"Man meint immer, man weiß Bescheid, aber da täuscht man sich." Auch die 63-jährige Elena meint immer, Bescheid zu wissen, doch auch sie täuscht sich. Während sie an einem regnerischen Nachmittag von Mimi einer Rundumerneuerung unterzogen wird, erhängt sich ihre Tochter Rita im Glockenturm der Kirche. Da Rita jedoch niemals bei Regen das Haus verlassen hätte aus Angst vor Gewitter, muß sie ermordet worden sein. Davon ist Elena felsenfest überzeugt. Niemand kann sie eines Besseren belehren, bis Isabell, eine Zufallsbekanntschaft aus der Vergangenheit ihre Weltsicht für immer verändert.
Doch bis zu dieser Erkenntnis vergeht ein unendlich langer, mühsamer und qualvoller Tag. Denn Elena ist gefangen in ihrem eigenen Körper. Sie leidet an der Parkinson-Krankheit, im Volksmund auch Schüttellähmung genannt. "Parkinson, die Scheißkrankheit, weiblich, wie die Katastrophe, die Krankheit, die Strafe." Diese "scheißverdammte Scheißkrankheit" zwingt Elena in eine Art inneres Gefängnis aus Bewegungsarmut und Sprachlosigkeit. Grandios, wie Pineiro diese neurologische Erkrankung in all ihren schrecklichen Einzelheiten schildert. Dabei erspart sie uns nichts. Der Morbus Parkinson führt zu einem Untergang von Nervenzellen in der sogenannten Substantia nigra im Gehirn und somit zu einem Dopaminmangel. Dieser Dopaminmangel führt zu Muskelstarre, Bewegungslosigkeit,
Muskelzittern und Haltungsinstabilität. Parkinson ist unheilbar und nur die regelmäßige Einnahme von Madopar (Levodopa) führt stundenweise aus diesem Gefängnis heraus. So ist Elena`s Zeitrechnung analog des Wirkungsspiegels von Levodopa im Blut.
"Immer auf den Boden starren müssen und für den Rest des Lebens den Kopf gebeugt halten, so als würde man sich schämen ... Keinen normalen Schritt mehr tun können, immer mit den Füßen über den Boden schleifen, und das auch nur, weil das Levodopa einem den Gefallen tut ... Immer nur dasitzen und ohne fremde Hilfe nicht auf die Beine kommenund sich die Fußnägel nicht selbst schneiden zu könnenund die Schuhbänder nicht alleine zukriegen ... Nur mit Mühe schlucken können und dauernd spüren, daß einem die Luft wegbleibt ... Nur noch mit den Händen essen können und erst beim hundertsten Versuch die Tablette runterbekommen und zum Trinken auf einen lächerlichen Plastikhalm angewiesen sein und sich nicht mehr selbst die Unterhose runterziehen können und auch nicht wieder rauf und jemand brauchen, der einem den Hintern abwischt."
Dieses Leid, die Abhängigkeit, Erniedrigung und Scham des Betroffenen wird uns derart eindringlich geschildert, daß wir uns förmlich in den funktionsunfähigen Körper von Elena versetzt fühlen. Aber auch die grausame Alternative, das Leid mitansehen zu müssen und zur Aufrechterhaltung des Lebens eines anderen mißbraucht zu werden, wird von Pineiro eindrucksvoll geschildert. Wir leiden mit Elena und auch mit Rita. Eine solche Erkrankung bedeutet immer eine große Belastungsprobe für Betroffene und ihre Angehörigen. Im vorliegenden Roman wird eine Lanze für die Angehörigen gebrochen. Die Angehörigen, die im Gegensatz zum Betroffenen niemals im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Deren Leben aber vielfach derart mit Hilfestellungen für den Kranken ausgefüllt ist, daß für persönliches Glück kein Platz mehr ist.
Dieser 187 Seiten starke Spannungsroman der fünfzigjährigen Autorin aus Argentinien, die mit
Ganz die Deine bereits ein grandioses Debut hingelegt hat, ist ein weiteres kleines Meisterwerk. Neben einem Spannungsroman ist es aber auch eine Auseinandersetzung mit einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, der Krankheit Morbus Parkinson und der Rolle der Helfer eines Menschen, der zum Pflegefall wird. Mich hat dieses Buch auch als Ärztin tief beeindruckt und ich möchte es daher sehr empfehlen!