Ganze drei Jahre kann eine Schnecke am Stück schlummern. "Stell dir vor, du wachst auf und stellst fest, dass du dein halbes Leben verschlafen hast!" Diese Worte ihrer zukünftigen Schwiegertochter erschüttern Elena Winters bis ins Mark. Katholisch erzogen, seit 15 Jahren fürsorgliche Pfarrersfrau, keine eigenen Karriereambitionen, dazu Mutter eines Sohnes im Teenageralter, kurz: Die ehemalige Fotografin ist die heterosexuelle, konservative Bilderbuchfrau schlechthin, mit bibelfestem Mann, gesellschaftlichem Ansehen, schönem Haus und gesichertem Einkommen. Perfekt. Wäre da nicht das Problem, dass sie sich körperlich und sexuell nicht zu ihrem Mann Barry hingezogen fühlt. Früher nicht, zum gegenwärtigen Zeitpunkt erst recht nicht. Und dass sie sich nichts zu sagen wissen als Alltagsplattitüden.
Elena spürt, dass etwas nicht stimmt, dass sie anders ist, dass es so nicht sein sollte zwischen ihr und ihrem Mann. Aber sie lebt ihren Alltag, erfüllt pflichtbewusst die Erwartungen der Außenwelt als Ehefrau und Mutter in der tristen Banalität ihres Daseins, auch wenn eine leise Traurigkeit jede ihrer Bewegungen, jede Geste begleitet. Eine glückliche Frau sieht anders aus.
Ein weiteres Kind soll alles ändern, wieder für gemeinsame Erlebnisse sorgen, doch die Natur spielt nicht mit. Dafür aber das Schicksal.
Adoption scheint vorerst der einzige Weg zu sein, der noch zu gehen bleibt, um Freude in ihr freudloses Dasein zu bringen. Soll sie, soll sie nicht? Sohn Nash ist das einzige, was sie und Barry gemeinsam haben - und der wird erwachsen und wird in absehbarer Zeit das Haus ver- und seine Eltern hinter sich lassen. Im Gegensatz zu Elena ist er zudem sehr glücklich in seiner Beziehung mit Tori: Sie haben sich früh gefunden; sie stehen füreinander ein und halten zusammen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass die beiden von einer gemeinsamen Wohnung und einem eigenen Leben träumen.
Wenn Elena reden will, wendet sie sich an ihren besten Freund Tyler. Der glaubt an die Liebe, an wahre Liebe. An Liebe zu einem Seelenverwandten, der einem begegnet, wenn man es nicht erwartet, nicht damit rechnet, nicht mehr daran glaubt, vielleicht sogar an einem Ort, den man nie für möglich gehalten hätte. Der selbsternannte Liebesguru mit Affinität zu Spiritualität rät ihr, sich wegen einer Adoption beraten zu lassen. Eine gemeinsame Zukunft mit ihr Barry und einem Säugling sieht er allerdings nicht. Dafür aber eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird. Und genau das geschieht'
Schon die erste Begegnung zwischen der lesbischen Peyton, die nach einer missglückten Beziehung die Nase voll hat von Frauen und sich nach einem Kind sehnt, und Elena ist wie Magie: intensive Blicke, wortloses Verstehen. Die Chemie stimmt nicht nur, als sie sich bei einer Lesung Tylers erneut über den Weg laufen; es knistert, es brennt zwischen ihnen. - Und das überträgt sich auf die Zuschauenden: atemberaubend erotisch! Es ist unmöglich, sich diesen Szenen zu entziehen, deren Aufbau ganz behutsam gestaltet ist, bevor die Handlung Tempo aufnimmt und alles mit sich reißt, die beiden Charaktere ebenso wie die Zuschauenden. Die Schnecke ist erwacht. Endlich.
Necar Zadegan, gebürtige Deutsche iranischer Abstammung, die vor allem in der achten Staffel von "24" als "First Lady" Dalia Hassan für Aufmerksamkeit sorgte, brilliert in der Rolle der Elena: wunderschön, intensiv, ausdrucksstark. Peyton alias Traci Dinwiddie stammt aus Anchorage, Alaska, und war unter anderem als Pamela Barnes in "Supernatural" zu sehen und versteht es mühelos ihrem Charakter Tiefe und Vieldimensionalität einzuhauchen. Beide verzaubern und wirken so echt und authentisch bei all ihren Begegnungen, dass es fast an Voyeurismus grenzt, sie so dicht und direkt zu beobachten - und sie spielen den übrigen Cast an die Wand.
Die Liebesszenen sind zauberhaft: erotisch, aber nicht pornographisch. Die Kamera wird wirkungsvoll eingesetzt, zeigt und verbirgt, ohne aufdringlich dabei zu sein. Störend und unangenehm ist ausgerechnet beim "ersten Mal" die erschlagende Musik: Ein klassisches, zurückhaltendes Stück wäre passender gewesen als dieser doch etwas an einen Softporno erinnernde, ärgerliche Track mit eingebauten Stöhn-Elementen, die sich noch dazu unangenehm in den Fokus der Aufmerksamkeit bohrt. Hier hilft nur eins: radikal den Ton abschalten.
"Make love to me, Peyton", wunderschön, sanft, zärtlich. Wie soll frau widerstehen? Dennoch versucht Peyton es. Wenn sie diesen Weg einmal beschreiten, gebe es kein Zurück mehr. Nie wieder. So lange ist es noch nicht her, dass Elena sie lediglich als "beste Freundin" bezeichnet hat, die alles haben könne, alles von ihr - außer "das Eine". Wohl so ziemlich das Schlimmste, was man einer verliebten Frau sagen kann.
Peyton, die Schriftstellerin, weiß, dass exakt das der Stoff ist, aus dem tragische Liebesgeschichten gestrickt sind. Doch für ihr eigenes Leben hat sie nach einer missglückten sechsjährigen Beziehung andere Pläne als ausgerechnet diesen traurigen Weg zu beschreiten. Sie will alles. Endlich einmal auch gewinnen im Leben.
Die Liebesszenen gehören zweifellos zu den schönsten, die es je zwischen zwei Frauen innerhalb eines Filmes gegeben hat! Heiß, zärtlich, verspielt. Man sollte nicht zu viel auf die offizielle Altersfreigabe geben, die fälschlich erotische Sparsamkeit suggeriert; allein diese Szenen sind es wert, "Elena Undone" anzusehen. Nicht nur einmal, immer wieder. Es dürfte sich um die längste, intensivste Kussszene, die es je innerhalb eines lesbischen Filmes gegeben hat, handeln. Nein, sogar um die längste überhaupt: Mit immerhin 3:24 Minuten gelang Regisseurin und Dreihbuchautorin Nicole Conn ein neuer Rekord. Zadegan erklärte in einem Interview: "Traci and I are really great at kissing!" Yes, girl, indeed, we can see that! Dennoch wirkt nichts einstudiert, nichts inszeniert. Und das ist eine wahrhaft große und großartige Leistung aller Beteiligten.
Während Peyton in Elenas Armen den kleinen Tod stirbt, stirbt sie noch tausend weitere, denn sie ahnt, was auf sie zukommt. So perfekt und romantisch ihre Beziehung erscheinen mag; Elena ist nach wie vor verheiratet. Kann die Geliebte gewinnen, wenn auf der anderen Seite Familie, Ansehen und immerhin 15 Jahre gelebtes Leben stehen?
Peyton ist machtlos gegen die aufkeimende Eifersucht. Merkt, dass es nichts ändern, ob Elena ihren Mann liebt oder nicht, denn er ist dennoch da, fasst sie an, berührt sie, stiehlt ihnen ihre gemeinsame Zeit - und sie will nicht, dass all die neugefundene Bedeutung in Bedeutungslosigkeit ertrinkt. All das fängt die Kamera ein, wortlos steht es geschrieben in ihrem Gesicht, in winzigen mimischen Nuancen.
Als Elena nach einer intensiven Liebesnacht beim Frühstück verkündet, dass sie und Barry demnächst zu ihrem üblichen Jahresurlaub auf Hawaii aufbrechen, ist es für Peyton wie ein Faustschlag in die Magengrube. Und auch der homophobe Göttergatte, der als Pfarrer vor seinen Schäfchen gern von Sünde faselt und eheliche Treue preist, hat genug von der Umtriebigkeit seiner Frau. "Du lässt alles schleifen". Den Haushalt! Den Sohn! Aber eigentlich meint er vor allem: den Sex mit ihm. Denn sie kann nicht anders, als verweigern, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Sie ist Peyton treu.
Die aufkeimende Leidenschaft hat sie längst hinweggespült. Beide. Von Elena ist die leise Traurigkeit abgefallen; ein strahlender Mensch schwebt durch das Bild. Leuchtende Augen, auf den Lippen ein leises Lächeln, die Gedanken weit weg, ein Lied in jeder Bewegung. Sie liebt. Sie liebt zum ersten Mal in ihrem Leben. Und auch sie will alles. Doch das erfordert eine Entscheidung. Als Nash anfängt zu entgleisen und sich die Situation mit Barry zuspitzt, merkt sie, dass sie Farbe bekennen muss. Regenbogenfarbe oder alltagsgraue? Es ist Elenas Entscheidung. Und sie wird alles beeinflussen, alles verändern...
Der Film mündet schließlich in einem Finale, mit dem an diesem Punkt nicht zu rechnen ist.
Ungewöhnlich sind die eingebauten kurzen Erzählungen von Paaren, die nebeneinander sitzend über kleine Episoden aus ihrem gemeinsamen Leben berichten, wodurch "Elena Undone" eine gewisse dokumentarische Note erhält. Denn all diese Geschichten basieren auf tatsächlichen Erlebnissen. Junge, alte, homo- und heterosexuelle, Lesben und Schwule, Menschen aller möglichen Hautfarben, die eins verbindet: Sie haben die berühmte große Liebe gefunden. Auch Liebes-Koryphäe Tyler wendet sich als Erzähler frontal immer wieder direkt an die Zuschauenden. Ein Kunstgriff, der unweigerlich an Bertolt Brechts "episches Theater" erinnert: Einerseits wird die bedingungslose Identifikation mit den Figuren verhindert; andererseits denkt man über sich, vergangene, gegenwärtige und zukünftige Beziehungen nach. So wird Tyler - zu sehen hier der hinreißende Sam Harris - nicht nur Gegenpart von Pfarrer Barry, sondern auch zu einem Streichler der eigenen Seele, der Hoffnung macht. Und ein bisschen Eskapismus in der rauen Realität, wer braucht das nicht?
Nicole Conn ist nach "Claire of the Moon" erneut ein meisterhafter Film gelungen. Die Drehzeit betrug lediglich 12 Tage. Entstanden ist eine kleine Perle der Filmkunst, die sehenswert für jede/n romantisch veranlagten Menschen ist.
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