Edward Elgar ist ja vor allem bekannt für seine Pomp-and-Circumstance-Märsche, die er für die Krönung König Edward VII. 1902 komponierte. Diese strotzen ihrem Titel gemäß vor Temperament und Feierlichkeit und haben natürlich auch einen stark britisch-imperialistischen und kriegerischen Beiklang, der wohl auch durchaus intendiert war.
Das spezielle Flair der Last-Night-of-the-Proms wäre ohne diese Märsche wohl kaum denkbar. Ansichtssache, ob man dies nun humorlos als britischen Nationalismus interpretiert oder ob man die selbstironische Komponente, dieser durchaus weltoffenen Veranstaltung anerkennt.
Edward Elgar jedenfalls sollte man nicht auf "Pomp and Circumstance" reduzieren. Hört man sein Cello-Konzert begegnet einem ein sehr kontemplativer, spätromantischer Komponist.
Dass der große Star der medialen Aufmerksamkeit im Cello-Bereich, Sol Gabetta, im Schumann-Jahr das Elgar-Konzert veröffentlichte verwundert mich persönlich ein wenig. Was wäre marketingtechnisch logischer gewesen als auf den Schumann-Zug aufzuspringen? Doch die Entscheidung fiel auf Elgar. Mir ist nichts über die Motive bekannt, ob Sol Gabetta mit Schumann weniger anfangen kann (in ihrem Konzertprogramm tauchen vereinzelt Kammermusikstücke aus seiner Feder auf), ob sie sich bewusst gegen den Trend der ritualisierten Komponistenverehrung in Jubiläumsjahren stemmt oder ob die Entscheidung für Elgar überhaupt nichts mit einer Entscheidung gegen Schumann zu tun hat, ist mir nicht bekannt.
Zur Darbietung des Elgar-Konzerts möchte ich hauptsächlich betonen, dass ich vollauf begeistert bin. Sol Gabetta beweist für mein Ohr viel Feinfühligkeit, Artikulationsgeschick und ein gutes Gespür dafür, das Stück weder romantisch-süßlich-kitschig oder zu pathetisch melancholisch zu spielen, noch es auf der anderen Seite betont steril zu spielen. Es passt für mein Ohr einfach. Gleiches ließe sich über die Orchester-Begleitung durch das Danish National Symphony Orchestra sagen, wobei das Stück tatsächlich so angelegt ist, dass das Orchester sehr im Hintergrund der Solistin steht.
Die Tracks 4,5,6 enthalten Adaptionen von Stücken Elgars, die sich klanglich nicht groß vom Cello-Konzert abheben. Aus meiner Sicht gelungene und sinnvolle Ergänzungen, wobei ich gestehe, die Originale nicht zu kennen.
Mit Dvoraks "Waldesruh" sowie einem Rondo aus seiner Feder wurden des weiteren 2 Stücke ausgewählt, die mir noch kein Begriff waren, die ich aber als große Bereicherung empfinde. Die Waldesruh ist eine wunderschöne Schilderung einer Naturstimmung ohne dass mir dabei wirklich ein naturalistischer Bezug etwa durch Vogelstimmenimitation oder ähnliches aufgefallen wäre. Einfach ein schönes, eher ruhiges und doch irgendwie fröhliches Stück. Das Rondo ist ebenfalls wunderschön anzuhören.
Mit Ottorino Respighis Adagio con variazioni, einem ebenfalls eher kontemplativen, ruhigen Stück wird die Haupt-CD sehr gelungen abgerundet.
Die Bonus-CD enthält 2 Stücke des lettischen Komponisten Peteris Vasks aus seinem Opus "The Book for solo cello", das nach Aussagen des Komponisten im Booklet einen Protest gegen Krieg und Ausgrenzung und ein Plädoyer für Liebe und Frieden darstellen soll, das unter dem Eindruck des Eisernen Vorhangs entstanden ist. Sol Gabetta, die sich ja auch schon ausführlich mit Schostakowitsch befasst hat ist mit dem Komponisten eng befreundet.
Die beklemmende Atmosphäre von Krieg und Ausgrenzung wird im ersten Teil des Stückes durchaus eindringlich dargestellt, um für Liebe und Frieden zu werben ist mir der zweite Teil zu schrill und dissonant, wobei ich gestehen muss, dass ich mit der typischen zeitgenössischen "klassischen Musik" Stand heute nichts anfangen kann. Als Hintergrundmusik für einen Dokumentarfilm vielleicht, aber nicht für den Musikgenuss durch den CD-Player. Aber hierzu mögen sich Menschen äußern, denen besagter Musikstil mehr zusagt.
Ergänzung, 29.3.2010: nachdem ich mittlerweile zumindest das "Dolcissimo", also den zweiten Teil der Komposition von Vasks live von Sol Gabetta bei ihrem Konzert in Landau in der Pfalz gehört habe (Elgars Cellokonzert und "Sospiri" übrigens auch), muss ich meine Einschätzung zu Vasks zumindest so weit revidieren, dass dieses Stück live eine ungeheure Wirkung hat. Die technische Schwierigkeit dieses Stücks fällt einem Laien wie mir, wenn man die Solistin live "arbeiten" sieht, deutlich stärker auf. Doch das Stück ist nicht nur technisch schwer, sondern bedarf auch eines enormen Einfühlungsvermögens. Sol Gabetta hat dieses. Auch den Gesangpart, der zu Dolcissimo gehört und von der Solistin selbst bewerkstelligt wird, klingt sehr ergreifend. Ob man allerdings den gleichen Effekt beim CD hören hat, kann ich nicht vollends beurteilen. Mir fiel der Zugang beim Anhören der CD vor dem Konzert eher schwer.
Der CD-Klang ist für mein Ohr absolut ausgezeichnet. Das Booklet ist ansprechend gestaltet und enthält Informationen gehaltvolle Informationen über Elgar, Dvorak, Respighi, einen Beitrag von Peteris Vasks über sein Stück (leider darüber hinaus nichts über den Komponisten), ein Kurzportrait von Sol Gabetta und dem Danish National Orchestra, also nahezu alles, was man sich wünschen würde.
Die Haupt-CD ist vorzüglich gelungen und ich kann sie nur voller Überzeugung empfehlen!