Den Titel "Elisabeth: Prinzessin in Bayern, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn" finde ich leider etwas irreführend, kommt man hier doch leicht auf die Idee, es mit einer weiteren Sisi-Biographie zu tun zu haben. Erst mit dem Untertitel "Wunschdenken oder die Kunst der Retusche" wird ein Schuh draus. Denn obwohl es sich natürlich erschöpfend um die Kaiserin von Österreich dreht, ist der Grundtenor des Buches vielmehr das Anliegen, zu zeigen, wie sehr das damals neue Medium Fotografie bereits kurz nach seiner Entstehung benutzt worden ist, um "Uneingeweihten" eine völlig falsche, zumindest aber eine geschönte Wahrheit zu präsentieren.
Nicht anders als heute der Grafikdesigner einem Bild mit Photoshop zuleibe rückt, solange bis Heidi Klum nicht mehr Heidi Klum sondern die Beauty-Göttin ist, als die sie von TV-Programm-Covern strahlt, so hantierte damals der Fotograf, wahlweise der Chemiker, im Idealfall beides, an einem Bild mit Säure, Stichel, Silberstift und Retusch-Folie solange herum, bis der 50-jährigen Kaiserin das Gesicht ihres 20-jährigen Selbst aufgesetzt war - oder gar, wie die Autorin zeigt, völlig illusorische Fantasie-Szenerien mit heilem Familienleben geschaffen waren.
Dass Elisabeth sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr fotografieren ließ ist eine altbekannte Tatsache. Wie aber sieht es mit den frühen Bildern aus? In diesem Buch werden so einige der landläufig als 'Sisi' identifizierten frühen Fotos ins rechte Licht gerückt - Erstaunliches kommt dabei heraus. So ist auf der berühmten Serie im weißen Seidenkleid, mit Buch in der Hand und melancholischem Blick nicht die Kaiserin zu sehen, sondern eine ihrer Schwestern! Und die Aufnahmen im ungarischen Krönungskleid entstanden in Wirklichkeit ein ganzes Jahr vor der Krönung. Im Gegensatz dazu sind tatsächlich auch zwei, drei Fotos enthalten, die ich bisher so noch nicht kannte.
Viele für mich neue und erstaunliche Ergebnisse werden in diesem Buch vorgestellt, und es ist interessant zu sehen, mit welchen Mitteln Fotografen sich behelfen mussten, als es keine offiziellen Fototermine bei Kaisers mehr gab. Die Fotografie ist eng mit Sisis eigener Lebensgeschichte verknüpft, und aus genau diesem Blickwinkel erhält man einen Einblick in diese frühe, spannende Technik.
Darüberhinaus bietet das Buch einen reichen Fundus an Bildmaterial, optimal, wenn man einmal schnell etwas nachsehen will. Logischerweise fehlen gemalte Quellen; wer also die ganzen Portraits sucht, ist hiermit falsch beraten. In diesem Buch finden sich nur Fotos und Litographien.
Insgesamt einmal ein interessanter neuer Ansatz, nicht das übliche Aufgekochte zu Elisabeth, und allein von der Qualität und Quantität des Materials her sehr zu empfehlen.