In "Ellen Olestjerne" lernt der Leser eine andere Fanny Reventlow kennen als in ihren Satiren oder ihren ironischen Romanen -- es handelt sich um einen autobiographischen Roman, und dies wirkt sich aus: Hier kommt ihre satirische Begabung nur in wenigen Episoden zum Tragen, etwa bei der Schilderung der Begegnung mit einem etwas kuriosen "Louis Michel".
Wichtig ist dieser Romanerstling aber auf jeden Fall, und das nicht so sehr, weil er, neben ihren Briefen an Emanuel Fehling, so ziemlich die einzige allgemein zugängliche Quelle über Reventlows Jugend darstellt. Schließlich liest man hier keine Autobiographie, sondern einen R o m a n, dem Reventlows Biographie zwar zugrunde liegt, in dem sie aber nicht sklavisch genau ihre Jugend "abbildet". Dichtung und Wahrheit eben...
Es geht nämlich nicht in erster Linie darum, wie die dargestellten Ereignisse nun tatsächlich abgelaufen sein mögen, sondern darum, wie Reventlow sie wahrnahm (oder bearbeitete, auch schon mal pointierte). Behält man dies im Hinterkopf, so ist "Ellen Olestjerne" durchaus auch in biographischer Hinsicht aufschlussreich. Freilich, ich sag's nochmal: Eine historische Quelle ist dieser Roman nicht.
Die Erinnerung an das bornierte, standesbewusste Elternhaus etwa sollte sie ihr ganzes Leben nicht verlassen; die Mutter, der die unstandesgemäß eigensinnige Tochter schon früh ein Dorn im Auge war, die zu "erziehen" ihr auch mit unbeirrter Härte nicht gelang, nicht gelingen konnte. Ähnlich prägend, aber auf ganz andere Art, dürfte die heimliche Mitgliedschaft beim freisinnigen Ibsen-Klub gewesen sein, der sie mit der zeitgenössischen Literatur, mit Ibsen, Nietzsche, Tolstoj und anderen Autoren bekannt machte.
Außerdem reflektiert Reventlow in diesem Roman ihr Leben bis zur Geburt ihres Sohnes: Nach dem Rauswurf aus dem Magdalenenstift für Höhere Töchter das Lübecker Lehrerinnenseminar, ihre Jugendliebe Emanuel Fehling, die Flucht (buchstäblich!) und die anschließende Verstoßung aus dem Elternhaus, die kurze Ehe mit einem Hamburger Rechtsassessor und die ersten Jahren im Münchner Bohème-Viertel Schwabing, schließlich die Geburt ihres Sohnes Rolf 1897, womit die Romanhandlung abschließt.
Wie frisch die Erinnerungen noch viele Jahre später gewesen sein mussten, beweist auch die Entstehungsgeschichte von "Ellen Olestjerne": Reventlow hatte den Roman auf Anraten ihres Freundes Ludwig Klages verfasst, doch zeigen viele Tagebucheinträge, wie quälend sie die Niederschrift empfand (Fürs Romanende hat sie übrigens auch eine bemerkenswerte Methode der Arbeitsverkürzung angewandt, wie Kenner ihrer Tagebücher bemerken werden).
Ironie des Schicksals: Auch die Veröffentlichung von "Ellen Olestjerne" verlief alles andere als problemlos, wie wiederum Reventlows Tagebucheinträge und die Briefe an ihren langjährigen Freund Bohdan von Suchocki zeigen. Man sieht auch hieran, dass die Autorin ihr Leben lang nicht recht loskam von den Zwängen ihrer Jugend.
"Ellen Olestjerne" ist als zeitgenössische Entwicklungs- oder Emanzipationsgeschichte konzipiert; die Lektüre lohnt sich jedoch auch für heutige Leser, und zwar eben nicht nur aus historischen oder biographischen Gründen. Zwar vermisst man hier Reventlows ironisch-eleganten Stil, der ihre späteren Romane unverwechselbar macht, aber man merkt dem Roman an, dass seine Autorin die Literatur ihrer Zeit gründlich kannte: Mit impressionistisch wirkenden Passagen kontrastieren immer wieder naturalistisch anmutende, und die mitunter abrupten Wechsel führen zu einem Roman, bei dem man nicht nur inhaltlich stets auf Neues gefasst sein muss. Nur auf Langeweile muss man sich nicht einstellen, denn die gibt es hier nicht.