Eigentlich glaubte ich, schon sehr viel über Zweisprachigkeit zu wissen, denn wir lassen unsere Söhne als einsprachige Familie trotzdem zweisprachig aufwachsen, und so hatte ich mich bereits reichlich informiert und natürlich versucht, alles "richtig" zu machen. Bei uns sorgen englischsprachige Au Pairs für die Zweisprachigkeit. Und doch: ich habe viel Neues in diesem Buch gefunden, viele meiner Beobachtungen wurden bestätigt, und es tut einfach gut zu wissen, dass auch "echt" zweisprachige Familien mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie wir (z.B. Sprach-Verweigerung).
Nachdem ich das Buch gelesen hatte, fand ich, dass eigentlich alle Kindergärtnerinnen aus Kindergärten mit zweisprachigen Kindern das Buch mal lesen sollten, denn gewisse Situationen im Kindergarten standen nun in einem völlig anderem Licht. Vor der Lektüre dieses Buches hätte ich zugestimmt, dass in einem deutschen Kindergarten die Kinder deutsch sprechen sollten, und dass die Kindergärtnerin im Recht ist, wenn sie türkische Kinder auffordert, untereinander deutsch zu sprechen, weil dies unfair gegenüber den anderen Kindern ist, die sonst nichts verstehen. Erst durch das Buch wurde mir klar, dass sowas zur Sprachverweigerung führen kann, und dass die türkische Sprache hier ja gar nicht als "Geheimsprache" verwendet wird, sondern dass deutsch an dieser Stelle für die Betroffenen einfach unnatürlich wäre.
Das Buch basiert zum großen Teil auf Beobachtungen an deutsch-griechischen Kindern, und so sind auch die Beispiele kindlicher Äußerungen in deutsch-griechischer Sprache. Englisch wäre mir persönlich lieber gewesen, weil ich dann alles verstanden hätte (die griechischen Schriftzeichen lassen sich für einen Deutschen noch nicht einmal in irgendwelche Klänge umwandeln). Aber da die Autorin die griechischen Äußerungen gut erklärt, kann man dem Sinn des Buches gut folgen. Mit Englisch als Zweitsprache wäre es für mich flüssiger gewesen. Das Buch ist aber trotzdem wirklich für alle Sprach-Kombinationen geeignet.
Die Zusammenfassungen am Ende der jeweiligen Abschnitte ermöglichen es, den wesentlichen Inhalt des Buches kurz und prägnant vermittelt zu bekommen, aber so richtig interessant wird es erst, wenn man auch die Kapitel komplett liest. Viele Beispiele wird man an den eigenen Kindern in ähnlicher Form beobachtet haben, man erlebt sicherlich einige A-ha-Effekte. Unser Sohn war z.B. mit 3,5 Jahren felsenfest davon überzeugt, dass Au Pairs / Babysitter englisch zu sprechen haben, und als wir mal für ein paar Tage eine Albanierin hatten, die gebrochen Deutsch und kein Englisch konnte, gab es anfangs wirklich Verständigungsprobleme, weil unser Sohn sie ausschließlich auf Englisch ansprach, obwohl sie in gebrochenem Deutsch antwortete, und kein Wort Englisch verstand. Es war sehr amüsant, im Buch ähnliche Fallbeispiele zu finden!
Das Buch verweist auf zahlreiche Literaturquellen, es ist in einem leicht wissenschaftlichem Stil geschrieben, kann aber trotzdem von einem normal gebildeten Menschen problemlos verstanden werden. Die netten Fallbeispiele machen das Lesen zum Vergnügen, und die gelegentlichen Bebilderungen lockern alles angenehm auf.
Wie es sich für einen Ratgeber gehört, gibt es auch immer wieder gesammelt Tipps für den Umgang mit der Zweisprachigkeit. Ich finde, dass sogar Eltern von einsprachig aufwachsenden Kindern einiges aus diesem Buch mitnehmen können, weil viele Erklärungen zum Spracherwerb auch für einsprachige Kinder absolute Gültigkeit haben.