Seitdem ihre Mutter gestorben ist, verbringt Mascha ihre Sommerferien bei ihren Großeltern. Dort ist es zwar langweilig und es gibt kaum Kinder in ihrem Alter, mit denen sie sich unterhalten könnte, aber ihr Vater braucht einmal im Jahr Zeit, um alleine über den Tod seiner Frau trauern zu können.Doch dieses Jahr kommt alles anderes: Mascha wird indirekt Zeuger von Kindesmisshandlung der brutalsten Art. Julia und Max, mit denen Mascha sich einige Tage zuvor angefreundet hatte, haben am ganzen Körper blauen Flecken und Schnittwunden. Mascha beschließt zu handeln. Doch die Erwachsenen im Dorf ihrer Großeltern wollen von all dem nicht wissen. Ihnen ist ihr Ruf und das gute nachbarliche Zusammenleben mehr wert, als das Leben zweier Kinder. Mascha sieht keinen Ausweg und fasst kurzerhand einen Entschluss, der nicht folgenlos bleiben wird...
Noch nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, dessen Titel den kompletten Inhalt so sehr auf den Punkt bringt. Denn Kindesmisshandlung ist ein riesiges Problem, genau wie Elefanten riesig sind. Doch Elefanten sind nicht zu übersehen und da stellt sich die Frage, ob das daher nicht auch bei Kindesmisshandlung der Fall sein sollte. Leider ist dem nicht so. Viele Menschen schließen aus Angst vor den Konsequenzen für sich selbst die Augen und flüchten sich in Ausreden, die eigentlich unmöglich zu glauben sind. Wie man einen so komplexen Sachverhalt mit nur einem Satz so konkret auf den Punkt bringen kann, finde ich einfach nur faszinierend!
Und genauso ist auch der Roman: faszinierend und atemberaubend zugleich. Man liest schockiert von den Taten des Vaters, der seine eigenen Kinder misshandelt; von der Mutter, die selbst geschlagen wird, jedoch nicht die Kraft aufbringt, etwas zu unternehmen; von den Einwohnern, die die Augen verschließen, obwohl sie es genau wissen, nur um ihr gewohntes, sicheres Leben weiterführen zu können; von Julia, die sich selbst die Schuld gibt und ihren Vater in Schutz nimmt; von Max, der von allen gehänselt wird und seine Aggressionen an einem imaginären Freund auslässt und schließlich von Mascha, die sich nicht anders zu helfen weiß, als zu einer drastischen Maßnahme zu greifen.
Die Autorin hat eine so angenehme Art und Weise zu schreiben, dass man als Leser komplett in der Geschichte versinkt. Der Sprachgebrauch ist einfach wunderbar. Maschas Gedanken wirken teilweise so poetisch und melancholisch, und dennoch sind sie der Sprache eines Mädchens von 13 Jahren angepasst. Mascha bringt ihre Gedanken gezielt auf den Punkt und braucht keine Umschreibungen um ihre Gefühle auszudrücken. Der Leser erfährt aus erster Hand, was in ihr vorgeht und wieso sie sich so verhält, wie sie es nunmal tut.
"Elefanten sieht man nicht" hat mich wirklich sehr berührt. Vorallem der kleine Max hat mich das eine oder andere Mal dazu veranlasst, mir eine Träne zu verkneifen. Ich weine eigentlich nie bei Büchern, doch dieses Mal war ich ganz kurz davor. Zu bewegend ist das Schicksal der beiden Kinder, die für ihr Alter einfach viel zu reif sind. Vorallem Julia mit ihren 9 Jahren verhält sich teilweise viel erwachsener als Mascha, die doch 4 Jahre älter ist. Wie das bei misshandelten Kindern eben so ist, begreifen auch Max und Julia nicht, dass ihr Vater einfach nur aggressiv und bösartig ist und suchen die Schuld bei sich. Das zu lesen tut einfach nur wahnsinnig weh. Zwischendurch musst ich das Buch weglegen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe, von so viele Trauer zu lesen.
Regelrecht wütend war ich auf die Bewohner des Dorfes und vorallem auf Maschas Großmutter. Sie ist eine so ignorante alte Frau, wie sie sicherlich jeder aus dem eigenen Umfeld kennt. Sie glaubt nichtmal ihrer eigenen Enkeltochter und ist wütend darüber, dass Mascha den beiden Kindern helfen will. Und das alles nur, weil sie sich um ihren guten Ruf fürchtet. Sie hat Angst, bald nicht mehr angesehen zu sein und bei den kleinen spießigen Grillfesten nicht mehr dabei sein zu dürfen. Das ganze Dorf ist so engstirnig und einfältig, dass ich manchmal vor Wut schreien wollte, auch wenn es "nur" eine Geschichte ist.
Gerade das Ende von "Elfanten sieht man nicht" wirkte auf mich so realistisch, wie es nur geht. Wie werden nicht mit einem Happy End abgefertigt, dass uns all die schlimmen Dinge, die im Verlauf der Geschichte passiert sind, vergessen lässt. Stattdessen lässt die Autorin uns frei entscheiden, wie die Geschichte weiter gehen könnte. Ein Happy End hätte einfach nicht in die Geschichte gepasst und hätte nicht authentisch gewirkt. So wie der Roman ausgeht, ist es, wie ich finde, einfach nur perfekt.
Dennoch gibt es einen Kritikpunkt, den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Wie ich finde, hat Mascha ihrem Alter nicht entsprechend gehandelt. Sie tut Dinge, die so unüberlegt und einfach wirklich unklug sind, dass man nur den Kopf darüber schütteln kann. Ich glaube, eine Dreizehnjährige hat durchaus die geistige Reife, auch in Ausnahmesituationen überlegt zu handeln und sich nicht noch tiefer in die Katastrophe hineinzureiten. Denn was Mascha tut, tut sie zwar aus der richtigen Motivation heraus, dennoch ist es so falsch, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass ein junger Teenager noch auf solche Gedanken kommen kann. Im Laufe der Handlung werden Maschas Gedanken immer absurder und realitätsfernen, dass ich sie irgendwann leider nicht mehr ernst nehmen konnte. Daher hat mir der Mittelteil der Geschichte nicht gefallen.
Kurzum: "Elefanten sieht man nicht" ist ein unglaublich bewegender Roman. Auch wenn ich Maschas Handlungen für überspitzt und zu sehr dramatisiert halte, finde ich die Kernaussage des Roman einfach überwältigend. Nicht viele Autoren trauen sich an so ein gewagtes Thema und ich ziehe meinen Hut vor Frau Kreller, da ihr die Umsetzung im Großen und Ganzen wirklich gut gelungen ist. Wer eine berührende Geschichte mit einem authentisch umgesetzten Thema, das leider in der heutigen Gesellschaft viel zu wenig angesprochen wird, lesen möchte der sollte sich "Elefanten sieht man nicht" nicht entgehen lassen.