Für Elisabeths Toleranz, Scharfsinn und Charakter ist nichts bezeichnender als die Wahl eines Ministers wie Walsingham. Sie wählte ihre Minister allein nach deren Fähigkeiten, ihrer Ehrlichkeit und ihrer unerschütterlichen Treue aus. Solche Männer waren Ausdruck eines Englands, wie es Elisabeth ersehnte, und wenn diese Vollblüter auch schwer parierten, so war Elisabeth doch eine ausgezeichnete Reiterin. Wie diese Männer, trachtete auch sie nach Ruhm; aber nur eines konnte nach ihrer Ansicht wahren Ruhm bedeuten: die Erhaltung des Standes der Freibauern, die in gesunden Verhältnissen zwischen Wohlstand und Bedürftigkeit lebten, die grobe Kleider trugen, aber mit Gold bezahlten, Knöpfe aus Zinn besaßen, aber Silber in den Taschen hatten. Da sie die Grenzen der wirtschaftlichen Kräfte Englands klar durchschaute, zog sie es vor, die Segel des Staatschiffes jeweils nach dem Wind zu setzen oder zu trennen, anstatt alle auf einmal zu spannen, um einem drohenden Sturm zu entgehen, der vielleicht gar nicht kam.
(Elisabeth I. Königin von England, Kapitel Leutselige Politik, Seite 257).
Gloriana wird die edle Königin in einem Ritterepos von Edmund Spensers (1552- 1599) unter anderem genannt und das gleiche Loblied singt auch der Historiker dieser Biographie der jungfräulichen Monarchin auf dem englischen Königsthron. Ein Musterbeispiel an Klugheit, Gewandtheit und diplomatischen Geschick, dabei noch von der übergroßen Liebe zu ihrem Volk beseelt und mit dem Kampfgeist ausgestattet, ihr Land wie eine mutige Löwin zu verteidigen, so präsentiert John E. Neale seine Elisabeth, deren Energie auf den vielen beschriebenen Seiten beinahe fühlbar ist und den Leser ungemein fesselt. Auch wenn ein differenziertes Bild der Portraitierten dem Werk insgesamt mehr Glaubwürdigkeit gebracht hätte, ist es doch eine ungemein interessante und abwechslungsreiche Lektüre. Denn obwohl die englische Königin immer im Mittelpunkt des Geschehens steht, werden die zahlreichen Nebenfiguren lebensnah geschildert und die Charaktere eindrucksvoll beleuchtet.
Ein Bildnis der Königin wird dem Text vorangestellt. Es ist das erste und letzte, welches der Leser in dem Buch zu Gesicht bekommt, mal abgesehen von der Tanzszene auf dem Umschlag.
Dann folgt ausschließlich Text, in welchem von der Geburt von Elisabeth als Tochter von Anna Boleyn und Heinrich VIII. bis zu ihrem Lebensende getreulich jede Station ihres Lebens anschaulich beschrieben wird. Die Möglichkeit, dass die rothaarige Elisabeth, die schon als junges Mädchen über einen wachen Geist verfügte, tatsächlich einmal auf dem Königsthron sitzen würde, war zunächst äußerst gering. Ihr Vater König Heinrich wollte unbedingt einen männlichen Erben, was Elisabeths Mutter letztendlich wohl auch den Kopf gekostet haben dürfte. Nachdem jedoch nicht nur ihr Bruder Eduard VI., sondern auch Schwester Maria, die Katholische das Zeitliche gesegnet hatten, wurde Anna Boleyns Bastard tatsächlich die Königswürde zuteil. Natürlich erwartete der vorwiegend männlich besetze Königshof die baldige Vermählung der jungen Monarchin. Dass sich dieses wichtige politische Thema zu einem Projekt ohne Ende hinziehen würde, hatte niemand erwartet. Der starke eigene Wille der Königin, ihre Energie und Hingabe für eine Aufgabe, die sie als persönliche göttliche Gnade betrachtet, prägt bald nicht nur ihre nähere Umgebung, selbst bis über die Landesgrenzen hinaus eilt Elisabeth ihr Ruf voraus. Als gemäßigte Protestantin, die für den Religionsfrieden eintritt, aber sich weigert, an einen Mann ehelich zu binden, der ihre Überzeugung nicht teilt, wird sie zur Hauptfeindin der katholischen Welt. Kann sie dem einflussreichen Papst in Rom trotzen, wie es bereits ihr Vater getan hat? Wird sie sich gegen die Intrigen der katholischen Maria Stuart durchsetzen, die ihre Anhänger zu gern als rechtmäßige Herrscherin auf dem englischen Thron sehen würden? Wird sie die Gunst ihres Volkes dauerhaft erhalten können, die für ihre Position überlebenswichtig ist? Oder werden charismatische Verschwörer ihr den Dolchstoß verpassen?
Keine Frage, dass Leben von Elisabeth I und die historischen Ereignisse, die in ihre Zeit fallen, wie zum Beispiel die Bartholomäusnacht; die politischen Intrigen und die schillernden Persönlichkeiten wie die leidenschaftliche Maria Stuart oder der ehrgeizige Essex bieten eine Übermenge an interessanten Informationen für den aufgeschlossenen Leser. Seltsamerweise nutzt der Autor dieses Werkes nicht immer die offensichtlichen Möglichkeiten von geschichtlichen Gegebenheiten. Zum Beispiel wird die Übergabe der Königswürde an Elisabeth ziemlich nebensächlich abgehandelt. Die Schwester Maria stirbt und fast unmittelbar danach befindet sich Elisabeth schon in London, wo sie in ihr Amt eingeführt wird. Auch der Sieg über die spanische Armada wird seltsam stiefmütterlich behandelt. Geht es dagegen um die Beschreibung und Ausgestaltung von Persönlichkeiten ist der Autor ganz in seinem Element. Marias eher ungeschickte Taktik, sich ihres unliebsamen Ehemannes zu entledigen oder sich die Gunst ihrer englischen Verwandten auf dem Königsthron zu verscherzen, wird sehr anschaulich beschrieben. Außerdem wird der Essex-Episode ganze drei Kapitel gewidmet, damit der Leser den Werdegang vom geliebten Günstling mit dem feurigen Temperament bis zum verurteilten Verräter im Londoner Tower genau mitverfolgen kann.
Fazit: Trotz der offensichtlichen Schwächen ein interessantes, kurzweiliges und aufschlussreiches Werk.
Hinweis: Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "The Queen Elizabeth I" bei Jonathan Cape Ltd., London.