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Elementarteilchen.
 
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Elementarteilchen. (Taschenbuch)

von Michel Houellebecq (Autor)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 356 Seiten
  • Verlag: List Taschenbuchverlag; Auflage: 10. Auflage (2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548600808
  • ISBN-13: 978-3548600802
  • Größe und/oder Gewicht: 18,7 x 12,6 x 2,9 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (117 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 116.887 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Amazon.de-Hörbuchrezension

Houellebecq der Skandalautor. Bejubelt, bewispert: 68er-Killer, Aussprecher politisch unkorrekter Unsagbarkeiten. Düsterer Untergangsschreiber aus der naturwissenschaftlichen Ecke (hat als Informatiker gearbeitet). Jetzt also light? Einfach zuhören und schon mitreden können?

Nun, wenn ich die Wahl hätte, zwischen Druck und Hörbuch, würde ich Houellebecq lieber hören als lesen. Das ist kein Kompliment für den Autor: Seine dürre Sprache allein vermag nämlich bei mir kein Interesse zu wecken an den Gestalten des Romans. Es muss etwas hinzukommen: Der akustische Reiz menschlicher Stimmen, eine Atmosphäre oder wie hier Musik, komponiert von Blixa Bargeld (er spricht auch den Hauptpart) und Tilman Schade.

Die Produktion des Westdeutschen Rundfunks zeigt, dass eine gut gemachte Hörfassung tatsächlich ein schwaches Buch zu retten vermag. Obwohl einschränkend gesagt sein soll: Wieder einmal hat sich die Regie -- Leonhard Koppelmann, er hat auch das gute Textbuch geschrieben -- nicht genügend getraut, allen Sprechenden wirkliches Spiel abzuverlangen, zu vieles hört sich abgelesen oder aufgesagt an. Wirklich herausragend ist dafür Lena Stolze als Annabelle.

Houllebecqs zweiter Roman erzählt das elende Leben zweier Halbbrüder zwischen 1958 und 98. Thema ist der Zusammenbruch der Menschlichkeit durch die sexuelle Liberalisierung, für den Autor die seelische Verarmung von Millionen. Am Schluss wird einer der beiden Helden, Biologe von Beruf, von Stimmen aus dem Jahr 2079 gepriesen: Dank seiner Forschungen sei es gelungen, ein neues Wesen zu züchten, die Menschheit aber aussterben zu lassen. Geschlechtslos verläuft nun das Leben auf der Erde!

Fazit: Besser nicht im Bett oder in den Ferien anhören. Stattdessen Empfehlung für schnelle ICE- oder Autofahrten durch trostlose Industrielandschaften. --Michael Winteroll -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .



Neue Zürcher Zeitung

Depressive Dekadenz

Sänger des Ressentiments: Michel Houellebecq

Von Stefan Zweifel

Michel Houellebecqs skandalöser Sexroman «Elementarteilchen» entpuppt sich als reaktionäres Pamphlet gegen die Moderne und Postmoderne. Er führt unseren Untergang als Übergang in eine totalitäre Welt der genetischen Glücksdiktatur vor. Dazwischen erstreckt sich eine quälend gut gelungene Zone der Depression.

Jedes Jahrhundert hat das Fin de siècle, das es verdient. Michel Houellebecqs Erfolgsromane «Ausweitung der Kampfzone» und «Elementarteilchen» (vgl. auch NZZ 10./11. 4. 99) über die «vitale Erschöpfung» unserer Kultur entfalten eine Panikblüte des Ressentiments und des Selbstekels: Das Unbehagen nach der sexuellen Revolution von achtundsechzig entspringt nicht mehr dem Triebverzicht, sondern dem Triebzwang. Das neue Über-Ich skandiert laut Houellebecq den Slogan: «Du begehrst und bist begehrenswert.» Im 19. Jahrhundert lebten nur ein paar Auserwählte stets vor dem Spiegel und stilisierten sich zum Dandy und Kunstwerk. Heute wird uns in Film und Werbung ständig der Spiegel perfekter Wesen vorgehalten, die totale Sinnlichkeit signalisieren; wer diesem Ideal nicht entspricht, eilt ins Fitnesscenter oder sucht, wenn jegliche Hoffnung auf einen heroischen Body und sinnliche Erotik zerstört ist, in der Esoterik übersinnlichen Trost und trimmt statt der Muskeln die Seele.

So oder so: Der gnadenlose Narzissmus zerstört jegliche Liebesfähigkeit; aus den kleinen Familienmolekülen herausgesprengt, schweben die selbstsüchtigen Individuen als vereinzelte Atome durch den leeren Raum der globalen Marktwirtschaft und versuchen sich verzweifelt mit anderen Menschen oder (Luxus-)Produkten zu einem gesättigten Molekül zu verbinden. Da ein gesättigtes Molekül aber nichts konsumiert, werden sie sofort wieder auseinandergerissen und als «Elementarteilchen» schutzlos den zerstörerischen Mechanismen der schrecklich-schönen neuen Warenwelt ausgeliefert.

FUN & FASHION

Man kennt die Melodie. Nur dass Rousseau, dieser unübertroffene Sänger des Ressentiments, noch eine vergleichsweise heile Welt anklagte, ehe das «System Sade» seinen weltweiten Triumphzug antrat, das von Houellebecq für den Untergang des Abendlandes – und nicht nur des Abendlandes – verantwortlich gemacht wird: eine teuflische Mischung aus libertärer Wirtschaft und libertinistischer Ausschweifung. Die Körper in den geschilderten Orgien erinnern denn auch eher an tiefgefrorenes, vakuumverpacktes Fleisch aus dem Billigangebot als an die glamourösen Bilder aus den Pariser Endzeit-Klubs und Mode-Partys. Denn genau aus diesen Traumwelten sind Houellebecqs Helden ausgeschlossen und verkümmern zwischen namenlosen Vorstädten und unsäglichen Lust-Simulakren der Sexindustrie. Sie verfaulen in den hintersten Regalen der Supermarkt-Welt.

Klirr und kalt weht uns auf diesen Seiten die Verzweiflung und Verbitterung eines Zukurzgekommenen an, der unser Jahrhundertende mit dem kalten Blick des Insektenforschers beschreibt, die gestählten Ich-Panzer aufknackt und hinter den aalglatten Erfolgsmasken und Fratzen von Fun und Fashion die abgetriebenen Gefühle hervorkratzt und die ganze Schäbigkeit des Mittelstandes mit seinen Sehnsüchten blossstellt. Er seziert eine in wilder Ekstase zwischen Pop und Porno erstarrte Welt, in der jeder als Totgeburt seine Träume von Nähe und Sanftheit durchs Leben wie durch eine Salzwüste ungeweinter Tränen schleppt.

Unterschiedslos werden Michel Houellebecq, Jegor Gran und Virginie Despantes zum trio infernal der neuen Pariser Dekadenz stilisiert, wobei die entscheidenden Differenzen einfach überblendet werden. Nietzsche unterschied nämlich zwischen zwei Spielarten der Dekadenz: zum einen die prunksüchtig bös-heitere, in Opiumwolken schwelgende, natürlich sehr französisch angehauchte «décadence», die das Leben zumindest als Spiel rechtfertigt und den Verfall ästhetisch feiert – dafür stünde heute Jegor Gran (vgl. NZZ 22. 10. 98). Zum andern die sinnenfeindliche, trübsinnige Dekadenz eines Sokrates oder Jesus, die des Lebens müde sind und es deshalb im Namen höherer Werte entwerten – in diese Tradition könnte man Houellebecq reihen; auch er würde wohl dem Asklepios zum Dank für den Giftbecher, der ihn endlich von der Krankheit Leben befreit, einen Hahn opfern. Sein höchster Wert heisst «Liebe», und da sie unter den Menschen nicht mehr zu finden ist, muss das menschliche Leben nicht nur entwertet, sondern lieber gleich ganz abgeschafft werden. Zuvor aber labt sich der Mensch, ganz end- und zeitgeistmässig, an einem Ende in Schrecken ohne Ende.

«Alle Schwänze der Jahrhunderte gleichen sich», behauptete Huysmans, der Dichter der klassischen «décadence» – diesmal misst er, man muss es so krud zitieren, «nur 12 cm». Über diesen zu kurz geratenen Leisten wird die ganze Welt geschlagen. Die verzifferte Sade-Sexualität führt – so Houellebecqs eigensinnige Geschichtseschatologie – über den Wiener Aktionismus und die Hippies direkt – ?! – zu den serial killers und Snuff-Movies der Neunziger. Mit Genuss schildert der Autor die entsprechenden Szenen, erntet die Aufmerksamkeit einer schockierten Öffentlichkeit und wirft sogleich das Mäntelchen des empörten Moralisten über, der lediglich unserer Zeit einen (Zerr-)Spiegel vorhalten wolle. Ein unglaublich geschickt kalkuliertes Manöver.

SEIEN SIE WIDERWÄRTIG!

Das Erfolgsrezept zu den beiden Skandalbüchern «Ausweitung der Kampfzone» (1994) und «Elementarteilchen» (1998) hat Michel Houellebecq sehr früh schon in einem kleinen Manifest «Rester vivant» (1991) verraten, das leider nicht in die deutsche Aufsatzsammlung aufgenommen wurde: «Jede Gesellschaft hat ihre schwachen Punkte, ihre Wunden. Legen Sie Ihren Finger auf die Wunde und drücken Sie fest zu. Zeigen Sie die Schattenseite hinter dem Dekor. Insistieren Sie auf der Krankheit, der Agonie, der Hässlichkeit. Reden Sie vom Tod, vom Vergessen. Von Eifersucht, Indifferenz, Frustration, Liebesmangel. Seien Sie widerwärtig, dann werden Sie wahrhaft sein.»

Im neuen Roman erzählt er die trostlose Geschichte zweier Halbbrüder, die von ihrer eigensüchtigen Mutter im Stich gelassen wurden, da sie sich im Zeichen der Befreiung von achtundsechzig lieber selber sucht und sich in Kalifornien irgendwo zwischen fernöstlichen Heilslehren und Schönheitsoperationen findet. Bruno, hässlich wie wir alle und mittleres Lehrkader, flüchtet nach einer gescheiterten Ehe aus Verzweiflung in ein Camp namens «Ort der Wandlung», das aus dem Geist der Blumenkinder entstanden und mittlerweile in die heile Welt des New Age abgedriftet ist: Er lässt – eine meisterhafte Satire – Seminare in rebirthing und creative writing über sich ergehen, um wenigstens die Hoffnung auf einen half-night-stand mit einer «Tantra-Schlampe» nicht ganz aufgeben zu müssen. In der Tat lernt er im Whirlpool die abgehalfterte Christine kennen, die leider bald in einem Pärchenklub unter den harten Stössen eines anderen Mannes bei einem Schub fortschreitender Nekrose im Rückenmark zusammenbricht, ehe sie sich mit dem Rollstuhl in den Tod stürzt.

Da das Buch ein Thesenroman ist, darf es dem Halbbruder Michel nicht besser ergehen. Kein Glück. Nirgends.

Seine Wut hat Houellebecq der Welt wie Vitriol ins Gesicht geschmissen: Prompt wurde das ätzende Buch von Prozessen bedroht, von den einen boykottiert, von den anderen vehement verteidigt und mit Preisen ausgezeichnet. Noch immer beugt man sich in Paris über sein Werk, um vermittels Stilanalysen das Geheimnis des Erfolgs zu lüften («L'Atelier du Roman» Paris, Juni 1999). Ein müssiges Unterfangen: Gerade durch radikale Kunstverweigerung gelingt es dem Autor, dass der geschilderte Ekel am Leser klebenbleibt. Er legt alle möglichen Fallstricke der Depression, bis man vom Gefühl der Enge erwürgt wird und das Buch ebenso entgeistert wie begeistert weiterschenkt, um es ja nicht länger in der Wohnung rumliegen zu sehen. Anders als bei virtuosen Untergehern und Apokalyptikern wie Thomas Bernhard wird der Auslöschung kein ästhetischer Genuss abgerungen, an den man sich noch klammern könnte. Houellebecq hat bekannt, sich nicht um die Gestalt, sondern nur um den Gehalt zu kümmern und sich um die Kohärenz der Geschichte zu foutieren. Immer wieder stellt er die Frage, wie man es in einer Welt ohne Gott aushalten kann, wobei er sich davor hütet, durch literarische Brillanz den letzten Ausweg aus der abendländischen Sackgasse einzuschlagen: die Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Kunstwerk. Houellebecqs Wahn hat somit durchaus Methode.

Ganz bewusst baut er etwa die Schilderung einer Bucht im ersten Kapitel des zweiten Teils von «Kampfzone» oder den Blick aus dem Flugzeug im fünften Kapitel des dritten Teils der «Elementarteilchen» ein, die nicht über das Niveau eines Mittelschulaufsatzes hinausreichen. Setzen sich in der «Kampfzone» sechs Personen an einen Tisch, wird nacheinander deren Biographie lustlos heruntergeschrieben, und die Gespräche zwischen den beiden desillusionierten Halbbrüdern in den «Elementarteilchen» erinnern nicht ans lebendige Wort, sondern höchstens ans Konversationslexikon. Doch der bewusst nachlässige Stil steigert die Tristesse, von der man beim Lesen erfasst wird, die Qualen der Sexualität werden durch die quälende Banalität der Sätze noch verstärkt. Die Wörter werden von diesem Autor so sorglos behandelt wie die einzelnen Menschen vom Kapital. Damit führte Houellebecq in Paris zusammen mit seinen Kollegen vom Szeneheft «Les Inrockuptibles» (vgl. «onze», Sammelband bei Grasset, 1999) einen Tonfall ein, der hierzulande aus den Zynismen der Zeitgeist-Schreibe sattsam bekannt ist und erklären mag, weshalb für einmal ein Kult-Buch so erfolgreich den Sprung über den Rhein schaffte.

ANTIMODERNES PAMPHLET

Sein Sex-Text, der das lustlose Treiben in Swingerklubs und Brutalo-Pornos in aller Härte zeigt und in manchen Lesern verständlicherweise Übelkeit erregt hat, ist indes hinter dieser skandalösen Oberfläche ein philosophisches Pamphlet gegen das Projekt der Moderne und noch mehr der Postmoderne. Unser «unterbelichteter Nietzscheaner» liefert Deleuze und Derrida dem «weltweiten Gespött» aus und rechnet mit den neunziger Jahren genauso ab wie mit achtundsechzig – und generell den letzten fünfhundert Jahren abendländischer (Geistes-)Geschichte. Ziel ist es, die Gegenwart als dumpf stampfende Techno-Welt zu zeichnen, deren lärmiges Treiben das entsetzliche Rauschen der Leere, den Pascalschen Schrecken angesichts der beklemmenden Stille der unendlichen Räume nicht übertönen kann. Da Pascals Gott genauso tot ist wie derjenige von Leibniz, wird das All als prästabilisierte Disharmonie ohne Sinn und Zweck vorgeführt; ein Vakuum, durch das die Welt, von Gott und der Sonne als letztem Sinngaranten losgekettet, seitwärts und rückwärts taumelt, genauso, wie die in ihrer Vereinzelung eingepanzerten Menschen als Monaden in wildem Wirbel dem Untergang entgegenrasen.

Nach dem Scheitern der ersten metaphysischen Revolution durch das Christentum wird uns nun das Scheitern der durch und durch dekadenten Welt des hedonistischen Materialismus vorgeführt und als – man muss es wohl so sagen: – Endlösung eine «dritte metaphysische Revolution» angekündigt, bei der alle Differenzen, unter denen der moderne Mensch leidet, dank Biogenetik und einer neuen Rasse rückgängig gemacht werden.

Während der eine Halbbruder an der unüberwindbaren Differenz zwischen den Geschlechtern zerbricht und freiwillig ins Irrenhaus flüchtet, dämmert der andere in einer jahrelangen Depression vor sich hin, ehe er zwischen 1999 und 2009 die Grundlagenforschung zur «vollständigen Replikation» leistet und die Utopie einer befriedeten Gesellschaft vorbereitet, in der dank Genforschung, Quantentheorie u. ä. eine verquaste Karikatur von Nietzsches Übermensch als Heil angepriesen wird. Der alte Mensch als zerstörerisches und zerstörtes Auslaufmodell wird abgelöst, die Zerrissenheit des modernen Individuums, das mit seiner Freiheit nicht umzugehen weiss, weicht einem verführerischen Sphärenklang des reinen Glücks einer genetisch gleichgeschalteten Rasse, in der die Individuen nicht nur alle gleich, sondern von der DNA her gesehen alle eins sind; Tod und Geschlechterdifferenz verschwinden als Ursache unseres Unglücks von der Erdoberfläche; der wissenschaftliche Holismus führt zu einer totalitären Diktatur der Glücks-Demokratie: «Es gibt keine ewige Stille der unendlichen Räume, (. . .) denn die Welt, die wir schaffen, die menschliche Welt ist rund, glatt und homogen und warm wie eine Frauenbrust.»

Fatalerweise überzeugt dieser Teil des Buches am wenigsten, er scheint der Kerngeschichte rund um die Depression von Bruno aufgesetzt; die aber frisst sich wie schon in der «Kampfzone» ins Gehirn der Leser, sie macht die authentische Faszination aus, der man sich allen Vorbehalten zum Trotz nicht entziehen kann. Diese immer mehr ins Formlose abgleitende Zustandsbeschreibung entspricht weit mehr folgender poetologischen Einsicht als der Versuch, darum herum eine komplexe Romanhandlung zu bauen: «Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.»

Mit seinem eben auf französisch erschienenen Gedichtband «Renaissance» indes beweist Houellebecq lediglich seine Einsicht, dass bei dieser Form «die Dinge noch weniger klar sind» als beim Roman. Auch hier sehnt er sich nach einer Wiedergeburt im Geist des Schönen, Guten und Wahren. Es dominiert die Endzeitstimmung: «Fin de soirée», «fin de jour» – solche Wendungen werden, Gebetsmühlen gleich, hinuntergeleiert, immer wieder variiert der Dichter die Klage Rimbauds: «Das wahre Leben ist abwesend» und sehnt sich nach der Kindheit und jener Frauenbrust zurück, die ihm einst den Eindruck von Geborgenheit gestiftet hat. Dem stehen flüchtige Augenblicke von Sonnenschein und Lichtspielen entgegen, die das Gefühl eines Neubeginns und Aufbruchs vermitteln sollen; doch das Unternehmen scheitert. Was bleibt, ist der traurige Trost, in unseren Zeiten des Überflusses auch als Omegatierchen in der Mittagspause ein Lachsbrötchen geniessen zu dürfen.

Tu déjeuneras seul

D'un panini saumon

Dans la rue de Choiseul

Et tu trouveras ca bon.

Ders.: Interventions. Editions Flammarion, Paris 1998. 150 S., FF 70.–.

Ders.: Rester vivant. Editions Flammarion, Paris 1998. 93 S., FF 10.–.

Ders.: Renaissance. Editions Flammarion, Paris 1999. 120 S., FF 80.–. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


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38 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Das Buch zum Suizid, 16. September 2003
Von Max Schwurbel - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REVIEWER)   
Suchen Sie ein Buch, das Sie so richtig runterzieht? Kein Existenzialismus, kein Film noire, trotzdem sehr französisch, sehr endzeitig, sehr endgültig, total hoffnungsraubend, total traurig, total frustrierend. Und faszinierend auch. Brillant und unerträglich. Die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die nur in einem gleich sind: ihrem persönlichen Unglück und dem Unvermögen, trotz aller Annehmlichkeiten dem Leben Glück abzuringen, das länger dauert als ein Orgasmus. Unvermögen zur Zufriedenheit. Ein Buch über die Rastlosigkeit, die Ruhelosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Illusion menschlicher Liebe, den berechenbaren Verfall, den Verlust der Ehrfurcht vor dem Leben. Verfall von allem, Fleisch, Körpern, Ethik.
Den Skandal-Autor haben sie ihn genannt, ihn hochgejubelt in seiner schonungslosen Sprache, mit seinen Zoten, seinen Schamlosigkeiten, seinen Entblößungen. Houellebecq muss einen Vertrag mit Antidepressiva-Produzenten haben, um sein Buch so durchzuhalten. Anders könnte er seinen Lesern nicht jeden Funken Mut nehmen. Zumindest aber ist er abonniert auf Etablissments, in denen Intimitäten häufig sind wie Werbeblöcke. Die ihren Besuchern erst die Körpersäfte nehmen und dann jeden Glauben an die Würde des Menschen. Todtraurig, zu Tode betrübend. Ein Künstler darf das, ein Schriftsteller darf das, entgleisen, Grenzen überschreiten, ins Buch kotzen, Rotz und Wasser. Ist schließlich Kunst, nicht schön, aber authentisch, greifbar, erschütternd.
Am Ende beginnt man die Menschheit zu hassen, zu verachten, dann zu bemitleiden. Man klappt zu und stellt fest, erleichtert: Es ist nicht ganz so schlimm. Noch nicht so weit. Sonne scheint noch. Hoffnung bleibt. Armer Houllebecq! Brauchte er das vielleicht, um selbst zu verarbeiten? Um keine Antidepressiva zu brauchen? Muss man auf jeden Fall kennen. Aber nicht mögen.
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30 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Michel und Bruno, 16. Januar 2006
Von Haardtattack "Nur Bücher" (Pfalz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REVIEWER)   
Selten hat mich ein Roman so beschäftigt wie die Elementarteilchen. Beschäftigt wegen seiner sehr spröden, aber sehr poetischen Sprache. Beschäftigt auch wegen seiner drastischen Sex-Szenen, wobei ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Roman nur wegen dieser Sex-Szenen an anderer Stelle seine Poesie entfalten kann. Beschäftigt auch, weil das Buch über die emotionale Einsamkeit des Individuums handelt in einer Zeit, in der die grenzenlose sexuelle Freiheit möglich ist und die Menschen gleichzeitig zur Partnerschaft unfähig sind. Der Roman Houellebecqs beschreibt die Lebensgeschichte zweier Halbbrüder, Michel und Bruno, die von verschiedenen Vätern abstammend unterschiedlichste Charaktere entwickelt haben. Michel ist der vergeistigte Wissenschaftler, dessen Leben von Denken und Forschen bestimmt wird und der sich dabei in den praktischen Dingen und in der Liebe als absolut unbeholfen erweist. Er erfindet schließlich einen neuen Menschentyp, der - geklont – Liebe nicht mehr braucht. Bruno ist nicht der Natur-, sondern der Geisteswissenschaftler, der sich vor allem seinen sexuellen Obsessionen widmet und schließlich in der Klapsmühle landet. Zwei besonders berührende Momente des Romans seien hier erwähnt: Christiane, die Frau, mit der Bruno sexuell und emotional zum ersten Mal so etwas wie Zusammengehörigkeit empfindet, stirbt an Nekrose – beim Sex brechen ihr die Knochen. Auch Michels wichtigste weibliche Bezugsperson, die schöne Annabelle, stirbt an Krebs – einem Krebs, der ihre Fortpflanzungsorgane befällt zu einem Zeitpunkt, als sie von Michel ein Kind möchte. In solchen sehr berührenden Momenten stellt Houellebecq die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit von „Beziehungen“ bewegend dar – allein aus diesem Grund ein sehr lesenswertes Buch.
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19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Gesellschaftskritisch und anspruchsvoll, 17. Oktober 2004
Von Salieri (Berlin Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
"Elementarteilchen" ist in meinen Augen weder ein Renner noch verdammenswert.

Es ist die Geschichte zweier (Halb-)Brüder (Bruno und Michel), die sich nicht viel zu sagen haben. Sie lernen sich erst kennen, als sie schon fast erwachsen sind, obwohl sie die gleichee Schule besuchen. Später treffen sie sich, weil sie einfach miteinander verwandt sind.

Beide haben ein Faible für Naturwissenschaften. Michel wird Molekularbiologe, Bruno Lehrer (für Mathematik, glaube ich; aber dies wird im Buch nicht näher ausgeführt). Und beide versuchen, den alltäglichen Wahnsinn zu meistern. Oder den Wahnsinn alltäglich zu meistern. Oder der Alltag macht sie wahnsinnig. Wer weiß das schon so genau. Und eben dieser Wahnsinn bemächtigt sich beider schließlich.

Bruno und Michel zerbrechen an der Liebe, einer Liebe, die sie nie bekamen. Zunächst nicht von ihrer Mutter Janine, die sich amerikanisch-modern Jane nannte, und sich mit NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren), Transzendentaler Meditation und vor allem viel jüngeren Männern beschäftigte. Jedenfalls mit allem anderen; nur nicht mit ihren Söhnen. Dies geht soweit, dass Bruno seine Mutter nur zweimal sieht: Einmal während seiner Schulzeit als sich seine Eltern darüber berateen, was aus dem Prügelknaben (Bruno wird auf gemeinste Art von seinen Mitschülern gedemütigt) werden solle. Das zweitemal trifft er seine Mutter, als sie im Sterben liegt. Sie, die sich immerdar die Jugend bewahren wollte, kämpft nun mit dem Ende. Bruno, der sich schon in einer Nervenheilanstalt befindet, ist voller Hass auf sie. Und er schleudert ihr diesen Hass entgegen. Wer kann es ihm verdenken?

Michel macht da sein Charakter scheinbar viel weniger zu schaffen. Er scheint keine Liebe zu brauchen. Als Annabelle, das hübscheste Mädchen der Schule, sich ihm zuwendet, betrachtet er sie wie eine Schwester. Er ge nießt ihre Umarmungen, wenn sie ihn nach der Schule abholt. Aber er hat kein Bedürfnis sie zu küssen. Zwar weiß er wohl, dass sie es über kurz oder lang von ihm erwartet, aber für ihn spielen Sex und Erotik nur eine sehr untergeordnete Rolle. Das gilt auch für später. Er trifft Annabelle wieder, und es entsteht seine erste wirkliche Beziehung. Beide sind glücklich, werden aber schon bald vom Schicksal eingeholt. Ammabelle bekommt Krebs, kurz nachdem sie von Michel ein Kind empfangen hat, und nimmt sich das Leben.

Ganz anders als bei Michel spielt bei Bruno Sex schon immer eine wichtige Rolle. Er onaniert recht häufig und inbrünstig in Ermangelung einer Frau. Weil sein Äußeres wenig ansprechend ist und auch sein Gemöcht nicht den Idealmaßen entspricht, kommt er bei Frauen nicht zum Zuge. Daher gibt er fast die Hälfte seiner Einkünfte für käufliche Liebe aus. Auch Bruno hat seine erste richtige Beziehung in seinen Vierzigern. Zwar war er einst verheiratet, aber so richtig zu lieben lernt er erst bei Christine. Aber auch Christine nimmt sich das Leben, weil sie unheilbar krank ist.

Schließlich und endlich setzen die beiden Brüder ihrem Leben ein Ende. Bruno zerbricht an der Sinnlosigkeit seines Lebens ohne Christine. Michel verabschiedet sich erst, nachdem seine lebenslangen Forschungen einen Abschluss gefunden haben.

Houllebecq hat eine ganz bestimmte Art zu schreiben. Mitten in der schönsten Fabuliererei wirft er ein paar trockene wissenschaftliche Fakten ein. Da geht es um den genetischen Code der Drosophila (Essigfliege), philosophische Anmerkungen oder mathematische Gleichungen einer bestimmten Gattung. Insofern ist dieses Buch anspruchsvoll. Schade jedoch, dass der Übersetzer Uli Wittmann nicht so beschlagen ist wie der Autor, denn er erkennt "Analysis" nicht als Bereich der Mathematik, der sich im weitesten Sinne mit Funktionen beschäftigt, sondern übersetzt es mit "Analyse", was in diesem Zusammenhang einfach falsch ist.

Leider gibt es in diesem Buch auch sehr naturalistische Beschreibungen von sadistischen Metzeleien. Bei Lektüre derselben hat sich mir fast der Magen umgedreht. Hätte man sich sparen können.

Sehr gut gelingt dem Autor jedoch die Beschreibung der sogenannten Hippie-Bewegung und deren Mitglieder, die nicht bereit sind, für wen oder was auch immer Verantwortung zu übernehmen.

Resümierend kann ich jedoch sagen, dass ich mit diesem Werk nichts gelesen hätte, was nicht schon dagewesen wäre. Nur die Form (die wissenschaftlichen Einsprengesel) ist ein bisschen anders...

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