Weiße Elefanten sind selten. Im Königreich Thailand, das als konstitutionelle Monarchie geführt wird, gelten sie als heilig, als königliches Symbol absoluter Macht. Bis 1916 zierte ein weißer Elefant sogar die offizielle Flagge des Landes, das damals noch Siam hieß. Das exotische, ostasiatische Land ruft allerdings auch allerlei negative Assoziationen hervor: Sextourismus, Prostitution, Menschenhandel, Korruption. Alles Bestandteile für einen gelungenen Action-Thriller inmitten der vor Leben pulsierenden Metropole Bangkok.
"Elephant White" gibt realistische Einblicke in Prostitution und Mädchenhandel: Junge Mädchen, eigentlich Kinder, werden von den Eltern an Syndikate verkauft, unter Heroin gesetzt, auf den Strich geschickt. Ihre Welt besteht aus einer Aneinanderreihung von Gewalt und Angst. Wer einmal in dem Kreislauf gefangen ist, entkommt nicht mehr. Hat man keine Verwendung mehr für die Mädchen, werden sie "entsorgt". Sie enden auf der Müllkippe, zwischen Plastik und Elektroschrott.
Curtie Church (Djimon Hounsou), ein erfahrener Auftragskiller, ist dank seiner fundierten Ausbildung bei der CIA ein Spezialist auf seinem Gebiet. Wenn er eins kann, ist es töten. Der derzeitige Auftrag des gut verdienenden Freelancers führt ihn nach Bangkok, eine Stadt, in der die Gegensätze kaum krasser sein könnten. Pulsierendes Nachtleben, flirrende Leuchtreklamen, Bars, Kneipen und Massagesalons an jeder Ecke. Die Touristenhochburg ist voll von (halbseidenen) Geschäftsleuten. Prostitution und Kriminalität findet auf offener Straße statt. Irgendwo dazwischen, würdevoll und gleichzeitig seltsam fremd und deplatziert bahnt sich eine Gruppe Mönche den Weg durch die Stadt. Ihr buddhistischer Tempel befindet sich gegenüber einem anderen Palast, dem Sexschuppen "Kitty Kat". Dort residiert der Boss königsgleich, umgeben von Stoßzähnen aus Elfenbein und Frauen, die ihm gefügig sind. Zeichen seiner absoluten Macht ist ein weißer Elefant. Untrügliches Zeichen dafür, dass die Geschicke Bangkoks allein in seiner Hand liegen.
Die Stadt mit all ihren Kontrasten, asiatischer Kultur und Kriminalität ist wirkungsvoll in Szene gesetzt und bietet eine eindrucksvolle Kulisse für einen Action-Film, in dem es ordentlich kracht.
Vor Ort wird Church von einem einheimischen Geschäftsmann engagiert, angeblich, um dessen Tochter zu rächen. Der reichlich beklunkerte Thai zeigt Church das Foto eines fröhlichen Mädchens. Angeblich wurde auch sie Opfer skrupelloser Mädchenhändler. Gekidnappt, drogensüchtig gemacht, auf den Strich geschickt. Doch irgendetwas stimmt nicht. Ein verzweifelter Vater sieht anders aus.
Der Job selbst ist lukrativ: 10 000 Dollar pro Kopf fallen für Church ab. An ein reichhaltiges Waffensortiment kommt der versierte Killer, der sich schon mal in bester MacGyver-Manier aus einem Kondom eine Bombe baut, dank der Hilfe des ehemaligen Spions Jimmy (Kevin Bacon), der ihm noch etwas schuldig ist. Doch was sich als Routinejob anlässt, ist in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel: Church wird zum Werkzeug in einem Bandenkrieg zwischen rivalisierenden Mädchenhändlerringen. Als die sich gegen ihn verbünden, wird die Lage brenzlig.
Das "Kitty Kat" observiert er vom buddhistischen Tempel aus. Dort macht er eine ungewöhnliche Bekanntschaft: Die junge Mae (Jirantanin Pitakporntrakul), die schon bei seinem ersten Kill wie ein Geist vor ihm stand - vorwurfsvoll, tadelnd - taucht erneut aus dem Nichts auf. Ihr Charakter verleiht "Elephant White" ein mystisches, surreales Element, das an "The Sixth Sense" erinnert. Hier verbinden sich ein Stück weit östliche Philosophie und amerikanische filmische Umsetzung.
Auf diesen Genre-Mix aus Action, Mystery und Gesellschaftskritik sollte man sich einlassen können, um das Spektakel zu genießen.
Natürlich mag man einwenden, dass hier reichlich in den Klischeetopf gegriffen wird. Allerdings erwartet man von einem Action-Film auch keine problemorientierte, vielschichtige dokumentarische Auseinandersetzung.
"Elephant White" bietet solide Abend-Unterhaltung in perfekter Bild- und Tonqualität. Action-Szenen, Gewalt (FSK 18 ist ernst zu nehmen), Schusswechsel, Verfolgungsjagden, exotische Kulissen und glaubwürdige Darsteller zeigen Thailand jenseits schöner touristischer Locations. Bangkoks Schmuddelecken stehen im Mittelpunkt. Die CGI-Effekte sind gelungen, auch wenn sie nicht unbedingt bestechend realistisch daher kommen, sondern mitunter an Computerspiele erinnern.
Djimon Hounsou beherrscht als Curtie Church die Szenerie: Sein Spiel ist routiniert und glaubwürdig. Den eiskalten Killer nimmt man ihm problemlos ab. Gerade darum wirkt es befremdlich, dass die junge Mae die Moralkeule auspackt und versucht, ihn auf den richtigen Weg zu führen. Im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus wird davon ausgegangen, dass jede Handlung Folgen hat. Negative Gedanken und negatives Handeln erzeugt auch negatives Karma - und führt geradewegs zurück in den Kreislauf endloser Wiedergeburten. Doch der soll eigentlich im Idealfall durchbrochen werden. Etwas "westlicher" und platt ausgedrückt: Gewalt erzeugt immer wieder Gewalt. Das Grundproblem ist nicht durch eine Ein-Mann-Killermaschine, Intrigen und Einzelaktionen zu lösen.
Die Qualität der Blu-ray ist absolut überzeugend: Das Bild präsentiert sich durchweg scharf und kontrastreich. Auch der Sound kann sich hören lassen: Voll und mit ausgeprägtem Bass machen besonders die Actionsequenzen Freude. Hier lässt sich die Surround-Anlage mal so richtig ausreizen. Erfreulich ist, dass auch Dialogsequenzen durchweg gut zu verstehen sind und mit sonstigen Hintergrundgeräuschen sehr gut harmonieren. Man muss also nicht hektisch leiser bzw. lauter stellen, wie bei manch anderen Produktionen.
"Elephant White" ist das US-Debüt des thailändischen Regisseurs Prachya Pinkaew. Es ist ein gelungener Action-Thriller mit gut inszenierten und choreographierten Szenen. Wegen der ostasiatischen Einsprengel erscheint er für westliche Zuschauer möglicherweise mitunter etwas fremd. Aber der Blick über den gewohnten Action-Tellerrand lohnt sich.
Die Extras bieten einen kurzen Einblick "Behind the Scenes". Dazu gibt es Interviews, unter anderem mit Djimon Hounsou, Kevin Bacon und Jirantanin Pitakporntrakul, sowie einige mit Handkamera gefilmte Eindrücke, die während der Dreharbeiten entstanden sind.
Alles in allem ein sehenswerter Action-Film.