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22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Treffende Kritik modischen Wortgeklingels, 19. Februar 2001
Von Ein Kunde
In diesem Buch befassen sich die Autoren mit fuehrenden Denkern der Postmoderne, als da waeren: Lacan, Kristeva, Irigaray, Latour, Baudrillard, Deleuze und Guattari, Virilio, Bergson und Nachfolger. Stichworte der Kritik sind "Epistemischer Relativismus in der Wissenschaftstheorie", Chaostheorie und "postmoderne Wissenschaft". Sie dokumentieren im Anhang den Aufsatz, mit dem dies alles begann: "Transgressing the Boundaries - Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity" von Alan SokalIn der Ausgabe Fruehjahr/Sommer 1996 der US-amerikanischen Zeitschrift "Social Text", einer Sondernummer zum Thema "Wissenschaftskrieg", erschien ein Aufsatz des New Yorker Physik-Professors Alan Sokal unter dem Titel "Die Grenzen ueberschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" (im Buch S. 262-309). Gegen Ende des Aufsatzes kommt Sokal u. a. zu dem Schluss: "Die Lehre von Wissenschaft und Mathematik ist von ihrem autoritaeren und elitaeren Charakter zu befreien; und der Inhalt dieser Faecher muss durch das Einbeziehen der Erkenntnisse der feministischen, schwulen, multikulturellen und oekologischen Kritik bereichert werden." (S. 262) Der Aufsatz passte offenbar gut zum Thema dieser Sondernummer, die sich mit den Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fraktionen und Stroemungen der wissenschaftlichen Gemeinde befasste, insbesondere jenen zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern, die auch Sokal reflektiert. Dann jedoch gab der Autor in der Zeitschrift "Lingua Franca", Ausgabe Mai/Juni 1996, auf den Seiten 62-64 bekannt, dass er mitnichten die in seinem Aufsatz aufgestellten Ansichten teilte, sondern vielmehr beabsichtigt hatte, "den Artikel so zu schreiben, dass jeder kompetente Physiker oder Mathematiker (bzw. Physik- oder Mathematikstudent) ihn als Parodie haette erkennen muessen. (.) Die eigentliche Veralberung in meinem Artikel liegt jedoch nicht den vielen Schnitzern, sondern in den Fragwuerdigkeiten seiner zentralen Thesen und der "Argumentationskette", mit der diese Thesen gestuetzt werden. (.) Bei all dem gibt es nichts, was einer logischen Folgerung auch nur aehnlich sieht. Was man findet, sind Zitate von Autoritaeten (dazu weiter unten; HL), Wortspiele, an den Haaren herbeigezogene Analogien und waghalsige Behauptungen." Aus "Sokal's Hoax (Sokals Jux)", wie die Affaere bald genannt wurde, entwickelte sich rasch ein heftiger, erbittert gefuehrter Streit, der sich um die Grenzen der Erkenntnis, die Zuverlaessigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Abhaengigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung von gesellschaftlichen Bedingungen und vieles mehr drehte. Im Kern drehte und dreht sich diese Debatte jedoch um "das Dogma", das Sokal in der einleitenden Passage seines Aufsatzes erwaehnt hat, bzw. um die Frage: "Gibt es eine vom Menschen unabhaengige Wirklichkeit und ist sie prinzipiell erkennbar?" Alan Sokal hat gemeinsam mit seinem belgischen Kollegen eine Auseinandersetzung mit jenen Autoritaeten vorgelegt, die er in seinem Aufsatz in "Social Text" so ausgiebig zitiert hatte. Sokal und Bricmont werfen diesen Denkern den "wiederholten Missbrauch von Ideen und Begriffen aus der Mathematik und der Physik" (S. 20) vor, und zwar - durch "weitschweifige Darstellung naturwissenschaftlicher Theorien, von denen man guenstigstenfalls eine aeusserst vage Vorstellung hat (.) ohne sich uebermaessig darum zu kuemmern, was die Woerter eigentlich bedeuten", - mittels "uebernahme von Begriffen aus den Naturwissenschaften in die Geistes- oder Sozialwissenschaften ohne die geringste inhaltliche oder empriische Rechtfertigung", - durch die "Zurschaustellung von Halbbildung, indem man schamlos mit Fachbegriffen um sich wirft, die im konkreten Zusammenhang voellig irrelevant sind", - sowie mit Hilfe der "Verwendung von im Grunde bedeutungslosen Schlagworten und Saetzen". (S. 20/21) Den Hauptteil des Buches machen die Kapitel zu den einzelnen Denkerinnen und Denken aus, deren zum Teil abenteuerliches Wortgeklingel einer gruendlichen Kritik unterzogen wird. Ein Schluesselbegriff ihrer Kritik ist der des epistemischen Relativismus: Epistemologie (vom griechischen Episteme = Wissenschaft) ist Erkenntniswissenschaft, jener Zweig der Philosophie, der sich mit dem Wissen und seiner Erlangung befasst. Relativismus wird hier verstanden als Philosophie, die behauptet, die Richtigkeit einer Behauptung sei abhaengig von einem Individuum oder einer sozialen Gruppe. Relativistisch ist also beispielsweise die Auffassung, bestimmte Ideen seinen allein schon dadurch ent- oder bewertet, dass sie zunaechst, vornehmlich oder ausschliesslich von Maennern, von Frauen oder von Angehoerigen bestimmter Minderheiten oder anderer sozialer Gruppen vorgetragen werden. Sokal und Bricmont beschreiben den epistemischen Relativismus, dem hier ihr Augenmerk gilt, als "die (.) Vorstellung, dass die moderne Wissenschaft nur ein "Mythos" sei, eine "Erzaehlung" oder gesellschaftliche Konstruktion" unter vielen anderen." (S. 10) Auf einer solchen gedanklichen Grundlage ist ein Urteil darueber, ob von zwei einander widersprechenden Aussagen ueber denselben Gegenstand eine, beide oder keine wahr sind, nicht moeglich. Es kann hoechstens festgestellt werden, wie weit eine "Erzaehlung" (also etwa eine Aussage ueber die Welt, wie "Gestern landete auf dem Koelner Neumarkt ein UFO") mit den Konstruktionsprinzipien der Grossen Erzaehlungen (hier etwa der Physik oder der Astronomie) uebereinstimmt oder eben nicht. Daraus einen Schluss darueber abzuleiten, ob gestern wirklich ein UFO auf dem Neumarkt gelandet ist, waere vermessen. Relativistische Auffassungen sind bei Angehoerigen vieler ethnischer und sozialer Minderheiten und deren konkreten oder ideellen Interessenvertretern sehr verbreitet. Das verwundert nicht, da diese Auffassungen den Dominanzanspruch des Wissenschaftsbetriebs in Frage stellen, der oft tiefgreifend von wissenschaftsfremden Interessen sozialer Gruppen gepraegt ist. In der Tat findet ja auch Wissenschaft nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist auch selbst Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen. Waehrend aber Sokal und Bricmont dafuer eintreten, wissenschaftliche Methoden auf die Wissenschaft anzuwenden, um Missbraeuche von Wissenschaft aufzudecken, bestreiten epistemische Relativisten die besondere Eignung der Wissenschaft, zu wahren Aussagen zu gelangen bzw. die Wahrheit von Aussagen zu pruefen. (Ob dies rassistischen Auffassungen eher abhilft oder ihnen eher eine intellektuelle Ausrede liefert, ist ein Gegenstand der anhaltenden Debatte.) Dem gegenueber geben Sokal und Bricmont zum Schluss ihrer Hoffnung Ausdruck: auf eine "intellektuelle Kultur, die rationalistisch, aber nicht wissenschaftsglaeubig, offen, aber nicht belanglos und politisch progressiv, aber nicht sektierisch ist." (S. 261) Die Debatten um "Sokals Jux", seine Thesen und das Buch sind im Internet ausfuehrlichst dokumentiert. (Die etwas ausfuehrlichere Fassung dieser Rezension erschien im "Skeptiker" 03.2000)
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