Kurzbeschreibung
Im täglichen Miteinander lassen sich Konflikte nicht immer vermeiden, das wissen Eltern aus Erfahrung. Doch was tun, wenn es im Umgang mit dem eigenen Kind, mit dem Partner, mit Verwandten oder mit Erziehern und Lehrern des Kindes zu Auseinandersetzungen kommt? Guter Wille allein reicht nicht immer aus, um Konflikte zu lösen. Es kommt vor allem auf einen konstruktiven Gesprächsstil an.
Klappentext
Diese und andere Situationen werden im Buch anhand von Beispielszenen anschaulich dargestellt. Dabei zeigt sich, daß es oft an eingefahrenen Verhaltensweisen liegt, wenn die Verständigung nicht richtig funktioniert.
Das Buch stellt geeignete Methoden vor, wie Eltern ihr Gesprächsverhalten effektiv verbessern und mit Worten überzeugen können: von Ich-Botschaften und Metakommunikation bis hin zu hilfreichen Gesprächsregeln. Manche dieser Methoden lassen sich ohne besonderen Aufwand umsetzen, andere erfordern etwas mehr Übung oder sogar ein Training. Kleine Tests und Übungsbeispiele erleichtern die praktische Anwendung.
Über den Autor
Auszug aus Eltern lösen Konflikte. So gelingt Kommunikation in und außerhalb der Familie von Rita Steininger. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mit Worten allein ist es nicht getan
Renate Klein durchquert mit ihrem vierjährigen Sohn Hannes den Supermarkt. Der Sprössling schiebt den Einkaufswagen und hilft eifrig beim Aussuchen der Waren. Nur schade, dass viele Dinge in den Regalen so weit oben stehen; zu gern würde Hannes die Auswahl allein übernehmen.
»Was brauchen wir noch?«, fragt die Mutter.
»Schokolade!«, antwortet Hannes wie aus der Pistole geschossen.
»Nein, Schokolade haben wir wirklich genug zu Hause«, protestiert Renate Klein und lenkt rasch vom Thema ab. »Ach, den Kaffee hätten wir beinahe vergessen! Komm, fahr den Wagen gleich mal da rüber!«
Der Sprössling denkt nicht daran. Zielstrebig steuert er das Regal mit den Süßigkeiten an. »Weiße Schokolade, die mag ich am allerliebsten!« Seine Stimme überschlägt sich fast vor Begeisterung über den tollen Fund.
Die Mutter bleibt unschlüssig vor den Kaffeesorten stehen. »Schätzlein«, sagt sie schließlich in schmeichelndem Ton, »lass die Schokolade stehen und komm zu mir. Ich brauche dich zum Aussuchen!«
Hannes kommt tatsächlich - mit weißer Schokolade. »Du kleiner Schlingel«, lächelt Renate Klein milde, »du hast doch gehört, was ich gesagt habe. Nun leg die Schokolade aber schnell wieder zurück.«
Der kleine Schlingel tut genau das Gegenteil. Mit Unschuldsmiene versenkt er die Schokolade im Einkaufswagen.
»Hannes«, mahnt die Mutter in singendem Tonfall, »ich sagte zu-rück-le-gen!«
Zögernd lässt der Junge die Hand in den Einkaufswagen gleiten und angelt sich die Tafel - da hat er schon das Papier aufgerissen und blitzschnell ein Stück Schokolade im Mund verschwinden lassen.
»Jetzt reicht's aber!«, platzt die Mutter heraus. Ihre Stimme ist plötzlich gar nicht mehr freundlich. »Das lasse ich mir nicht bieten. Heute Nachmittag gibt's Fernsehverbot!« Sekunden später drehen sich alle Köpfe ringsum zu dem kleinen Rumpelstilzchen, das mitten im Supermarkt ein wütendes Protestgeheul anstimmt ...
Die Botschaft muss stimmig sein
Renate Klein kann sich trösten, Szenen wie diese haben schon unzählige Eltern erlebt. Was ist passiert? Die Mutter hat aus gutem Grund beschlossen, ihrem Nachwuchs seinen Wunsch nach Schokolade abzuschlagen. Sie hat es nicht versäumt, den Entschluss klar zu begründen: »Wir haben genug Schokolade zu Hause.« Dann ist sie unversehens in einen Gewissenskonflikt geraten. Ob ihre Entscheidung nicht zu hart war? Sie kennt doch die Vorlieben ihres kleinen Süßschnabels, der sie wie niemand sonst um den Finger zu wickeln versteht. Sie will auch keinesfalls den Eindruck erwecken, sein Herzenswunsch sei ihr egal. Insgeheim fürchtet sie außerdem, durch ein klares Nein einen Aufstand zu provozieren - eine Situation, die ihr hier in der Öffentlichkeit peinlich wäre. Also versucht sie, die vermeintliche Härte ihres Entschlusses durch einen sanften, nachgiebigen Tonfall und ein Lächeln zu mildern. So bleibt letztlich dem Sprössling die Wahl überlassen, auf welche Botschaft er lieber hört: die der Worte (»Nein«) oder die der Stimme (»Jein«). Ja, welche wohl!
Eine solche Botschaft, wie sie Renate Klein ihrem Sohn übermittelt hat, bezeichnet man in der Kommunikationspsychologie als inkongruent (unstimmig). Das heißt, der Inhalt des Gesagten und die nonverbalen Signale stimmen nicht überein. Zu den nonverbalen Signalen gehören Tonfall, Aussprache, Körperhaltung und die mit der Aussage einhergehende Handlung. Wenn ein Vater etwa zu seinem Sprössling sagt: »Toll hast du das Legohaus gebaut!« und sofort ein paar Bausteine entsprechend seinen eigenen Vorstellungen umsetzt, ist das ein weiteres Beispiel für eine inkongruente Botschaft.
Botschaften bestehen, wie bereits erwähnt, aus mehr als Worten allein (Seite 15-16). Wissenswert ist dabei für Eltern, dass Kinder in der Regel eher auf den Tonfall der Stimme als auf den Inhalt des Gesagten hören. Manche entwickeln sogar ein so feines Ohr, dass sie ohne weiteres einen echten, aufrichtigen Tonfall von einem unechten, aufgesetzten unterscheiden können.
Jan Weber sitzt am Tisch und liest in der Wochenzeitung, als eine seiner Töchter den Kopf zur Tür hereinstreckt.
»Bis später, Papa! Wir gehen Tischtennis spielen!«
Der Vater hebt den Kopf, nickt zustimmend und lässt den Blick wieder auf die Zeitung sinken. Da fällt ihm plötzlich etwas ein. »Halt, mein Fräulein, hier geblieben!«, dröhnt er mit lauter Stimme, während sein Blick über die Zeitung wandert und die Textstelle sucht, an der er eben unterbrochen wurde. »Ihr müsst erst euer Zimmer aufräumen. Das war so abgemacht!«
Vorsichtig späht die Tochter noch einmal durch den Türspalt - und sieht, was sie erwartet hat: Der Vater liest weiter. Darauf beteuert sie hastig: »Das machen wir morgen, ehrlich. Kathrin ist schon rausgegangen, ich muss mich beeilen. Ciao!« Und schon fällt die Haustür hinter ihr ins Schloss.
In diesem Fall ist die Botschaft des Vaters in zweifacher Hinsicht unstimmig. Der laute Befehlston ist aufgesetzt; der Vater will damit zwar Entschlossenheit demonstrieren, ist aber von vornherein überzeugt: Es wird nichts nützen. Dementsprechend sieht er, nachdem er seiner Pflicht Genüge getan und die Tochter auf die getroffene Vereinbarung aufmerksam gemacht hat, die Tatsachen als vollendet an - und vertieft sich wieder in seine Lektüre. In seiner Körperhaltung liegt keine Spur von Entschlossenheit.
Kinder brauchen Klarheit
Sagen, was man meint, und meinen, was man sagt - das hört sich einfacher an, als es ist. Im Umgang mit dem Nachwuchs ist es jedenfalls eine absolute Notwendigkeit. Das Kind will wissen, woran es ist. Wenn ich ihm Botschaften vorsetze, in denen Worte, Stimme und Körperhaltung nicht zusammenpassen, widerspreche ich mir selber. Dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn das Kind nicht darauf eingeht.
Beim kleineren Kind haben inkongruente Botschaften noch einen anderen Effekt: Sie verwirren es. Es weiß nicht mehr, woran es sich halten soll - an die Worte, den Tonfall der Stimme oder die Körpersprache. Das ist, nebenbei gesagt, der Grund, warum Ironie bei kleinen Kindern völlig fehl am Platz ist. Eine geschliffene ironische Bemerkung, bei der Worte und Stimme in bewusstem Gegensatz zueinander gehalten sind, mag für Jugendliche und Erwachsene ihren Reiz haben. Ein kleines Kind jedoch fühlt sich dadurch nur verunsichert, verlacht oder zumindest nicht ernst genommen.
Mut zum Nein
Nun besteht natürlich immer die Gefahr, durch eine unmissverständliche Botschaft wie ein klares Nein den Widerstand des Sprösslings herauszufordern. Doch das lässt sich, wie zu sehen war, auf die weiche Tour genauso wenig vermeiden. Hannes' Mutter sollte sich also eindeutig entscheiden, ob sie ihrem Sohn seinen Wunsch erfüllen will oder nicht. Stimmt sie zu, sollte sie auf jede weitere Diskussion verzichten. Sagt sie dagegen nein, weil sie gute Gründe dafür sieht, sollte sie mit ihrer Stimme und ihrem Verhalten dazu stehen. Notfalls nimmt sie ihrem Sohn die Tafel Schokolade aus der Hand und legt sie selber ins Regal zurück. Damit macht sie deutlich, dass sie ihren Entschluss ernst meint - und ihren Nachwuchs ernst nimmt! Denn was ist ein übervorsichtiges »Jein« denn anderes als die versteckte Botschaft an das Kind: »Ich möchte nicht deinen Widerstand herausfordern, weil ich fürchte, dass du dich dann schlecht benimmst.« Für das Kind nicht gerade ein Kompliment! Genauso ungünstig wie das Verhalten von Renate Klein ist das von Jan Weber. Indem er seiner Tochter einen energischen Befehl erteilt und sich unmittelbar darauf in die vermeintlichen Tatsachen fügt, demonstriert er ihr: »Ich tue mein Bestes, aber es hat keinen Sinn; du machst ja sowieso, was du willst.«
Es ist schade, wenn Eltern so wenig gute Erwartungen in ihre Kinder setzen. Trauen wir unseren Kindern doch zu, dass sie sich konstruktiv verhalten und ein begründetes Nein akzeptieren können. Gewöhnen wir es uns ab, ihnen ein Theater vorzuspielen, indem wir sie umschmeicheln oder herumkommandieren, um unsere eigene Unsicherheit dahinter zu verbergen. Nur wer sein Kind als ernst zu nehmende Persönlichkeit ansieht, darf damit rechnen, dass es sich auch als solche benimmt.
Auf den Punkt gebracht - Bei einer inkongruenten Botschaft stimmt der Inhalt des Gesagten nicht mit den nonverbalen Signalen (Stimme, Körperhaltung und Verhalten) des Sprechers überein.
- Ein Kind kann solche Unstimmigkeiten gewöhnlich erkennen. Es nimmt inkongruente Botschaften daher weder ernst, noch fühlt es sich dadurch ernst genommen.
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