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Elementarteilchen
 
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Elementarteilchen [Gebundene Ausgabe]

Michel Roman Romane - Houellebecq
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: DuMont Buchverlag, Köln, (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3770148797
  • ISBN-13: 978-3770148790
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,8 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (134 Kundenrezensionen)
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Michel Houellebecq
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Depressive Dekadenz

Sänger des Ressentiments: Michel Houellebecq

Von Stefan Zweifel

Michel Houellebecqs skandalöser Sexroman «Elementarteilchen» entpuppt sich als reaktionäres Pamphlet gegen die Moderne und Postmoderne. Er führt unseren Untergang als Übergang in eine totalitäre Welt der genetischen Glücksdiktatur vor. Dazwischen erstreckt sich eine quälend gut gelungene Zone der Depression.

Jedes Jahrhundert hat das Fin de siècle, das es verdient. Michel Houellebecqs Erfolgsromane «Ausweitung der Kampfzone» und «Elementarteilchen» (vgl. auch NZZ 10./11. 4. 99) über die «vitale Erschöpfung» unserer Kultur entfalten eine Panikblüte des Ressentiments und des Selbstekels: Das Unbehagen nach der sexuellen Revolution von achtundsechzig entspringt nicht mehr dem Triebverzicht, sondern dem Triebzwang. Das neue Über-Ich skandiert laut Houellebecq den Slogan: «Du begehrst und bist begehrenswert.» Im 19. Jahrhundert lebten nur ein paar Auserwählte stets vor dem Spiegel und stilisierten sich zum Dandy und Kunstwerk. Heute wird uns in Film und Werbung ständig der Spiegel perfekter Wesen vorgehalten, die totale Sinnlichkeit signalisieren; wer diesem Ideal nicht entspricht, eilt ins Fitnesscenter oder sucht, wenn jegliche Hoffnung auf einen heroischen Body und sinnliche Erotik zerstört ist, in der Esoterik übersinnlichen Trost und trimmt statt der Muskeln die Seele.

So oder so: Der gnadenlose Narzissmus zerstört jegliche Liebesfähigkeit; aus den kleinen Familienmolekülen herausgesprengt, schweben die selbstsüchtigen Individuen als vereinzelte Atome durch den leeren Raum der globalen Marktwirtschaft und versuchen sich verzweifelt mit anderen Menschen oder (Luxus-)Produkten zu einem gesättigten Molekül zu verbinden. Da ein gesättigtes Molekül aber nichts konsumiert, werden sie sofort wieder auseinandergerissen und als «Elementarteilchen» schutzlos den zerstörerischen Mechanismen der schrecklich-schönen neuen Warenwelt ausgeliefert.

FUN & FASHION

Man kennt die Melodie. Nur dass Rousseau, dieser unübertroffene Sänger des Ressentiments, noch eine vergleichsweise heile Welt anklagte, ehe das «System Sade» seinen weltweiten Triumphzug antrat, das von Houellebecq für den Untergang des Abendlandes – und nicht nur des Abendlandes – verantwortlich gemacht wird: eine teuflische Mischung aus libertärer Wirtschaft und libertinistischer Ausschweifung. Die Körper in den geschilderten Orgien erinnern denn auch eher an tiefgefrorenes, vakuumverpacktes Fleisch aus dem Billigangebot als an die glamourösen Bilder aus den Pariser Endzeit-Klubs und Mode-Partys. Denn genau aus diesen Traumwelten sind Houellebecqs Helden ausgeschlossen und verkümmern zwischen namenlosen Vorstädten und unsäglichen Lust-Simulakren der Sexindustrie. Sie verfaulen in den hintersten Regalen der Supermarkt-Welt.

Klirr und kalt weht uns auf diesen Seiten die Verzweiflung und Verbitterung eines Zukurzgekommenen an, der unser Jahrhundertende mit dem kalten Blick des Insektenforschers beschreibt, die gestählten Ich-Panzer aufknackt und hinter den aalglatten Erfolgsmasken und Fratzen von Fun und Fashion die abgetriebenen Gefühle hervorkratzt und die ganze Schäbigkeit des Mittelstandes mit seinen Sehnsüchten blossstellt. Er seziert eine in wilder Ekstase zwischen Pop und Porno erstarrte Welt, in der jeder als Totgeburt seine Träume von Nähe und Sanftheit durchs Leben wie durch eine Salzwüste ungeweinter Tränen schleppt.

Unterschiedslos werden Michel Houellebecq, Jegor Gran und Virginie Despantes zum trio infernal der neuen Pariser Dekadenz stilisiert, wobei die entscheidenden Differenzen einfach überblendet werden. Nietzsche unterschied nämlich zwischen zwei Spielarten der Dekadenz: zum einen die prunksüchtig bös-heitere, in Opiumwolken schwelgende, natürlich sehr französisch angehauchte «décadence», die das Leben zumindest als Spiel rechtfertigt und den Verfall ästhetisch feiert – dafür stünde heute Jegor Gran (vgl. NZZ 22. 10. 98). Zum andern die sinnenfeindliche, trübsinnige Dekadenz eines Sokrates oder Jesus, die des Lebens müde sind und es deshalb im Namen höherer Werte entwerten – in diese Tradition könnte man Houellebecq reihen; auch er würde wohl dem Asklepios zum Dank für den Giftbecher, der ihn endlich von der Krankheit Leben befreit, einen Hahn opfern. Sein höchster Wert heisst «Liebe», und da sie unter den Menschen nicht mehr zu finden ist, muss das menschliche Leben nicht nur entwertet, sondern lieber gleich ganz abgeschafft werden. Zuvor aber labt sich der Mensch, ganz end- und zeitgeistmässig, an einem Ende in Schrecken ohne Ende.

«Alle Schwänze der Jahrhunderte gleichen sich», behauptete Huysmans, der Dichter der klassischen «décadence» – diesmal misst er, man muss es so krud zitieren, «nur 12 cm». Über diesen zu kurz geratenen Leisten wird die ganze Welt geschlagen. Die verzifferte Sade-Sexualität führt – so Houellebecqs eigensinnige Geschichtseschatologie – über den Wiener Aktionismus und die Hippies direkt – ?! – zu den serial killers und Snuff-Movies der Neunziger. Mit Genuss schildert der Autor die entsprechenden Szenen, erntet die Aufmerksamkeit einer schockierten Öffentlichkeit und wirft sogleich das Mäntelchen des empörten Moralisten über, der lediglich unserer Zeit einen (Zerr-)Spiegel vorhalten wolle. Ein unglaublich geschickt kalkuliertes Manöver.

SEIEN SIE WIDERWÄRTIG!

Das Erfolgsrezept zu den beiden Skandalbüchern «Ausweitung der Kampfzone» (1994) und «Elementarteilchen» (1998) hat Michel Houellebecq sehr früh schon in einem kleinen Manifest «Rester vivant» (1991) verraten, das leider nicht in die deutsche Aufsatzsammlung aufgenommen wurde: «Jede Gesellschaft hat ihre schwachen Punkte, ihre Wunden. Legen Sie Ihren Finger auf die Wunde und drücken Sie fest zu. Zeigen Sie die Schattenseite hinter dem Dekor. Insistieren Sie auf der Krankheit, der Agonie, der Hässlichkeit. Reden Sie vom Tod, vom Vergessen. Von Eifersucht, Indifferenz, Frustration, Liebesmangel. Seien Sie widerwärtig, dann werden Sie wahrhaft sein.»

Im neuen Roman erzählt er die trostlose Geschichte zweier Halbbrüder, die von ihrer eigensüchtigen Mutter im Stich gelassen wurden, da sie sich im Zeichen der Befreiung von achtundsechzig lieber selber sucht und sich in Kalifornien irgendwo zwischen fernöstlichen Heilslehren und Schönheitsoperationen findet. Bruno, hässlich wie wir alle und mittleres Lehrkader, flüchtet nach einer gescheiterten Ehe aus Verzweiflung in ein Camp namens «Ort der Wandlung», das aus dem Geist der Blumenkinder entstanden und mittlerweile in die heile Welt des New Age abgedriftet ist: Er lässt – eine meisterhafte Satire – Seminare in rebirthing und creative writing über sich ergehen, um wenigstens die Hoffnung auf einen half-night-stand mit einer «Tantra-Schlampe» nicht ganz aufgeben zu müssen. In der Tat lernt er im Whirlpool die abgehalfterte Christine kennen, die leider bald in einem Pärchenklub unter den harten Stössen eines anderen Mannes bei einem Schub fortschreitender Nekrose im Rückenmark zusammenbricht, ehe sie sich mit dem Rollstuhl in den Tod stürzt.

Da das Buch ein Thesenroman ist, darf es dem Halbbruder Michel nicht besser ergehen. Kein Glück. Nirgends.

Seine Wut hat Houellebecq der Welt wie Vitriol ins Gesicht geschmissen: Prompt wurde das ätzende Buch von Prozessen bedroht, von den einen boykottiert, von den anderen vehement verteidigt und mit Preisen ausgezeichnet. Noch immer beugt man sich in Paris über sein Werk, um vermittels Stilanalysen das Geheimnis des Erfolgs zu lüften («L'Atelier du Roman» Paris, Juni 1999). Ein müssiges Unterfangen: Gerade durch radikale Kunstverweigerung gelingt es dem Autor, dass der geschilderte Ekel am Leser klebenbleibt. Er legt alle möglichen Fallstricke der Depression, bis man vom Gefühl der Enge erwürgt wird und das Buch ebenso entgeistert wie begeistert weiterschenkt, um es ja nicht länger in der Wohnung rumliegen zu sehen. Anders als bei virtuosen Untergehern und Apokalyptikern wie Thomas Bernhard wird der Auslöschung kein ästhetischer Genuss abgerungen, an den man sich noch klammern könnte. Houellebecq hat bekannt, sich nicht um die Gestalt, sondern nur um den Gehalt zu kümmern und sich um die Kohärenz der Geschichte zu foutieren. Immer wieder stellt er die Frage, wie man es in einer Welt ohne Gott aushalten kann, wobei er sich davor hütet, durch literarische Brillanz den letzten Ausweg aus der abendländischen Sackgasse einzuschlagen: die Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Kunstwerk. Houellebecqs Wahn hat somit durchaus Methode.

Ganz bewusst baut er etwa die Schilderung einer Bucht im ersten Kapitel des zweiten Teils von «Kampfzone» oder den Blick aus dem Flugzeug im fünften Kapitel des dritten Teils der «Elementarteilchen» ein, die nicht über das Niveau eines Mittelschulaufsatzes hinausreichen. Setzen sich in der «Kampfzone» sechs Personen an einen Tisch, wird nacheinander deren Biographie lustlos heruntergeschrieben, und die Gespräche zwischen den beiden desillusionierten Halbbrüdern in den «Elementarteilchen» erinnern nicht ans lebendige Wort, sondern höchstens ans Konversationslexikon. Doch der bewusst nachlässige Stil steigert die Tristesse, von der man beim Lesen erfasst wird, die Qualen der Sexualität werden durch die quälende Banalität der Sätze noch verstärkt. Die Wörter werden von diesem Autor so sorglos behandelt wie die einzelnen Menschen vom Kapital. Damit führte Houellebecq in Paris zusammen mit seinen Kollegen vom Szeneheft «Les Inrockuptibles» (vgl. «onze», Sammelband bei Grasset, 1999) einen Tonfall ein, der hierzulande aus den Zynismen der Zeitgeist-Schreibe sattsam bekannt ist und erklären mag, weshalb für einmal ein Kult-Buch so erfolgreich den Sprung über den Rhein schaffte.

ANTIMODERNES PAMPHLET

Sein Sex-Text, der das lustlose Treiben in Swingerklubs und Brutalo-Pornos in aller Härte zeigt und in manchen Lesern verständlicherweise Übelkeit erregt hat, ist indes hinter dieser skandalösen Oberfläche ein philosophisches Pamphlet gegen das Projekt der Moderne und noch mehr der Postmoderne. Unser «unterbelichteter Nietzscheaner» liefert Deleuze und Derrida dem «weltweiten Gespött» aus und rechnet mit den neunziger Jahren genauso ab wie mit achtundsechzig – und generell den letzten fünfhundert Jahren abendländischer (Geistes-)Geschichte. Ziel ist es, die Gegenwart als dumpf stampfende Techno-Welt zu zeichnen, deren lärmiges Treiben das entsetzliche Rauschen der Leere, den Pascalschen Schrecken angesichts der beklemmenden Stille der unendlichen Räume nicht übertönen kann. Da Pascals Gott genauso tot ist wie derjenige von Leibniz, wird das All als prästabilisierte Disharmonie ohne Sinn und Zweck vorgeführt; ein Vakuum, durch das die Welt, von Gott und der Sonne als letztem Sinngaranten losgekettet, seitwärts und rückwärts taumelt, genauso, wie die in ihrer Vereinzelung eingepanzerten Menschen als Monaden in wildem Wirbel dem Untergang entgegenrasen.

Nach dem Scheitern der ersten metaphysischen Revolution durch das Christentum wird uns nun das Scheitern der durch und durch dekadenten Welt des hedonistischen Materialismus vorgeführt und als – man muss es wohl so sagen: – Endlösung eine «dritte metaphysische Revolution» angekündigt, bei der alle Differenzen, unter denen der moderne Mensch leidet, dank Biogenetik und einer neuen Rasse rückgängig gemacht werden.

Während der eine Halbbruder an der unüberwindbaren Differenz zwischen den Geschlechtern zerbricht und freiwillig ins Irrenhaus flüchtet, dämmert der andere in einer jahrelangen Depression vor sich hin, ehe er zwischen 1999 und 2009 die Grundlagenforschung zur «vollständigen Replikation» leistet und die Utopie einer befriedeten Gesellschaft vorbereitet, in der dank Genforschung, Quantentheorie u. ä. eine verquaste Karikatur von Nietzsches Übermensch als Heil angepriesen wird. Der alte Mensch als zerstörerisches und zerstörtes Auslaufmodell wird abgelöst, die Zerrissenheit des modernen Individuums, das mit seiner Freiheit nicht umzugehen weiss, weicht einem verführerischen Sphärenklang des reinen Glücks einer genetisch gleichgeschalteten Rasse, in der die Individuen nicht nur alle gleich, sondern von der DNA her gesehen alle eins sind; Tod und Geschlechterdifferenz verschwinden als Ursache unseres Unglücks von der Erdoberfläche; der wissenschaftliche Holismus führt zu einer totalitären Diktatur der Glücks-Demokratie: «Es gibt keine ewige Stille der unendlichen Räume, (. . .) denn die Welt, die wir schaffen, die menschliche Welt ist rund, glatt und homogen und warm wie eine Frauenbrust.»

Fatalerweise überzeugt dieser Teil des Buches am wenigsten, er scheint der Kerngeschichte rund um die Depression von Bruno aufgesetzt; die aber frisst sich wie schon in der «Kampfzone» ins Gehirn der Leser, sie macht die authentische Faszination aus, der man sich allen Vorbehalten zum Trotz nicht entziehen kann. Diese immer mehr ins Formlose abgleitende Zustandsbeschreibung entspricht weit mehr folgender poetologischen Einsicht als der Versuch, darum herum eine komplexe Romanhandlung zu bauen: «Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.»

Mit seinem eben auf französisch erschienenen Gedichtband «Renaissance» indes beweist Houellebecq lediglich seine Einsicht, dass bei dieser Form «die Dinge noch weniger klar sind» als beim Roman. Auch hier sehnt er sich nach einer Wiedergeburt im Geist des Schönen, Guten und Wahren. Es dominiert die Endzeitstimmung: «Fin de soirée», «fin de jour» – solche Wendungen werden, Gebetsmühlen gleich, hinuntergeleiert, immer wieder variiert der Dichter die Klage Rimbauds: «Das wahre Leben ist abwesend» und sehnt sich nach der Kindheit und jener Frauenbrust zurück, die ihm einst den Eindruck von Geborgenheit gestiftet hat. Dem stehen flüchtige Augenblicke von Sonnenschein und Lichtspielen entgegen, die das Gefühl eines Neubeginns und Aufbruchs vermitteln sollen; doch das Unternehmen scheitert. Was bleibt, ist der traurige Trost, in unseren Zeiten des Überflusses auch als Omegatierchen in der Mittagspause ein Lachsbrötchen geniessen zu dürfen.

Tu déjeuneras seul

D'un panini saumon

Dans la rue de Choiseul

Et tu trouveras ca bon.

Ders.: Interventions. Editions Flammarion, Paris 1998. 150 S., FF 70.–.

Ders.: Rester vivant. Editions Flammarion, Paris 1998. 93 S., FF 10.–.

Ders.: Renaissance. Editions Flammarion, Paris 1999. 120 S., FF 80.–.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999
Thomas Steinfeld, der den Roman in der FAZ als Aufmacher der Literaturbeilage zur Buchmesse besprochen hat, ist von dem Buch fasziniert. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Houllebecq das moderne Leben angreife, gleiche einem Schlag in die Magengrube. Steinfeld umkreist das Buch wie eine Handgranate, nennt es ein "Kriegstagebuch aus der Inneren Mongolei" und behauptet, es sei seit dreißig Jahren das erste Buch, das dem Leser wie ein Block im Wege stehe. Vorsichtig, ohne selbst direkt Position zu beziehen, schätzt Steinfeld die Bedeutung des Buches vor allem an der Wirkung ab, die die "Elementarteilchen" in Frankreich hatten. Dort löste der Roman bei Erscheinen eine heftige Debatte aus, in der dem Autor abwechselnd Genie und faschistoide Ansichten bescheinigt wurden. Steinfeld selbst scheint der Angriff auf die 68er ein wenig unheimlich: "Das Geniale und das Schreckliche an Michel Houellebecq besteht darin, daß ein großes Publikum solche Zeugnisse, solche Zumutungen versteht und aufnimmt."

© Perlentaucher Medien GmbH

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Kundenrezensionen

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17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Schwer verdaulich 29. Dezember 2010
Format:Taschenbuch
"Elementarteilchen" liegt einem während und auch nach dem Lesen schwer im Magen. Das liegt unter anderem an den Protagonisten, den Halbbrüdern Bruno und Michel, die beide getrennt von der Mutter und getrennt von einander aufwachsen, und die sich im Jugendalter zum ersten Mal begegnen. Michel führt ein autistisches Forscherleben und hat außer den unregelmäßigen Gesprächen mit seinem Bruder keine sozialen Kontakte. Schon als Jugendlicher wird ihm klar, dass menschliche Regungen ihn sein Leben lang niemals erreichen werden. Bruno dagegen ist Zeit seines Lebens auf der Suche nach Kontakt. Da seine Kontaktsuche sich auf sexuelle Begegnungen beschränkt, kann man auch ihm einen gewissen Autismus unterstellen.

Um das Leben dieser beiden Brüder rankt sich nun Houellebecqs eigentliche Geschichte, die die Geschichte aller Menschen, die Ende des 20. Jahrhunderts gelebt haben, ist beziehungsweise sein soll. Im Zuge der immer weiter voranschreitenden Liberalisierung und Individualisierung ist die Welt kein Ort mehr, an dem Menschen glücklich sein können. Einsam, lieblos und depressiv sind Houellebecqs Figuren. Gibt es irgendwo ein Fünkchen Hoffnung, zum Beispiel als Bruno eine Frau namens Christiane trifft und kurze Momente von Glück erfährt, wird dieses Glück jäh zerstört. Christiane sinkt in einem Swingerclub in sich zusammen, sitzt fortan im Rollstuhl und stürzt sich schließlich aus dem Fenster. Brunos Bruder Michel ergeht es nicht besser. Glück ist nicht erlaubt in Houellebecqs Roman oder nicht möglich.

"Elementarteilchen" wurde hoch gelobt und böse zerrissen. Es ist ein Buch mit viel Polarisierungspotential. Houellebecq versteht es zu provozieren. Das fängt schon bei der Sprache an, die nicht zimperlich ist und zwischen absolutistisch anmutenden Thesen, naturwissenschaftlichem Fachwissen und billigem Sexroman hin und her schwankt. Das alles kann dem Leser auch zuviel werden: zuviel Absolutismus in den Ideen, zuviel (pseudo-)intellektuelles Gehabe und zuviel Gerede über Körperflüssigkeiten, Körperteile und Sex. Insbesondere das Sexgeplapper wirkt zuweilen wie eine plumpe Art der Provokation des Autors. Sex sells, heißt es. Vielleicht hat Houellebecq sich das auch gedacht.

Die Erzählstimme des Romans ist schwer zu fassen, auch weil man beim Lesen immer wieder das Gefühl hat, den Autor durch diese Erzählstimme zu hören. Auch eine gewisse Arroganz beim Erzählen könnte man Houellebecq anlasten und nicht dem eigentlichen Erzähler der Geschichte.

Alles in allem ist dieser Roman recht schwer verdaulich. Der Stoff ist deprimierend, alle Figuren sind depressiv, zumindest tendenziell. Zusätzlich wird diese Depressivität der Figuren auf das gesamte Leben der westlichen Welt Ende des 20. Jahrhunderts übertragen und verallgemeinert. Wir alle sind depressiv und einsam, unfähig zu lieben. Hinzu kommt dann noch, dass der Erzähler (oder ist es der Autor?) teilweise sehr unsympathisch wirkt.

Trotzdem ist es ein lesenwertes Buch. Zum einen für Leser, die sich gerne reiben und auf eine grundsätzliche Übereinstimmung mit dem Erzähler verzichten können. Dann auch für Leser, die einen durch und durch negativen Blick auf unsere Zivilisation nicht scheuen und sich gerne mit Ideen, wenn auch absolutistisch dargebotenen, auseinandersetzen. Und natürlich für alle, die Hippies und die 68er Generation noch nie leiden konnten.

Will man hingegen einen Sonntagnachmittag lang in der Hängematte liegend das Leben genießen, sollte man dieses Buch nicht zu Hand nehmen, denn dies ist keine Sonntagnachmittagslektüre. Außer es regnet.
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39 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Michel und Bruno 16. Januar 2006
Format:Taschenbuch
Selten hat mich ein Roman so beschäftigt wie die Elementarteilchen. Beschäftigt wegen seiner sehr spröden, aber sehr poetischen Sprache. Beschäftigt auch wegen seiner drastischen Sex-Szenen, wobei ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Roman nur wegen dieser Sex-Szenen an anderer Stelle seine Poesie entfalten kann. Beschäftigt auch, weil das Buch über die emotionale Einsamkeit des Individuums handelt in einer Zeit, in der die grenzenlose sexuelle Freiheit möglich ist und die Menschen gleichzeitig zur Partnerschaft unfähig sind. Der Roman Houellebecqs beschreibt die Lebensgeschichte zweier Halbbrüder, Michel und Bruno, die von verschiedenen Vätern abstammend unterschiedlichste Charaktere entwickelt haben. Michel ist der vergeistigte Wissenschaftler, dessen Leben von Denken und Forschen bestimmt wird und der sich dabei in den praktischen Dingen und in der Liebe als absolut unbeholfen erweist. Er erfindet schließlich einen neuen Menschentyp, der - geklont – Liebe nicht mehr braucht. Bruno ist nicht der Natur-, sondern der Geisteswissenschaftler, der sich vor allem seinen sexuellen Obsessionen widmet und schließlich in der Klapsmühle landet. Zwei besonders berührende Momente des Romans seien hier erwähnt: Christiane, die Frau, mit der Bruno sexuell und emotional zum ersten Mal so etwas wie Zusammengehörigkeit empfindet, stirbt an Nekrose – beim Sex brechen ihr die Knochen. Auch Michels wichtigste weibliche Bezugsperson, die schöne Annabelle, stirbt an Krebs – einem Krebs, der ihre Fortpflanzungsorgane befällt zu einem Zeitpunkt, als sie von Michel ein Kind möchte. In solchen sehr berührenden Momenten stellt Houellebecq die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit von „Beziehungen“ bewegend dar – allein aus diesem Grund ein sehr lesenswertes Buch.
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49 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Das Buch zum Suizid 16. September 2003
Format:Taschenbuch
Suchen Sie ein Buch, das Sie so richtig runterzieht? Kein Existenzialismus, kein Film noire, trotzdem sehr französisch, sehr endzeitig, sehr endgültig, total hoffnungsraubend, total traurig, total frustrierend. Und faszinierend auch. Brillant und unerträglich. Die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die nur in einem gleich sind: ihrem persönlichen Unglück und dem Unvermögen, trotz aller Annehmlichkeiten dem Leben Glück abzuringen, das länger dauert als ein Orgasmus. Unvermögen zur Zufriedenheit. Ein Buch über die Rastlosigkeit, die Ruhelosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Illusion menschlicher Liebe, den berechenbaren Verfall, den Verlust der Ehrfurcht vor dem Leben. Verfall von allem, Fleisch, Körpern, Ethik.
Den Skandal-Autor haben sie ihn genannt, ihn hochgejubelt in seiner schonungslosen Sprache, mit seinen Zoten, seinen Schamlosigkeiten, seinen Entblößungen. Houellebecq muss einen Vertrag mit Antidepressiva-Produzenten haben, um sein Buch so durchzuhalten. Anders könnte er seinen Lesern nicht jeden Funken Mut nehmen. Zumindest aber ist er abonniert auf Etablissments, in denen Intimitäten häufig sind wie Werbeblöcke. Die ihren Besuchern erst die Körpersäfte nehmen und dann jeden Glauben an die Würde des Menschen. Todtraurig, zu Tode betrübend. Ein Künstler darf das, ein Schriftsteller darf das, entgleisen, Grenzen überschreiten, ins Buch kotzen, Rotz und Wasser. Ist schließlich Kunst, nicht schön, aber authentisch, greifbar, erschütternd.
Am Ende beginnt man die Menschheit zu hassen, zu verachten, dann zu bemitleiden. Man klappt zu und stellt fest, erleichtert: Es ist nicht ganz so schlimm. Noch nicht so weit. Sonne scheint noch. Hoffnung bleibt. Armer Houllebecq! Brauchte er das vielleicht, um selbst zu verarbeiten? Um keine Antidepressiva zu brauchen? Muss man auf jeden Fall kennen. Aber nicht mögen.
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Polarisierend
Elementarteilchen ist mittlerweile ein Klassiker und darf eigentlich in keinem Bücherregal fehlen. Lesen Sie weiter...
Vor 2 Monaten von Dominik Berger veröffentlicht
Die Franzosen werden wissen, was sie tun. Oder?
Den Film fand ich toll (muss man ja, wenn Moritz Bleibtreu mitspielt), deshalb wollte ich auch das Buch lesen. Lesen Sie weiter...
Vor 3 Monaten von netsrak veröffentlicht
Beklemmende Realität
Für mich ist "Elematarteilchen" das beste Buch Houllebecqs, denn anders als in "Ausweitung der Kampfzone" gibt der Autor hier die gewohnte unterkühlte Distanz zu seinen... Lesen Sie weiter...
Vor 3 Monaten von sky pilot veröffentlicht
Ein Leben, das kein Leben ist ...
Houellebecq beschreibt in seinem Roman Elementarteilchen den Zustand einer Gesellschaft, die sich durch Abkehr von ihren traditionellen Werten hin zu Individualisierung und... Lesen Sie weiter...
Vor 3 Monaten von faustino888 veröffentlicht
Ein Meilenstein
Nach fast 10 Jahren habe ich das Buch noch einmal gelesen und es hat mir noch besser gefallen, als ich es in Erinnerung hatte (was aber auch an meinen mittlerweile besseren... Lesen Sie weiter...
Vor 4 Monaten von buecheroeli veröffentlicht
Das Werk eines Psychopathen?
2 psychopathische Hauptdarsteller, primitivste Fäkalien- und Genitaliensprache, immer wieder dasselbe... Lesen Sie weiter...
Vor 9 Monaten von S. Moeller veröffentlicht
der reale Ekel/ekelhafte Wirklichkeit - ein Thesenroman
Houllebecq skizziert die Konsequenzen einer vom Hedonismus geprägten Kultur an zwei scheiternden Protagonisten, welche aus einer solchen erwachsen. Lesen Sie weiter...
Vor 9 Monaten von Otin veröffentlicht
Deprimierend
Elementarteilchen polarisiert sehr stark, wirkt lange nach und animiert dazu, sich kritisch - bspw. in Form einer/dieser Rezension - mit dem Erzählten auseinanderzusetzen. Lesen Sie weiter...
Vor 10 Monaten von Simone liest veröffentlicht
Gutes Buch
Gutes Buch von Herrn Houellebecq. Liest sich sehr schnell weg und bleibt durch seine erstaunliche und auch schockierenden Wendungen gut im Gedächtnis.
Vor 10 Monaten von It'snotlupus veröffentlicht
Tolles Buch!
Ich habe mir das Buch gekauft weil ich den Film schon sehr gut fand.
Das Buch fesselt unglaublich, man muss viel lachen (vor allem der Teil mit DEM ORT),
aber es gibt... Lesen Sie weiter...
Vor 11 Monaten von Kunde veröffentlicht
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