Sowohl aus pädagogischer als auch aus theologischer Sicht sind Tripps Ansichten zu "Zucht und Rute" als gefährlich zu beurteilen. Wer seine Kinder so erzieht, muss sich nicht wundern, wenn diese sich später als Jugendliche ganz vom Glauben und von dem ihnen vermittelten Gottesbild abwenden. Eltern sollen die Verantwortung der Glaubenserziehung wahrnehmen. Dazu gehört wesentlich die Prägung eines gesunden Gottesverständnisses. Wird Gott aber, wie bei Tripp, verkündet als der, welcher Kinder bestraft oder gar von den Eltern verlangt, ihre Kinder zu schlagen, so werden diese Kinder später als Jugendliche dieses krank machende Gottesbild ablehnen müssen. Häufig führt dies dann zur völligen Distanzierung vom Glauben der Eltern. Andernfalls besteht die Gefahr, ein Leben lang unter der Blockade zu leiden, Gott ständig wegen irgendeines Verhaltens zu missfallen. Nicht allen gelingt es, sich von einem psychisch krank machenden Gottesbild je wieder zu lösen. Insbesondere krank machend ist die von Tripp geforderte Verknüpfung von Körperstrafe und Verkündigung: "Wenn während des Disziplinierens das Wachs weich ist, ist es an der Zeit, die Herrlichkeit der Erlösung Christi einzuprägen."(Tripp, S. 183) Wird zudem körperliche Zuwendung verknüpft mit vorangehenden Körperstrafen ("Wenn du dein Kind diszipliniert hast, nimm es auf den Schoss und umarme es." Tripp S. 182), so sind später im Erwachsenenalter Verirrungen bei der Suche nach Zärtlichkeit nicht auszuschliessen.
Das Strafe-Sühne-Verständnis des Alten Testaments darf nicht blind auf die Zeit des neuen Testaments übertragen werden. Christus hat das Böse besiegt. An Christus ist Gewalt geschehen. Er hat den Kreislauf der Gewalt durchbrochen. Christen sind befreit zu ermutigendem Handeln, und dies gilt in besonderem Mass für die Kindererziehung. Paulus fordert in Kolosser 3,21 die Väter auf, ihre Kinder nicht zum Zorn zu reizen, "damit sie nicht mutlos werden." Konsequente Ermahnung (mit Worten, mit praktischen Konsequenzen, mit logischen Folgen...) soll nicht auf das Brechen des Willens, sondern auf Ermutigung und Einsicht hinzielen. Das Böse kann innerhalb der Familie nicht mit Gewalt bekämpft oder gar ausgetrieben werden. Gewalt erzeugt Gewalt. Wer geschlagen wird, wird häufig selbst zum Schläger. Wer Fehler einsieht und Vergebung empfängt, wird zum Verstehenden und Vergebenden.
Kinder sollen Gehorsam lernen. Körperstrafen sind dabei aber meist ein Zeichen elterlicher Überforderung. Erziehungssituationen können besser gelöst werden. Dabei spielen pädagogische Massnahmen und viele vertrauensvolle und vertrauensfördernde Gespräche eine zentrale Rolle. (Um fair zu sein: In Tripps Buch finden sich konstruktive Aussagen zum Thema "Kommunikation".) Christliche Erziehung setzt Grenzen und ermutigt. Sie ist dabei aber nicht - wie bei Tripp - angstorientiert, sondern verheissungsorientiert.
Bei Tripp wird Trotz als Angriff auf die elterliche und somit die göttliche Autorität gedeutet. Aber nur wenn kindlicher Trotz nicht als persönlicher Angriff auf die Eltern verstanden wird, können die Eltern sachlich und angemessen darauf reagieren - und zwar aus einer Position der Stärke, und nicht aus der Angst heraus, die Autorität zu verlieren. Insbesondere darf aber der Name Gottes nicht gebraucht werden, um elterlichen Schlägen überirdische Autorität zu verleihen!
Eine Vielzahl von - teilweise aus ihrem Zusammenhang gerissenen - Bibelstellen sagt noch nichts darüber aus, ob ein Autor den Sinn der biblischen Botschaft weitergibt oder nicht. Die zentrale Botschaft der Gnade kommt bei Tripp zu kurz.
Felix Studer, M. A., Vater von vier erwachsenen Kindern, studierte Germanistik, Pädagogik und Theologie.