Ist es möglich, die schlimmsten Verbrechen der Menschheit über ein Einzelschicksal eines Kindes im Konzentrationslager Kindern zu vermitteln, ohne dabei das Schlimmste zu verschweigen und trotzdem dem kindlichen Leser nicht den Glauben an das Gute im Menschen zu nehmen?
Meiner Ansicht ist es zumindest in diesem Buch nicht gelungen.
Zweifelsohne ist die Geschichte von Else, die authentisch und erschreckend zugleich ist, es wert, erzählt zu werden, das steht außer Frage! Man spürt in diesem Buch auch, das immer wieder durch eingeschobene Absätze unterbrochen wird, dass es der nunmehr erwachsenen Else sehr schwer gefallen ist, über die Ereignisse zu sprechen, die sie als Achtjährige zuerst im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, dann im Konzentrationslager Ravensbrück erlebt hat.
Gleichwohl habe ich aber auch eine unüberbrückbare Distanz zwischen dem Erzählten und mir als Leser empfunden. Gelegentlich werden einzelne Begebenheiten erzählt, die mich - obwohl natürlich durchaus mit der Geschichte des Dritten Reiches und vor allem den Verbrechen in den Konzentrationslagern vertraut - sehr berührt haben. Dennoch bleibt alles irgendwie verschwommen und unklar.
Das muss auch in diesem Fall wohl so sein, denn schließlich richtet sich dieses Buch vornehmlich an eine sehr junge Leserschaft (empfohlen für Leser ab 9 und m. E. auch angemessen). Trotzdem und gerade deshalb wird das Buch Elses Geschichte meiner Ansicht nach nicht gerecht.
Ich hoffe, dass hier deutlich wird, dass ich höchsten Respekt vor Else und ihrer Geschichte habe und dieses Buch als "Kinder"-Buch nicht unbedingt für schlecht halte, ich bin nur einfach der Meinung, dass diese Geschichte eine andere angemessenere Form hätte finden müssen, erzählt zu werden.
Im Übrigen noch der Hinweis: Obwohl das Hauptaugenmerk der Nazis auf der Vernichtung der Juden lag, geht es hier vorrangig um das Schicksal der Sinti und Roma, was auch durch das Nachwort deutlich wird. Wenn Kinder dieses Buch lesen, so müssen sie unbedingt durch Eltern oder andere Erwachsene über den Kontext, in dem diese Geschichte erzählt wird, aufgeklärt werden und müssen auch die Gelegenheit haben, Fragen stellen zu können und diese in angemessener Form beantwortet zu bekommen. Ob das immer so gelingen kann, möchte ich bezweifeln.