Jubiläen sind ein guter Zeitpunkt für die Veröffentlichung einer Biografie. Vor allem wenn man sich gegen bereits vorliegende Werke behaupten muss. Das mag sich auch der deutsche Journalist Thomas Kielinger gedacht haben, der vom Buckingham Palast 1995 mit dem Orden "Honorary Officer oft The British Empire" geehrt wurde. Und offenbar war es ihm wirklich ein persönliches Anliegen, zum diamantenen Thronjubiläum ein Buch vorzulegen, das der Persönlichkeit von Elizabeth II. gerecht wird. Geglückt ist ihm dies, weil sich zwar von Robert Laceys Klassiker "Majesty - Elizabeth II. and the House of Windsor" inspirieren ließ, aber letztlich eine eigenständige Doppelbiografie schrieb, in der die königliche Familie und die Queen im Zentrum stehen.
Als Nicht-Royalist steckte ich auf Seite 278 schnell ein Buchzeichen ein, da dort der Stammbaum abgebildet ist. Und um dem Geschehen wirklich folgen zu können, sollte man sich in den komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen einigermaßen auskennen. Das wird bereits im ersten Kapitel klar, in dem Thomas Kielinger erklärt, warum Prinzessin Elizabeth überhaupt als Thronfolgerin in Frage kam. Während Amerika den 1928 geborenen Kinderstar Shirley Temple feierte, wurde in England das Mädchen mit den Botticelli-Locken und blauem Blut zum Medienstar. Um dem Leser zu zeigen, wie die kleine Elizabeth mit ihrer großen Rolle zurechtkam, widmete Thomas Kielinger ihrer Erziehung der Regie ihrer Mutter ein eigenes Kapitel. Das ebenfalls öffentlich zu tun, hätte die schottische Gouvernante Marion Crawford lieber unterlassen, wurde sie doch nach dem Erscheinen von "The Little Princess" in den äußersten Kreis der Finsternis verbannt.
Etliche Pädagogen und Bildungspolitiker werden mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass Elizabeth II. keine formale Schulung genoss. Warum sich die Eltern nicht dazu entschließen konnten, ihre Tochter in eines der bekannten Internate zu schicken, kann auch Thomas Kielinger nicht erklären. Und dass er sich bei Informationslücken nicht in abstruse Spekulationen flüchtet, ist eine der Qualitäten dieses Buches. Wenig von Elizabeth II. ist im Kapitel "1936: König Edward VIII. dankt ab - ein Lehrjahr für die Monarchie und die spätere Queen" die Rede. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Denn bekanntlich hinterlässt das familiäre Umfeld ebenfalls Spuren.
Da der Ehebruch der Zeitvertreib der Aristokratie war, wie Raymond Carr schreibt, geht es in dieser Biografie oft recht munter zu und her. Zumal inzwischen viele Dokumente an die Öffentlichkeit gelangt sind, deren Existenz und Inhalte man lieber vertuscht hätte. Die gelegentlichen Ausflüge in das royale Sodom und Gomorra tragen zweifellos zum hohen Unterhaltungswert dieser Biografie bei.
Das fünfte Kapitel lautet: "Krieg, Nachkrieg, Hochzeit: Die harten Jahre und das junge Glück." Der Regenbogenpresse-Leser merkt, dass auch Thomas Kielinger weiß, was beim Publikum ankommt. Das Bild der strickenden Frauen im Garten der Royal Lodge stammt aus der PR-Abteilung . Der Wirklichkeit eher entspricht, dass die Royals in einer Art Unterwelt lebten und der genaue Aufenthalt der Kinder Staatsgeheimnis blieb. Und da wir schon bei den Bildern sind, muss angemerkt werden, dass sie nicht zu den Highlights dieses Buches gehören. In Schwarz-Weiß und eher dürftiger Druckqualität machen sie wenigstens Werbung für einen der zahlreichen opulenten Bildbände.
Prinzessin Elizabeth wurde Königin auf dem Hochsitz eines Baumes in Afrika, während sie Nashörnern beim Trinken zusah.' Was Harold Nicolson am 6. Februar 1952 offenbar in sein Tagebuch schrieb, lässt Thomas Kielinger ebenso geschickt in seinen Text einfließen wie viele andere Zitate. Und oft macht er in Nebensätzen auf Kulturgeschichtliches aufmerksam, das vor allem jüngeren Lesern kaum bekannt sein dürfte. Zum Beispiel dass das Medium Fernsehen sein globale Rolle mit der Krönung von Elizabeth II. antrat.
In den 50er Jahren meldet sich ein neuer Ton an der Kritik, mit dem Elizabeth aber in ihrer eigenen Art umzugehen lernte. Und dazu gehörte auch Schweigen, wenn Reden wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Weitere Kapitelüberschriften lauten: Die Queen und Deutschland - Wie Elizabeth II. das Commonwealth zusammenhielt, aber mit Margaret Thatcher nicht harmonierte - Der Ring des Schweigens, kann sich die Königin erklären? - Charles, Diana und die Zäsur von 1997 - Elizabeth, die Erben und die Zukunft der Monarchie. Danach folgen noch Anmerkungen, Stammbaum, Literatur, Bildnachweis und Personenregister.
Mein Fazit: Was Thomas Kielinger aus dem umfangreichen Quellenmaterial gemacht hat, finde ich beeindruckend. Denn die richtige Mischung aus historischen Fakten, gesellschaftlichen Ereignissen, Blicke hinter die Kulissen und persönlichen Interpretationen zu finden, ist gar nicht einfach. Sein Gespür für Ausgewogenheit beweist der Autor auch beim Sprachstil, ist er doch weder knochentrocken, noch unroyal reißerisch. Ohne Elizabeth persönlich je kennengelernt zu haben, kann der Leser am Schluss des Buches nachvollziehen, warum sich Elizabeth II. weltweit so großer Achtung erfreuen kann. Lang lebe der König! Upps, natürlich die Königin! Oder wie der Klappentexter sagt: "Königinnen gibt es viele, aber nur eine Queen."