Die Magie der Landschaft
Eine Elisabeth-Langgässer-Biografie von Hans-Christian Kirsch
Elisabeth Langgässer (1899-1950) ist sicherlich eine problematischsten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, sollte die in Alzey Geborene die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft und die Entfaltung ihrer christlichen Glaubenswahrheit zu Hauptthemen ihres Werks machen.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war die anfangs mit dem NS-Regime Sympathisierende, dann in eine Art innerer Emigration Gegangene die einzige in Deutschland gebliebene Autorin, die einen fertigen Roman vorlegen konnte. So konnte "Das unauslöschliche Siegel", obwohl nicht frei von Antisemitismus, bei Erscheinen 1947 doch als Hoffnungsträger einer nicht der Barbarei verfallenen Schriftkultur aufgenommen werden.
Die Zeitläufte sind über Langgässer hinweggegangen. Man liest sie nicht mehr, obwohl gerade ihr Werk ein Nachdenken über deutsche Geschichte und eine besonders vergeistigte Form von religiösem Fanatismus auslöst. Auch von daher ist es verdienstvoll, dass der erfahrene Biograf Hans-Christian Kirsch (Ezra Pound, Rosa Luxemburg, Georg Büchner u.v.m.) nun in der Reihe "Köpfe der Region" des Leinpfad-Verlags ein kritisches Porträt Langgässers vorlegt.
Der von Umfang und Darstellung her an Rowohlts Monographien erinnernde Band führt nach einem gut recherchierten biographischen Abriss in Langgässers wichtigste Werke ein, darunter "Grenze: Besetztes Gebiet" (1932), "Der Gang durch das Ried" (1936), "Märkische Argonautenfahrt" (1950). Nur das lyrische Werk kommt dabei zu kurz.
Kirschs Fokus liegt auf Langgässers tatsächlich großer Kunst der Landschaftsbeschreibung. Landstriche, die der Leser aus der Rheinhessen, wenn ihm nicht ohnehin bekannt, wandernd entdecken kann, werden als "magischer Raum" im Spiegel der Dichtung sichtbar. Wie Kirsch zitiert, bekommt man Lust, sich einen der Romane einmal ganz vorzunehmen, vielleicht das eine mit dem anderen zu verbinden. Langgässers Verschränkung von erdhafter Naturmystik und poetischer Theologie besticht durch eine ausgefeilte Symbolsprache.
Mit Langgässers Antwort auf die Frage, ob man den Teufel belügen dürfe, skizziert Kirsch das theologische Denken der Autorin. Langgässers Frömmigkeit verlangt den Glauben an eine sinnhafte Welt - und (ver-) führt sie zu einem apokalyptischen Geschichtsoptimismus, in den sie letztlich auch Auschwitz integrieren zu müssen meint. Vor solchem Denken bedeutet die humanere Alternative, das Furchtbare eben als das Furchtbare stehen zu lassen, ohne Heilsplan, den Verzicht auf Sinn in Leben und Weltgeschehen, womit ein Grundbedürftnis des Menschen unbefriedigt bleibt. Die gute Lesbarkeit, einschließlich der literarischen Analysen, und der sensible kritische Standpunkt des Verfassers machen Kirschs Langgässer-Buch auch für den Gymnasialunterricht geeignet.