Warum soll irgendjemand diese CD kaufen? Schon der gewählte Titel ist doch eine Anmaßung: "Ella...of Thee I Swing"
Wagt es da jemand sich gar an Klassikern von Ella Fitzgerald zu vergreifen? Wer soll denn bitteschön auch nur in die Nähe der Jazz-Legende kommen?
Ein Mädchen aus Kanada, Nikki Yanofsky, bei der Aufnahme der CD gerade mal 13 Jahre alt/jung. Die vorliegende Live-Aufnahme wurde am 11. Oktober 2007 beim Montreal-Jazz-Festival aufgezeichnet. Die meisten Titel sind bekannte Jazz-Standards von Ella Fitzgerald, auch das Begleitorchester spielt den passenden Big-Band Sound der damaligen Zeit.
Das Ansinnen der 13-jährigen Nikki Yanofsky scheint, mit Verlaub, doch sehr gewagt. Macht Sie sich mit ihrem Gesang nicht lächerlich? Klärung in allen Fragen bringt das intensive Hören der CD.
Entschuldigen Sie, dass ich gleich mit der Tür ins Haus falle, aber was man da zu Hören bekommt hat mich geschockt! Gleich beim ersten Titel "Lullaby of Birdland" legt Sie los wie die Feuerwehr und wischt alle Bedenken vom Tisch. Steigerung möglich/gefällig? Das zweite Stück "It Don't Mean A Thing (If it Ain't Got That Swing)" swingt so rasant, dass einem die Kinnlade nach unten klappt. Still zu sitzen ist schlicht unmöglich.
Wie singt Sie denn nun? Ihr Stimmumfang ist schon enorm, Sie atmet richtig, Phrasierungen haben den passenden Drive, der virtuose Umgang mit dem Tempo wirkt spielerisch, das Timing ist schlicht perfekt. Absolut grandios ist auch ihr Scatgesang! Kurz gesagt, stimmliche Reife und Qualität sind mehr als beeindruckend.
Mein persönliches Highlight der CD ist der Titel "Hear Me Talking' to Ya". Rob Fahie beginnt am Kontrabass, nebenher bittet Nikki Yanofsky die Konzertbesucher, mit piepsiger Kinderstimme, doch mitzuschnippen. Sobald Sie mit dem Gesang einsetzt, ist die Kinderstimme wie weggeblasen und man meint eine ausgewachsene Jazz-Diva vor sich zu haben. Ihr Gesang ist eine Wucht! Achten Sie doch mal auf den Text, die Sprach-Verständlichkeit ist atemberaubend, trotz einer mächtigen Zahnspange im Mund von Nikki Yanofsky. Jede Silbe, jedes Wort wird mit einer unglaublichen Deutlichkeit und Detailliertheit wiedergegeben. Das Duo, Nikki Yanofsky Gesang - Rob Fahie am Bass, hat mich nachhaltig begeistert.
Die Liste der großartigen Stücke auf der CD ist lang, schwächere muß man mit der Lupe suchen. Die Klangqualität dieser CD setzt Maßstäbe! (Kenneth Wilkinson, die DECCA-Legende, hätte seine Freude an dieser CD). Der Klang ist
absolut natürlich, kristallklar, farbig, dynamisch und räumlich. Künstliche Hallsoße (wie bei Diana Krall oder Patricia Barber) und weitere "audiophile Zutaten" finden nicht statt. Die Stimme von Nikki Yanofsky hat das nicht nötig. Mein Dank an Denis Normandeau (Aufnahme) und Francois Lamoureux (Mastering), die das erkannt haben. Wie so oft, ist die Japan-Pressung der Kanada/US Pressung klanglich leicht überlegen.
Mittlerweile ist die erste Studio-CD erschienen, Nikki Yanofsky scheint auf dem richtigen Weg zu sein. Nebenbei: Mit Ihrem ersten selbstverdienten Geld hat Sie eine Stiftung für krebskranke Kinder gegründet. Das erscheint mir genauso ungewöhnlich wie Ihr Gesang.(Ich bin mir sicher, Ella Fitzgerald hätte ihre Freude an dieser jungen Dame).