Dass Dream Thetaer- Stimme James LaBrie sein inzwischen drittes Soloalbum nicht mehr mit „Mullmuzzler" betitelt hat, ist schon ein wenig bezeichnend. Musikalisch ist „Elements of Persuasion" von seinen beiden Vorgängern völlig unabhängig. Das Fundament der zwölf übersichtlich kompakten Songs ist keinesfalls Prog Rock, sondern schwerer Heavy Metal, der ohne Umwege ins Ohr geht, dadurch aber keinesfalls Ansprüche zurückschraubt. Überraschend hart ausgefallen trägt die Platte ganz klar die Züge von Dream Theaters Alben des neuen Jahrtausends - ein klares Indiz dafür, dass LaBrie in keiner Weise eine Auszeit von der neuerlichen heavy Gangart seiner Bandkollegen Mike Portnoy und John Petrucci gesucht hat. Der Opener CRUCIFY trägt mit Thrash- Parts, schweren Gitarren- Riffs und hammerharten Drums mit etlichen noch so kleinen Breaks, die gekonnt die Spannung erhöhen und LaBries powervollen Vocals klare Züge des „Six Degrees of Inner Turbulence"- Openers „The Glass Prison". Wie im zweiten Track ALONE erinnern manche Atmosphären, u.a. durch gezielt und nicht inflatorisch eingesetzte sterile Keyboard- Atmosphären an „Train of Thought"- Nummern wie „This Dying Soul" in ihrer unterkühlten Härte. Bedrohlich düstere Atmosphären schwer schreitender Mid Tempo- Nummern wie FREAK oder INVISIBLE wechseln sich mit formidablen, antreibenden Stücken wie PRETENDER ab. Das mahnende UNDECIDED wirkt mit seinem durch alle Parts des Songs wie eine schwere Walze durchgezogenen Drive beinahe hypnotisch, ebenso wie der bedacht kontrolliert schnelle Double Bass- Refrain von IN TOO DEEP. Allgemein erinnern die Refrains, insbesondere im düster harten OBLIVIOUS oder auch ALONE oft an neuere Fates Warning- Werke oder auch Ray Alders Engine- Platten: sehr straight und einfach und um so eindringlicher. Auch ruhigere Songs wie LOST oder SLIGHTLY OUT OF REACH sind alles andere als zarte, weiche Trommelfellstreichler und vermeiden all zu optimistischen und warmen Ausdruck. SMASHED ist wahrhaftig keine 08/15- Standardballade; düstere Percussion zu Klavierbegleitung mit leicht jazzigem Einschlag verschmelzen mit ganz gefühlvollen Vocals zu einer leeren Melancholie, die wie alle anderen Songs vortrefflich zum düsteren Gesamtkonzept um ein Opfer von Gedankenmanipulation durch Glaubensfanatiker passen.
LaBries Vocals sind durchweg klasse und im Stil den neueren Dream Theater- Platten sehr ähnlich, oft aggressiv, mal unheimlich verzerrt oder ausdruckstark mit hohen Backings versetzt (wunderbar in IN TOO DEEP), teilweise expressiv hoch und dabei graziös klar, und auch einmal gefühlvoll schwermütig in den ruhigeren Songs. Sein Solo- Lineup hat er zwar gegenüber Mullmuzzler (1999 und 2001) kaum verändert - nur ex- Zappa- Gitarrist Mike Keneally wurde durch Marco Sfogli ersetzt. Allerdings fährt die Band hier ganz andere Geschütze auf und bietet eine Musterpalette an anspruchsvollem, hochklassigem Prog Power Metal, wobei sich ‚Prog' nicht auf epische Konstruktionen und komplexe Fabel- Rhythmen bezieht. Vielmehr liegt das Prädikat ‚Prog' im Ausdruck des Könnens der Weltklassemusiker, die innerhalb ‚normaler', gerader Rhythmen alle denkbaren rhythmischen Spielchen mit Akzentuierungen, Breaks und und und... zelebrieren. Drummer Mike Mangini, der für Extreme, Annihilator, Steve Vai und viele weitere große Namen spielt und gespielt hat ist ein wahrer Alleskönner und brennt ein virtuoses Feuerwerk mitsamt grandioser Fills ab. Keyboarder Matt Guillory, der bei Trent Gardners „Age of Impact" mitwirkte und auch in der Prog Metal- Band Dali's Dilemma zu Werke ist, hat für jede Atmosphäre den richtigen Sound und steuert außerdem zusätzliche Gitarren bei. Er und der erst 25-jährige italienische Rock Fusion- Gitarrist Marco Sfogli donnern unglaubliche Frickel- Soli aus dem Lautsprecherboxen. Und auch Bassist Bryan Beller (u.a. Mike Keneally- Band, Steve Vai) ist stets mit ansprechenden Basslines präsent und hält sich nicht bloß im Hintergrund. Wer sich James LaBries Solo- Werk wegen einer bestehenden Leidenschaft für Dream Theater mit Hang zu deren härteren Alben zu Gemüte führen will, der kann bedenkenlos zugreifen. Liebhaber progressiver Power mit hohen Ansprüchen werden garantiert nicht enttäuscht.