Dass Elisabeth von Österreich mit der süßen Sissi der Oskar-Marischka-Filme allenfalls die biographischen Eckdaten gemeinsam hatte, dürfte ohnehin jedem bekannt sein. Aber wer war Elisabeth dann? -- Die nicht nur wegen ihrer fundierten Biographien renommierte Historikerin Brigitte Hamann geht dieser Frage nach und präsentiert auf knapp 600 Seiten ein faszinierendes Porträt einer widersprüchlichen Frau. Hamann hat wie gewohnt ausgiebig recherchiert und viele bis dato unberücksichtigte Quellen herangezogen; vor allem private Aufzeichnungen und Briefe naher Verwandter und enger Freunde erwiesen sich als Fundgrube. Allerdings -- darauf weist Hamann nachdrücklich hin -- waren ihr nicht alle Quellen zugänglich.
Dass nach der letzten Überarbeitung dieser voluminösen Biographie (1998) immer noch Neues zutage gefördert wurde, zeigt eigentlich nur, wie dürftig vor Hamanns Arbeit die Lage war... Und dass neue Funde (z.B. weiß man seit neustem, dass Elisabeth von Österreich zur illustren Schar prominenter Junkies gehörte) dem von Hamann gezeichneten Bild im Grunde nur Nuancen beisteuern, zeigt, wie fundiert ihre Monographie ist.
Und wer war nun diese legendenumrankte Elisabeth von Österreich? Die unbeholfene 16jährige vom Land, der vor der spektakulären Hochzeit noch im Crashkurs die notwendige Bildung beigebracht werden musste? Die jahrelang auf dem glatten Parkett des Habsburger-Zeremoniells hilflos umherrutschte? Die aber ganz offensichtlich intelligent, frei von Standesdünkel und Neuem gegenüber aufgeschlossen war -- im Gegensatz zu ihrer Umgebung? War sie die selbstbewusste Frau, die schließlich gelernt hatte, sich nachdrücklich gegen die zeremonielle Starre aufzulehnen -- und dabei nicht selten über das Ziel hinausschoss? Die besorgte Mutter, deren energischem Eingreifen ihr Sohn Rudolf, der Thronfolger, einen liberalen Erzieher verdankte? Oder die desinteressierte Mutter, die ausgerechnet zu dem ihr intellektuell sehr nahe stehenden Sohn keinen Kontakt suchte? War sie die engagierte Ungarn-Freundin, die den ungarischen Teil des Reiches (damals umfasste der u.a. große Teile der heutigen Staaten Ungarn, Rumänien, Ukraine, Kroatien, Slowakei) befrieden half? Oder war sie die Intrigantin, deren einseitiges Eintreten für Ungarn und gegen die slawischen Landesteile den Zerfall des Habsburgerreiches beschleunigen half? War sie das Biest, dessen Extravaganzen die Staatsfinanzen an den Rande des Bankrotts brachten, die verbitterte Einsame, oder die abgeklärte Frau, die in späteren Jahren in freundschaftlichem Einverständnis mit ihrem kaiserlichen Gemahl auskam? War sie die glühende Heine-Verehrerin, Verfechterin republikanischer Ideale gar, Verfasserin (allerdings: mäßiger) Gedichte, beißende Spötterin? Oder war sie die Anhängerin eines absurden Spiritismus, Teilnehmerin an nachgerade lächerlichen Séancen und Geisterbeschwörungen? (Es gäbe noch mehr Facetten von Elisabeths Persönlichkeit zu erwähnen, aber diese Auswahl sollte genügen.)
Alles davon war sie, und das macht Elisabeth zur faszinierenden Gestalt der Geschichte. Liest man Hamanns Biographie so, als habe man noch nie etwas von der Geschichte des 19. Jahrhunderts gehört, so meint man, Szenen einer Ehe mitzuerleben, in übersteigerter Form -- doch im Gegensatz zu anderen misslungenen Ehen hatte diese Ehe eben auch weitreichende politische Folgen. Noch ein Grund also, warum diese Biographie lesenswert ist.
Hamanns größtes Verdienst allerdings, so scheint mir, ist folgendes: Das Habsburger- und Wittelsbacher-Panoptikum, das sie hier ausbreitet, sieht sie in seinem historischen Kontext. So war z.B. Elisabeths Konflikt mit ihrer Schwiegermutter nicht nur ein "normaler" Schwiegermutter-Schwiegertochter-Konflikt, sondern hier spielten auch konträre Weltbilder eine entscheidende Rolle: Hier die Kaisermutter, die noch ganz dem Herrscherideal des ausgehenden 18. Jahrhunderts verpflichtet war und die Rechte des Individuums dem Staatswohl unterordnete (als Politikerin war sie wohl weitaus fähiger als ihr Sohn), dort die dem Individualismus verpflichtete Elisabeth. (Und dazwischen stand der intellektuell nicht allzu bewegliche Kaiser Franz Josef...) Überhaupt: Hamanns Elisabeth-Biographie ist gleichzeitig eine anschauliche Darstellung einer noch gar nicht lange vergangenen und teilweise doch völlig fremd erscheinenden Epoche.
Die Berücksichtigung des historischen Kontexts macht diese Biographie auch für Leser interessant, die sich für die Person Elisabeths nicht allzu sehr interessieren. Man lernt ganz nebenbei verstehen, wie die Vorstellungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf Verhältnisse des 20. Jahrhunderts prallten, und wieso all die vom heutigen Standpunkt aus unsinnigen politischen Weichenstellungen zustande kamen, die schließlich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs münden sollten.
Hamanns Biographie lässt kaum einen Aspekt aus, oder anders formuliert: Vermutlich sind Fakten, die nicht in diesem Buch enthalten sind, auch nicht der Rede wert... Daraus resultiert freilich auch eine kleine Schwäche dieser rundweg empfehlenswerten Biographie: Manchmal geht mit der Autorin Brigitte Hamann die Historikerin Brigitte Hamann durch -- und dementsprechend sind manche Passagen gerade wegen ihrer bewundernswerten Ausführlichkeit etwas ermüdend zu lesen.
Was ein wenig zu kurz kommt, ist die Antwort auf die Frage, wie der Mythos "Sisi" entstehen konnte -- schließlich wucherte der bereits fröhlich vor den "Sissi"-Filmen. Wie gesagt: kleine Mankos nur, die durch die Informationsfülle und die zahlreichen Abbildungen mehr als wettgemacht werden.
"Elisabeth. Kaiserin wider Willen" ist viel mehr als eine Biographie im herkömmlichen Sinne, sondern gleichzeitig auch eine historische Abhandlung über die Spätzeit des Habsburgerreichs, geschrieben in einem meist gut lesbaren Stil. Eine dicke Empfehlung an alle Geschichtsinteressierten!