Der eine sitzt in London und schreibt über das Wetter, das britische Arbeitstempo oder die Busfahrer, die nur die eigene Linie kennen. Der andere sitzt in Wien und schreibt über das Wetter, die Versuche, eine Tropenausrüstung anzuschaffen, die Schikanen diverser Behörden. Der eine ist der Sohn, gerade noch davongekommen aus dem Land, in dem die Barbaren die Macht übernommen haben. Der andere ist der Vater, der sich an die Hoffnung klammert, sich und die Seinen irgendwann doch noch in den Kongo retten zu können. Von Brief zu Brief schwindet die Hoffnung. Wie es ausgeht, wissen wir von Anfang an. Und doch wollen wir es nicht wahrhaben. Die Protagonisten werden uns aus diesen Briefen lebendig, mit ihren Stärken und Schwächen. Die Protagonisten haben gelebt.
Susanne Scholl hat den authentischen Briefwechsel ihres Vaters und ihres Großvaters zu Literatur verdichtet. Mit bewusst einfachen Mitteln: die Ich-Erzählerin reflektiert über die Geschichte ihrer Familie, über das Verweigern der Realität und das Wegschauen, über die Bestialität, die aus lauter kleinen Bestialitäten wächst. Vor allem aber lässt sie die Briefe sprechen.
Susanne Scholl zieht Leser/Leserin einfach hinein in die Geschichte ihrer Familie, sie nimmt ihm/ihr die Sicherheit der Distanz, sie schafft Identifikation mit den Opfern. Natürlich geht diese Phase vorbei, aber auch nachher bleiben Fragen, die gestellt werden müssen: Wie lang können wir unser schlechtes Gewissen über das Grauen des Krieges in ein paar hundert Kilometer Entfernung durch die eine oder andere Euro-Spende betäuben? Wie sicher können wir sein, dass unsere näheren Nachbarn nicht über Nacht zu Barbaren mutieren? Und wie sicher sind wir unserer selbst, was richtiges Verhalten in falschen Zeiten angeht?
Susanne Scholl hat ein wichtiges Buch geschrieben. Und ein gutes. Eines, das uns hilft, Geschichte zu verstehen als etwas, das uns geschehen ist.