Wolfgang Sawallischs Deutung von Felix Mendelssohn-Bartholdys alttestamentarischem Oratorium aus dem Jahre 1968 ist bis heute ein Glanzpunkt unter den unterschiedlichen Einspielungen. Gründe hierfür gibt es eine ganze Reihe. Da ist die Gesamtanlage Sawallischs, die sich nicht bloß in akademischen Tüfteleien ergeht, sondern den theatralischen Gestus des Oratoriums aufgreift (schließlich ist Mendelssohn beim Opern- und Oratorienmeister Händel "in die Lehre gegangen") und das Werk nicht einfach einspielt, sondern voll Lebendigkeit und Plastizität gewissermaßen auf die Bühne bringt. Hier gibt es das Alte Testament zum Anfassen. Man hört nicht nur, man sieht die Propheten Baals, man fühlt die erlösende Kraft des Regengusses und man ist Zeuge der Himmelfahrt des Elias. Um eine solch exquisite Deutung abliefern zu können, bedurfte es eines erstklassigen Ensembles. Und da hatte Sawallisch einfach alles an der Hand, was die DDR ehedem so auffahren konnte (einzig Elly Ameling wurde aus den Niederlanden "importiert"): Theo Adam als ruppiger Prophet Elias, stimmlich noch voll im Safte, Peter Schreier, Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch und eben die herrlich jugendliche Elly Ameling. Als alle anderen überragend präsentiert sich indes der Rundfunkchor Leipzig (Leitung: Horst Neumann), der eine schlicht atemberaubende Leistung abliefert, und zwar in der kompletten Bandbreite: wilde Raserei in "Aber der Herr sieht es nicht", sanfte Lieblichkeit in "Wohl dem, der den Herrn fürchtet", wuchtig in "Aber einer erwacht von Mitternacht" und und und. Man könnte jeden Chor nennen. Dazu das glänzend disponierte Gewandhausorchester Leipzig als sensibles Fundament der Aufnahme. Was will man mehr? Fazit: Absolut kaufenswert!