Elias Canetti [1905 - 1994] begann seine quasi-autobiographischen Arbeiten mit dem Werk DIE GERETTETE ZUNGE. Zugrunde lag die Traumatisierung des Zweijährigen Elias, der vom Liebhaber des Dienstmädchens der Familie Canetti bedroht wurde: Er, Elias, dürfe nichts von dem sexuellen Verhältnis verraten - sonst würde ihm per Taschenmesser die Zunge aus dem Plappermaul geschnitten. Ein im übertragenen Sinne "Die-Zunge-Herausschneiden" war die Übersiedlung nach England. Die Kindheitssprache des auf dem Balkan gelegenen Dörfchens RUSTSCHUK wurde somit unbrauchbar wie eine verflossene Währungseinheit. Immerhin brachte der Vater dem kleinen Elias (an gemütlichen Sonntagmorgenden im Bett mit ihm spielend) zügig das Englische bei. Dieser über alles geliebte Vater starb plötzlich im Alter von 30 Jahren. Sprach-Verlust nummer drei zog nun am Horizont auf: der sechsjährige Canetti, sehr eng an die verzweifelte, verwitwete Mutter geknüpft, mußte unter ihrer sehr strengen Herrschaft im D-Zug-Tempo deutsch lernen. Die Sprache der Mutter. Unter dieser dritten traumatisierenden Belastung entstanden in Canetti eine Vielzahl von fast voneinander getrennten Identitäten - zumindest von sehr unterschiedlichen emotionalen (Erinnerungs- und Verhaltens-)Landschaften. Eine um ein Vielfaches zerstörerische Machtausübung und Identitäts-Gefährdung durch Umwelt-Einflüsse wurde von Canettis Generation durch das vom Nationalsozialismus in Gang gebrachte Unmenschentum durchlitten. Den furchterregenden Zusammenhang von Horde, Meute, Masse und todeswütiger MACHT-Herrlichkeit - den zu beschreiben hielt Canetti anschließend für seine noch wichtigere Lebensaufgabe. Er schilderte diese Verknüpfungen aus makropolitischem Verhängnis und mikro-soziologischen Abspiegelungen mit solcher Präzision, dass man ihn in die Liste der Philosophen und Anthropologen getrost einreihen kann. Nähme man dem Menschen die existentielle Todeserfahrung und das dazugehörige Grauen (der hintergründige Sinn seines Bühnenstückes "Die Befristeten"), würde ihm für sein Dasein allerdings die wichtigste Erlebnis-Dimension fehlen: sich um den Mitmenschen sorgend einbringen zu können. Sorgenvoll und ernsthaft ist es Canetti zumindest gelungen, sich die eigene Zunge, die Sprache, das Mitteilen als wichtigste Lebensform durch keine Macht der Welt rauben zu lassen. Sven Hanuschek ist es gelungen, in perfekter Recherche-Arbeit uns diesen bedeutenden Denker und Schriftsteller näher zu bringen ...