Wenn "Elende Helden" ein Film wäre, dann wahrscheinlich einer, der von der FSK nicht für Zuschauer unter 16 Jahren freigegeben würde. Und das nicht etwa, weil die Geschichte an irgendeiner Stelle in für Kinder und Jugendliche nicht statthafter Weise freizügig würde.
Der im Verlag Edition 52 erschienene Band umfasst zwar lediglich 76 Seiten, aber die haben es wirklich in sich - "Elende Helden" versprüht ähnlich viel Frohsinn wie die Filme von Michael Verhoeven oder Ken Loach. Mit anderen Worten: Der Inhalt von "Elende Helden" (übrigens die Adaption eines derzeit offenbar leider nicht mehr im regulären Handel erhältlichen Romans des französischen Schriftstellers Pierre Pelot) hält das, was das trostlos wirkende Motiv des Covers verspricht ' eine Reise in die Elendsquartiere jener, mit denen es das Leben nur selten gut gemeint hat.
Da ist zum Beispiel der zusammen mit seiner verwitweten Mutter in einer schäbigen Absteige lebende Anastase "Nanase" Bremont, der sich und die alte, verlebt aussehende Frau mit kleinen Gaunereien mehr schlecht als recht über Wasser hält und stets mit einem Bein im Gefängnis steht.
Auch Sylvette Duty und ihre Affäre Jose Manucci kennen die Sonnenseite des Lebens nur vom Hörensagen. Der verbitterte Manucci befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug gegen die hartherzige Ärztin Madame Magard. Die steht dem Waisenhaus vor, in dem Manucci die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat und ist zudem die direkte Vorgesetzte seiner Liebschaft Sylvette. Als Sylvette bei einem Schäferstündchen mit Jose ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und einer ihrer Schutzbefohlenen ausbüxt, setzt sie damit eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende Tod und Zerstörung stehen. Tragisch daran ist unter anderem, dass das Verschwinden des kleinen Joel Anastase für eine ganz kurze Weile hoffen lässt: "Wenn sie dank uns den Jungen finden, kommen wir vielleicht in die Zeitung (...) Dann sehen die ganzen Arschlöcher, dass wir auch zu was nutze sind ... " - mit diesem Schlüsselsatz bringt Anastase jenen Teil des Elends auf den Punkt, der nichts mit finanziellen Verhältnissen zu tun hat.
Eingehender möchte ich die Handlung von "Elende Helden" an dieser Stelle nicht betrachten, weil ich befürchte, andernfalls zu viel über den Plot zu verraten. Comic-Kennern sei nur so viel verraten: Der tragische Höhepunkt, auf den die unglücklich miteinander verketteten Umstände zusteuern, kann durchaus mit den Pointen diverser Pulp Fiction-Horrorgeschichten mithalten, wie sie besonders in der 50er Jahren populär waren.
Der Zeichenstil der Geschichte mischt realistisch wirkende Hintergründe mit teils karikaturhaft überzeichneten Figuren und steht damit durchaus in einer Tradition; die Kolorierung der Federzeichnungen wirkt aquarellhaft - das ergibt unterm Strich eine Mischung, die mir sehr gut gefällt. An der Qualität des Drucks, des für den Buchblock verwendeten Papiers sowie der Bindung des Softcoverbandes habe ich, wie so oft im Falle von Publikationen des verdienstvollen Verlags Edition 52, nichts auszusetzen; Interessierten kann ich den zum Preis von 18 Euro im Buchhandel erhältlichen Band deshalb wärmstens zum Kauf empfehlen.
R e s ü m e e
Comic-Kunst vom Feinsten - inhaltlich wie gestalterisch; zudem in einer Ausgabe, mit welcher der Verlag Edition 52 der Qualität des gebotenen Inhalts vollauf gerecht wird. Comic-Fans, die Bildergeschichten schätzen, die sich mit sozialkritischen Themen befassen, sollten diesen exzellenten Band unbedingt kennenlernen.