Wenn man die Fülle sorgfältig balancierter Kraftfelder bei Seite lässt, die sowohl den Bestseller Houellebecqs als auch die Verfilmung auszeichnen, ist die Handlung schnell angerissen:
Zwei Halbbrüder, gesegnet mit einer unbeschwert durchs bunte Leben vögelnden Hippie-Mutter, begegnen einander immer mal wieder kurz, aber intensiv zwischen den Schleuderfahrten ihrer Lebenswege. Beide finden spät - zu spät - zur Liebe ihres Lebens.
Das klingt so simpel, beinhaltet aber eine Welt von Gefühlen, Gedanken und Philosophien. Der Film überzeugt als köstliche Komödie, als Beziehungsdrama, Roadmovie, Gesellschaftskritik, Science-Thriller und fast schon klassische Tragödie.
Will man sich mit einem derartigen Kaleidoskop kritisch auseinandersetzen, stolpert man allzu leicht in die Falle, einzelne markant gezeichnete Elemente der Episoden - aus der Balance des Ganzen herausgerissen - zu überbewerten.
So, wie man nicht eine einzelne Tonspur eines Konzertes beurteilt oder mit der Lupe ein Gemälde untersucht, so kann man auch diesen Film nicht wie ein Anatomielehrling in Bröckchen zerlegen und hoffen, dem Gesamten dabei auf die Spur zu kommen.
Natürlich wurden die Lebenswege der Brüder schon im Buch kunstvoll komponiert, um die Spannung zwischen der festgefahrenen Situation des heutigen Menschen und der Vision einer höher entwickelten Art aufzubauen. Der psychotische Bruder steht für die Sinnlosigkeit unserer Existenz, der Wissenschaftler bereitet den Weg zu einer evolutionären Fortentwicklung unserer Art.
Letzteres wird im Film leider nur angedeutet*, aber erst mit dem Verständnis dieser Beziehungen wird aus einem interessanten Film ein großes Kunstwerk. Mit dieser nicht unwesentlichen Einschränkung sind Drehbuch und Regie von Oskar Roehler zu loben.
Den vorzüglichen Darstellern - für mich herausragend in den feineren, aber schwierigeren Rollen Christian Ulmen als Michael und Franke Potente als Annabelle - sowie der sensiblen Kamera von Carl-Friedrich Koschnick gilt mein ganz besonderer Dank.
Die Filmkritik endet hier also mit einer klaren Empfehlung - aber nicht für jedermann/frau:
Wer sich wirklich als "Krone der Schöpfung" empfindet, wer Probleme mit realistischen Darstellungen menschlicher Sexualität hat, wer klare Ausrichtungen erwartet oder komplexen Auseinandersetzungen mit existenziellen Fragen nichts abgewinnen kann, wird an "Elementarteilchen" vermutlich weniger Freude haben.
ANMERKUNGEN ZUR FRAGE DER UMSETZUNG
Möglicherweise haben die Filmmacher die wissenschaftliche Grundidee des Romans in den Hintergrund geschoben, um die Akzeptanz des Films bei einem breiteren Publikum nicht zu gefährden.
Ohne Zweifel müssen Produzenten das Bashing einer selbstberufenen "Öffentlichkeit" fürchten, wenn sie sich mit Fragen der Unzulänglichkeit der menschlichen Konstruktion und deren bewusster Neugestaltung befassen; die "Krone der Schöpfung" kann und darf man nun mal nicht "verbessern", meinen zumindest viele sehr auf sich selbst fixierte Exemplare der Art.
Nach den inzwischen bekannten Reaktionen fragt man sich aber, ob es wirklich klug war, solchen Befürchtungen das eigentliche(!) Thema des Romans zu opfern. Wer die anderen Bücher von Houellebecq gelesen hat, weiß, dass ihm der genetisch-gesellschaftliche Fragenkomplex ganz sicher nicht als "Nebenthema" in die Elementarteilchen geflossen ist.
Obwohl man den intellektuellen Reiz opferte, kann das so "geschonte" breitere Publikum ganz offensichtlich mit dem Rest des Films auch nicht wirklich etwas anfangen. Denn die vielleicht erhofften geilen großen Massen lockte man auch mit billiger Sexwerbung nicht in die Kinos, da konnte man die paar Sekunden in einem Swinger-Club noch so episch im Trailer ausbreiten.
So gesehen hätte auch wenig geschadet, wenn Kulturhoheiten in der Presse den Film wegen der Science-Fiction gefetzt hätten - aber für diejenigen, die mit dem Ganzen (ich meine das Ganze!) umgehen können, es sogar schätzen oder lieben, hätte eine unzensierte Verfilmung mehr geboten.
Die Chance zu ewigem Ruhm liegt nicht darin, kleinkariert auf den Plebs zu spekulieren. So, wie es jetzt ist, kann man den Streifen nur dann wirklich verstehen und genießen, wenn man vorher das Buch liest. Und so, wie es aussieht, wird der Roman zur Elite der Weltliteratur zählen, während der Film dem Publikum nicht mehr allzu lange als "irgendeine deutsche TV-Produktion mit ein paar Kopulations-Szenen" in Erinnerung bleiben wird.
Was drin ist, ist drin - das ist des Lebens Sinn? Eigentlich hätte Houellebecq mehr verdient, aber auch die ansonsten guten Ansätze der Verfilmung, für die es hier vier Sterne regnet.
film-jury 4* A0036 12.5.2010eg Genre: Drama | Romanze