Wenn man sich oberflächlich mit diesem Buch bzw. diesen Büchern befasst, dann fliegen einem Worte wie "Sonderling", "verrückt" und "Idiotenporträt" um die Ohren. Man wird diese Bezeichnungen, nachdem man das Buch gelesen hat, wenn überhaupt, dann nur ganz sanft betonen. Ich bin mir fast sicher, dass die Mehrheit der Leser Elling ins Herz schließen wird. Doch worum geht es eigentlich?
Elling ist ein Frührentner, der nach dem Tod seiner Mutter alleine lebt. Anfangs fällt einem gar nicht so auf, was genau und ob überhaupt etwas mit ihm nicht stimmt. Er hat ein paar kleinere Macken, ok, aber haben wir das nicht alle? Er kauft sich ein Teleskop und beobachtet seine Nachbarn, natürlich ohne jegliche sexuelle Hintergedanken und hat dann beim ersten Anblick sofort deren fiktive Lebensgeschichte im Kopf. Er hat wirklich eine überbordende Fantasie. Vom Namen der betroffenen Person, über deren Lebensstil bis hin zu etwaige Krisen, spinnt er sich alles zusammen. Da fängt man dann entweder doch an etwas an seinem Verstand zu zweifeln oder man kommt aus dem Staunen ob besagter Hirngespinste nicht mehr raus. Weiter geht es dann mit Elling im zweiten Buch "Ententanz" in eine psychiatrische Anstalt und wir erleben wie er sich mit seinem Zimmergenossen anfreundet und dann durch einen Zwischenfall plötzlich wieder den vergangenen Urlaub in Spanien mit seiner Mutter durchlebt. Im dritten Buch dann endlich wieder die eigene Wohnung und nicht mehr alleine, da er seinen Zimmergenossen aus der Anstalt gleich mitgenommen hat. Das beste Buch aus der Reihe, wie ich finde, da es wirklich stellenweise zu witzig und auch rührend ist, wie die beiden versuchen die alltäglichen Probleme, z.B. mit den ersten eigenen Katzen, mit der Sexhotline oder mit betrunkenen Nachbarinnen, zu meistern. Im letzten Teil ist er dann wieder allein, zumindest in seiner Wohnung und muss erkennen, dass es mit der Liebe gar nicht so einfach ist, wie er sich das immer gedacht hat.
Generell muss ich sagen, dass Ingvar Ambjörnsen ganz toll schreiben kann. Teilweise fiel es mir tatsächlich schwer die Distanz zu wahren und mir vor Augen zu führen, dass ich hier die Welt aus den Augen eines, sagen wir mal, Neurotikers sehe, da der Autor Elling oft auch viele kluge Dinge sagen lässt und diese leichte Arroganz und seine Lügen, die Elling desöfteren oder eigentlich fast immer an den Tag legt, zumindest in seinen Gedanken, konnte ich ihm einfach nicht übel nehmen, dafür kommt das einfach zu kindlich-naiv rüber. Ambjörnsen beschreibt das so souverän, aber auch schonungslos, mal witzig mal tragisch, aber immer sympathisch, dass man wirklich drin steckt und Elling direkt besuchen fahren möchte. Ich empfand den Spannungs- und auch Unterhaltungsbogen bis zum dritten Teil "Blutsbrüder" als stetig steigend und hätte bis dahin auch locker 5 Sterne mit Auszeichnung vergeben. Leider kam ich mit dem letzten Buch "Lieb mich morgen" gar nicht klar. Das ständige Gerede über UFOs und Außerirdische ging mir doch ein bisschen auf die Nerven irgendwann. Dieser Teil erschien mir vom Autor fast komplett uninspiriert, so als wollte er nach drei Teilen und ein paar Jahren Pausen unbedingt noch einen weiteren Elling präsentieren. Allerdings erkannte ich hier keinerlei Entwicklung bei ihm, was vorher durchaus der Fall war. Ingvar Ambjörnsen scheint sich gefragt zu haben, was denn nun wirklich passieren würde, wenn Elling mal auf eine Frau träfe, die ich nicht nur in seinen Gedanken interessant fände. Leider hat er daraus nicht viel machen können, außer eine stetige Aneinanderreihung von des Helden diversen Neurosen und Macken. Nur die wenigen Seiten, die seinen ehemaligen Mitbewohner betreffen, sind wieder gelungen.
Naja, immerhin noch überzeugte 4 Sterne, weil es zum einen ein sehr unterhaltsames Buch ist und dem Leser zum anderen, die Welt aus der Sicht eines "Außenseiters" aufzeigt und dieses so gut und eindringlich, dass die Toleranz und Sympathie der Leser Elling und allen Menschen gegenüber, die er repräsentiert, im wahren Leben steigen wird.