Im informellen religionspolitischen Diskurs der Vereinigten Staaten ist "Elmer Gantry" eine Standardmetapher für einen spezifischen Typus des amerikanischen Predigers oder Aktivisten geworden (die meist dann zur Anwendung kommt, wenn Schein und Sein zu weit auseinanderklaffen).
Sie geht zurück auf diesen furiosen Roman von Sinclair Lewis, der die Karriere seines Protagonisten Elmer Gantry schildert, der sich nach eindrücklicher Konversion auf ein baptistisches Priesterseminar begibt, wo er sein Rednertalent schärft und zum begnadeten Erweckungsprediger wird.
Gantry ist Erweckungsprediger einerseits, affärenreicher Zyniker andererseits und trotz allen Eifers und religiöser Bigotterie (Systemzwänge weisen ihn immer wieder zurecht) ein strikter und rücksichtsloser Karrierist.
Das sozialkritische Buch von Lewis hat einen durchweg bissig-aggressiv-satirischen Unterton und spiegelt das Anliegen des Autors, die geschäftsfreudige Frömmelei des amerikanischen Kirchenchristentums zu entlarven und anzuklagen, in aller Deutlichkeit wieder.
Trotz aller Zeitbedingtheit (der Roman erschien 1927, der amerikanische Protestantimus war zu dieser Zeit sehr fundamentalismuslastig) ist die Lektüre auch heute noch lohnenswert und das nicht nur aus historischen Gründen. Er ist erstaunlich aktuell, gerade weil auch der gegenwärtige amerikanische Protestantismus (vor allem evangelikaler Prägung) immer wieder Figuren hervorbringt, deren Wirken/Predigen und konkrete Lebensführung nicht immer von überzeugender Kohärenz sind. Solche Vergleiche sind natürlich immer mutatis mutandis vorzunehmen: Elmer Gantry ist eine exemplarische Schilderung von überwältigender und überzeichnender Drastik, man wünscht sich schon, dass solche Typen nicht die Kanzeln bevölkern.
Der Roman kann aber auch dem individuellen Reflektionsprozess als Christenmensch dienlich sein: Lewis sieht sehr genau hin und artikuliert die volle Bandbreite an Glaubenszweifeln (Gantrys Jugendfreund ist Atheist und hinterfragt die sukzessive Wandlung seines Freundes Elmer sehr ausgiebig - allerdings ohne Erfolg). Die Geißelung der abgebrühten Geschäftspraktiken bei der Durchführung von Massenevangelisationen oder Wunderheilungen hält einer allzu wohlmeinend-naiven Sicht der "guten Absichten" von Predigern den Spiegel vor. Auch wenn das Buch nichts für schwache Nerven oder empfindliche Mägen ist, erfüllt es nebenbei doch auch die hilfreiche Funktion eines "reality checks".
Zu Recht ein Klassiker.