Als Schüler habe ich die Organische Chemie für ihre Systematik bewundert. Die klare Aufteilung in Stoffklassen, die auf einfachen Regeln basierende Strukturchemie, die Systematik der Reaktionstypen, die logische Begründbarkeit von Reaktivitäten.
Als Chemiestudent im Hauptstudium hat mich dasselbe Fach vollkommen abgeschreckt. Unerklärte Stereoselektivitäten, empirisch kaum abgesicherte Mechanismuspostulate, künstliche Komplexität und persönliche Eitelkeiten in der Nomenklatur, die offen gezeigte Arroganz und Verachtung des Organikers gegenüber allen anderen chemischen Fachrichtungen, selbst wenn sie so wichtige Konzepte wie Symmetrie betrafen, die einfallslos eingesetze Analytik mit physikalisch unbegründeter Angabe von Meßwerten, das praktische Dilletieren mit Unmengen von Lösungsmitteln und Methoden aus dem Spätmittelalter.
Dem Buch von Hoffmann muß man nun zugutehalten, daß es mir als inzwischen überzeugtem Anorganiker einiges an der früher entgegengebrachten Bewunderung für das Fach wiedergeben konnte. Es ist unglaublich klar strukturiert, beschränkt sich auf das Wesentliche und macht auf gehobenem Niveau erneut die Logik und Systematik des Faches deutlich. Die technische Umsetzung ist hervorragend, für einen angemessenen Preis bekommt man ein Buch, an dem man dauerhaft Freude haben kann und das auch bei häufigem Gebrauch kaum leidet. Hoffmann verschweigt außerdem nicht die derzeitigen Schwächen der Organische Synthese (Stichwort: Schutzgruppentanz), wo andere Autoren dieselbe Thematik (unbegründet) als positiv hervorheben. Die gewählten Beispiele bilden einen guten Mix aus Klassikern der Totalsynthese, einzelnen Synthesen, an denen man besonders gut einen Punkt erläutern kann, sowie eigenen Arbeiten Hoffmanns, wobei sich in letzterem zeigt, wie wenig eitel der Autor ist, könnte er doch viel mehr hochrangige Beispiele aus seiner eigenen Forschung angeben, als er es tut. Auch der Verzicht auf Übungen erscheint mir positiv. Es gibt nur wenige Bücher in denen Übungsaufgaben wirklich eine Bereicherung darstellen (z.B. den Gehrtsen "Physik"), weil sie zum Nachdenken anregen und nicht nur zur bloßen Nachahmung eines Kalküls. Und wieviele Studenten üben denn tatsächlich damit? (viel eher nutzen Dozenten diese Teile für ihre Klausuren). Üblicherweise also vertaner Platz, der solche Lehrbücher nur unnötig aufbläht. Das schließlich ist ebenfalls ein klares Plus des Buches. Hoffmann versteht es prägnant und unterhaltsam zu schreiben. Die Informationsdichte ist hoch, aber aufgrund der klaren Sprache gut aufzunehmen. Für Chemiker jedes Fachgebietes nur zu empfehlen!