Sie hat keine Erinnerung mehr daran, wer sie ist oder war. Kann keine zusammenhängenden Sätze mehr bilden. Sie weiß nicht mehr, dass sie 26 berühmte Romane verfasst hat. Weder die zahllosen Ehrendoktorwürden, noch der Titel Dame of the British Empire, den sie ihr verliehen haben, bedeuten ihr irgendetwas. In vielerlei Hinsicht aber, spürt John Bayley, ist seine Iris die Alte geblieben. Alzheimerkranke sind oft alles andere als sanftmütig. Wenn Iris jedoch mühevoll und unter seiner Mithilfe eines ihrer Bücher für einen Verehrer signiert, ist hinter dieser sinnlos gewordenen Geste noch immer die liebevolle Gefährtin zu erkennen, die ein Leben lang anderen gefällig war.
Der Film Iris basiert auf den Erinnerungen des Literaturwissenschaftlers John Bayley an seine 43-jährige Ehe mit der Schriftstellerin und Philosophiedozentin Iris Murdoch, die an Alzheimer erkrankte und im Jahr 1999 verstarb. Den bei diesem Thema naheliegenden Schmerzens- und Betroffenheitston umschifft Bayley mit feinsten lakonischen Ruderbewegungen. So entsteht das sensible Porträt einer unorthodoxen Romanze zweier herzensgebildeter Bücherwürmer -- eine schüchtern-störrische Beziehung, in der jeder für sich blieb und den anderen doch stets liebevoll im Auge behielt. Bayleys Erzähltechnik lässt das tragische Finale umso wuchtiger zuschlagen.
Die grausame Reise ins Vergessen beginnt 1994 im Rahmen einer Podiumsdiskussion, in der die stets redegewandte Iris plötzlich unfähig scheint, Worte zu finden. Fünf Jahre sollten ihr da noch bleiben. Bayley beschreibt den Krankheitsverlauf als heimtückischen, zunächst kaum wahrnehmbaren Nebel, der schnell dichter und dichter wird, bis schließlich außerhalb dieses Nebels keine Welt mehr existiert. Das fürchterliche Schlusskapitel macht klar: Es kann nur die Kraft einer langen und innigen Liebe gewesen sein, die ihn befähigte, Iris klaglos und unter Aufbringung unsäglicher Opfer auf ihrem Weg in die Nacht zu begleiten. Ein erschütterndes Dokument! --Ravi Unger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ein Lächeln im Löwengesicht
«Elegie für Iris» von John Bayley
«Something had been withdrawn, had slipped away from him . . . and that something was simply himself»: klare, einfache Worte für ein unergründliches, schwieriges Schicksal, die Iris Murdoch für ihren Helden in «The Unicorn» (1963) findet. Ein Schicksal, das sie Jahrzehnte später selbst treffen wird. Die Autorin von mehr als zwei Dutzend Romanen, die Philosophiedozentin und Essayistin muss vor ihrem Tod 1999 eine lange «Reise ins Dunkel» (Murdoch) antreten, auf der sie sich selbst verliert. Doch derweil ihr, der Alzheimerpatientin, die Welt entgleitet, hält ihr Mann, John Bayley, die gemeinsame Geschichte fest: ein zärtliches, nie aber süssliches Dokument einer unerschütterlichen Liebe. Nun ist Bayleys «Elegie für Iris» in deutscher Übersetzung erschienen.
«Sie kam langsam und ziemlich mühsam an einem Fenster des St. Antony College vorübergeradelt, wo ich wohnte. Ich versuchte gerade zu arbeiten und sah müssig hinaus auf das wechselnde Bild in der Woodstock Road» und da erblickte er sie zum ersten Mal, jene Frau, von der er seit diesem Augenblick träumen und die er knapp drei Jahre später, 1956, heiraten würde. Sie habe ausgesehen wie ein kleiner, grimmiger Stier, wie sie sich die Strasse entlangstrampelte, unberührt von ihrer Umgebung, ganz in einer eigenen Welt versunken. Ohne Vergangenheit, ohne Gegenwart und, vor allem, ohne Verehrer: So dachte und wünschte sich John Bayley die geheimnisvolle Mittdreissigerin auf dem Fahrrad um sie wenig später auf einer Party im (damaligen) Oxforder Frauencollege St. Anne's zu treffen, umschwärmt und angebetet von Mann und Frau. Und das Geheimnis war dahin: Die Wunderbare arbeitete «banalerweise» als Philosophiedozentin, hatte Bindungen, offenbar sogar sehr enge, und war ganz und gar nicht von einem fremden Stern.
Eifersucht und Idylle
Später, als der 1925 geborene Bayley sie besser kennen lernt, wird er eifersüchtig feststellen müssen, dass seine Iris, die sechs Jahre älter und zehn Jahre erfahrener ist als er, sich auch ausserhalb der geschlossenen Welt Oxfords durchaus heimisch fühlt. Da gibt es nicht nur den stillen, kleinen Professor der alten Geschichte, der in London lehrt und Iris manchmal küsst, sondern, viel bedrohlicher, das «Monster von Hampstead»: Der legendäre Dichter hat mehrere Geliebte, und seine Frau ist bisweilen in der Wohnung, wenn er mit Iris schläft; sie besitzt «wie ein Gott». Es handelt sich, wie Bayley andeutet, um Elias Canetti einen Mann, der seine Gesprächspartner mit einem Wort zusammenknüllt wie ein gebrauchtes Papiertaschentuch, sie dann wieder mit seinem Charme in seinen Bann schlägt: ein «Monster und Magier» zugleich.
In den ersten acht Kapiteln, überschrieben mit «Damals», mischt Bayley seine zarte Liebesgeschichte, das vorsichtige Herantasten an das fremde Wesen und dessen Entwicklung, immer wieder mit Anekdoten aus dem akademischen Alltag, mit Skizzen aus dem Literaturbetrieb und mit mal mehr, mal weniger liebenswürdigen Porträts, beispielsweise von Isaiah Berlin, einem offenen Menschen von «warmherziger, spontaner russischer Art». Oxford glänzt im weichen Licht der Fünfziger «das Leben an der Universität schien vor etwa fünfzig Jahren zwar eingeengter und förmlicher zu sein, gleichzeitig aber auch gemütlicher und entspannter». Und das Italien, wohin sie auf ihrer Hochzeitsreise in einem klapprigen Kastenwagen fahren, ist ein bisschen staubig, ein bisschen schäbig, doch voller Flüsse und Bilder und mehr braucht das junge Paar nicht zu seinem Glück.
Irgendwo unterwegs, in einer kleinen Gemäldegalerie, wird Iris ein Juwel entdecken, auf dem nicht mehr zu sehen ist als «ein schmaler, weisser Weg, der, von Ginsterbüschen gesäumt, bergauf führt und dann verschwindet. So wie der italienische Polizist [der den beiden einmal aus der Patsche geholfen hat] und Pieros geheimnisvoller, finsterer Christus lebt auch dieses Bild unter den Landschaften und Charakteren vieler ihrer späteren Romane fort.» Sanft, unaufdringlich lässt der Ehemann aus seinen Erinnerungen auch die Schriftstellerin hervortreten, eine hart arbeitende, disziplinierte Frau, die in Bildern denkt, in Geschichten abtaucht, sich fallen lässt, die in ihren Texten wie in ihrem Leben die Dinge atmen lässt und nie ihre Bescheidenheit und Herzensgüte verliert. Nicht einmal als Alzheimerpatientin.
«Trotz ihrer unaufhörlichen, ängstlichen Fragerei scheint Iris gar nicht zu wissen, wie man sich beklagt. Das hat sie auch früher nicht gewusst. Die Krankheit, die Wesenszüge so sehr betonen kann, dass es fast einer teuflischen Parodie gleicht, hat es in ihrem Fall nur geschafft, ihre natürliche Güte zu verstärken.» Sammelte sie einst Steine vom Strassenrand, rettet sie nun als Kranke Zigarettenstummel, trockene Blätter und zerdrückte Aludosen.
Schon in die «Damals»-Kapitel flicht John Bayley Schilderungen der Krankheit ein, verknüpft nahtlos und mit leichter Hand gute Zeiten und schweres Schicksal; die Erinnerung an das erste gemeinsame Bad im Fluss etwa mit der an das letzte. Zwischen Seerosenblättern und winzigen Fischen treibt der Leib der Kranken, die Füsse in den Socken steckend, die sie nicht hat ausziehen wollen ein Moment des Glücks. Dann das Hochhieven am steilen Ufer: Plötzlich verzieht sich ihr Gesicht in Panik, und Bayley fürchtet, sie nicht mehr halten zu können, sie zurück in die Tiefe sinken lassen zu müssen. «Mir wurde schlagartig klar, dass wir nie wieder hierher zum Baden kommen durften.»
Ferne ohne Entfremdung
John Bayley ist kein Märtyrer: Voller Selbstironie erzählt er von seinen Wutausbrüchen, von seiner Ungeduld, seiner Enttäuschung, wenn Iris zum zehnten Mal seine Lieblingsblumen auf dem Sims in einer
wahren Sintflut ertränkt. Auch die «Freuden der Einsamkeit», die seine fast fünf Jahrzehnte dauernde Ehe erfüllt haben, erlebt der Oxforder Literaturprofessor nur noch selten. Trotzdem trifft er stets auf Iris, eine neue, alte Iris; die kindliche Iris immer schon ein Teil der vielfach ausgezeichneten Autorin , die jetzt an den Teletubbys hängt und an schlichten Kinderreimen. Auch eine Iris, die er liebt.
Es stimmt schon: Gerne hätte man noch mehr über Iris Murdochs Arbeit, über ihr Denken in gesunder Zeit erfahren. Aber vielleicht ist das nicht die Aufgabe, liegt das nicht in den Möglichkeiten des Ehemanns, der seine seit 1994 zunehmend sieche Frau bis zum Ende begleitete. Umso mehr berührt die Engführung des vergangenen, glücklichen Zusammenseins mit einer neuen, sprachlosen Gemeinsamkeit einem Geschenk, dessen Zerbrechlichkeit John Bayley kennt: In jenem Teil, der «Jetzt» betitelt ist, erzählt er vom Fortschritt der Krankheit im Jahr 1997 und davon, wie sie einander jeden Tag physisch näher kommen: «Die neue Ehe hat sich selbst gestaltet.» Noch gibt es Rituale, die durch den Tag geleiten, einen Tag voller Ängste, Verzweiflungen und Fragen. Noch gibt es im «Löwengesicht» des Alzheimers die maskenhaften Gesichtszüge sind ein klassisches Symptom ein schüchternes Lächeln hie und da. «Die Reise ist zu Ende, und in der dunklen Begleitung der Krankheit ist Iris irgendwo angekommen. Und ich bin es auch.»
Alexandra M. Kedve
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.