Achtung: Diese Rezension sollte von Leuten nicht gelesen werden, die die historischen Ereignisse oder den Film (noch) nicht kennen.
Dieser Film weist eine sehr starke Tendenz zur schwarz-weiss Malerei auf, ich werte dies aber nicht negativ, weil eben diese schwarz-weiss Malerei einiges über unsere Zeit, aber auch das 16. Jahrhundert aussagt: Maria Stuart und Philipp von Spanien sind niederträchtig und bösartig und wollen das englische Volk unterdrücken, während Elisabeth gute und reine Absichten hat und Frieden, Freiheit und Wohlstand für ihr Volk erstrebt. Elisabeth wurde schon damals als jungfräuliche Königin inszeniert. Die menschlichen Schwächen, die sie zeigt, werden letztlich alle zum Wohle des Staates überwunden. Was bleibt, ist eine übermenschliche, quasi göttliche Lichtgestalt, die eins mit England ist. Gerade die Szene nach der Niederlage der Armada, als Elisabeth auf das Meer und die brennenden Schiffe der Spanier blickt und man danach die Zelebration ihres Triumphes verfolgt, ist besonders stark und hat den Charakter einer Apotheose: Elisabeth hat eine solche Stärke bewiesen, dass sie im Augenblick ihres grössten Triumphes nun Gott näher ist als gewöhnlichen Menschen. Ob nun Absicht oder nicht, das lässt sich als Kritik der Heldenverehrung und Stilisierung einer Person deuten, da als Kontrast ja auch Elisabeths menschliche, "schwache" Seite gezeigt wird, für die es aber keinen Platz gibt, wie sich herausstellt: Zwar herrscht sie über England, aber England herrscht auch über sie. Auch heute noch haben viele Menschen, gerade in Europa und Amerika, das Bedürfnis nach Heldenverehrung und den Wunsch nach etwas, das grösser als sie selbst ist. Es ist nicht wichtig, wie eine Person wirklich ist, sondern dass sie für die Öffentlichkeit etwas repräsentiert. Dem wurde vielleicht durch diesen Film bewusst entsprochen.
Cate Blanchett überzeugt durch sehr souveränes Spiel - alle anderen Personen stehen in ihrem Schatten, was sicher beabsichtigt ist.
Wohl war auch damals auf beiden Seiten die Tendenz vorhanden, die jeweils andere Seite als böse und sich selbst als gut darzustellen, ebenfalls eine Parallele zu heute, wenn man etwa an den Islamismus, Präsident Bush, den Irakkrieg usw. denkt. Elisabeth wird im Film als Verteidigerin der Glaubens- und Gewissensfreiheit dargestellt, während König Philipp von Spanien für den Heiligen Krieg und für den freiheitsberaubenden, fanatischen Katholizismus steht. Interessanterweise gleicht Philipp äusserlich nicht der historischen Vorlage, er sieht vielmehr wie ein Araber aus. Der historische Philipp war blond und hatte offenbar einen sehr hellen Teint: http://www.lsg.musin.de/Geschichte/!daten-gesch/16-17jh/philipp2.jpg
Letztlich schätze ich, dass der Film recht vielfältige Interpretationen zulässt. So muss jeder für sich selbst entscheiden, was er in diesem Film zu sehen oder nicht zu sehen glaubt. Für einen Historiker ist nicht die Frage interessant, ob der Film historisch korrekt ist oder nicht (er ist natürlich wie die meisten Historienfilme ziemlich unhistorisch), sondern die Art, wie etwas dargestellt wird, denn über diese Frage lassen sich Vermutungen anstellen, wie unsere heutige Gesellschaft aussieht und wie historische Ereignisse, Strukturen und Prozesse kollektiv wahrgenommen werden. Man kann sich fragen, wieso dieser Film so und nicht anders dem Publik präsentiert wird. Welcher Zeitgeist soll damit angesprochen werden?