in seiner Qualität ziemlich einzigartig da. Literaturangaben, Internetadressen, Schlagwort- und Personenverzeichnis sind im umfassenden Anhang ebenfalls zu finden. Einen wichtigen Beitrag zur besseren Verständlichkeit leistete außerdem der Gestalter Peter E. Wüthrich.
Der Reigen der vier Fachleute eröffnet Wolfgang Tschacher, Spezialist für Selbstorganisation und dynamische Prozesse. So interessant seine Ausführungen auch sind, ich hätte sie nicht an den Anfang gestellt. Logisch macht das zwar Sinn, doch der neugierige Leser hat es so gleich mit einem Gebiet zu tun, das ihm in dieser Darbietung wohl eher fremd ist, weil er Fachspezifisches zur künstlichen Intelligenz kaum in diesem Buch erwartet. Maja Storch, die sich mit ihren Büchern im Grenzbereich von Neurologie und Psychologie bereits einen Namen machte, wird man besser verstehen. Klar gegliedert, in anschaulicher Sprache, guten Illustrationen und beispielhaften Experimenten beleuchtet Maja Storch die menschliche Psyche. Auch Gerald Hüther ist ein erfolgreicher Buchautor und weiß, wie man Komplexes lesefreundlich reduzieren kann. Er führt die Leser in den neurobiologischen Teil ein. Am interessantestes fand ich das vierte Kapitel, für das Benita Cantieni verantwortlich zeichnet. Sie ist die Praktikerin, wenn es um das Zusammenspiel von Körper und Geist geht. Didaktisch geschickt zeigt sie, wo man beim eigenen Körper ansetzen kann, wenn man die Theorie des Embodiments konkret umsetzen will.
Mein Fazit: Ein Buch zu einem Gebiet, das sicher kein vorübergehender Trend sein wird und daher erste Maßstäbe setzt. Hervorragend gestaltet, mit viel Engagement und Liebe und Wagemut konzipiert. Die verschiedenen Begriffssysteme und weiten Exkurse störten mich trotzdem. Der damit verbundene Verlust eines Sterns soll aber niemanden davon abhalten, sich das Buch anzuschaffen und eine eigene Meinung zu bilden.