Dieses Spiel, und vor allem die Versprechungen dazu im Vorfeld der Veröffentlichung, grenzen schon an Betrug. Dabei geht es nicht um die (mittlerweile größtenteils gelösten) Server-Probleme oder das Anbieten überteuerter Day-One-DLC's, sondern um die Verheißungen der GlassBox-Engine.
Im Vorfeld als absolut bahnbrechend angekündigt, sollte doch nun jeder einzelne Sim in der Stadt mit Haus, Job, Familie und dergleichen simuliert werden und ihr ein realistisches Eigenleben geben. Man sollte daran teilhaben können, die Tiefe dieser Simulation diente zugleich als Argument für die kleinen Karten und damit auch kleinen Städte. Das mag im ersten Moment auch nachvollziehbar sein: Wenn ich jeden Sim, und sei es nur mit einem Dutzend Werte, simulieren möchte, dann müsste wohl jeder moderne PC bei einer sechsstelligen Zahl an seine Grenzen geraten.
Nach knapp einer Woche haben jetzt einige Spieler, dargelegt im EA-Supportforum, die Engine durchleuchtet und zahlreiche Ungereimtheiten entdeckt. Dabei handelt es sich nicht nur um Vereinfachungen, wie beispielsweise die Berechtigung zum Studium nach Abschluss der Grundschule, sondern schlicht um den vorgetäuschten Simulationsgrad der Einwohner.
Jeder verfügt zwar über einen eigenen Namen, aber damit hört es dann bereits auf. Keiner dieser Sims hat eine Wohnung/Haus oder auch nur einen festen Job. Als Spieler kann man das leicht nachvollziehen, wenn man nur mal einen Sim für ein paar Tage beobachtet.
Tag 1: Ingenieur Herbert Meier erwacht in seinem mittelständigen Einfamilienhaus, er geht zur Arbeit in der HighTech-Fabrik Kane Tiberium" (Insider für C&C-Fans, immerhin Humor haben sie). Nach genau 0,2 Sekunden Arbeiten verlässt er die Fabrik wieder und kehrt nach Hause zurück. Hr. Meier aber sucht nicht sein Einfamilienhaus auf, sondern zieht direkt in die nächstgelegene, freie Wohnung ein. Ein riesiger Klotz im ärmsten Teil der Stadt, Hr. Meier ist binnen Sekunden tief gefallen und verlor alle sozialen Bindungen.
Tag 2: Aushilfskraft Herbert Meier erwacht in seinem Wohnklotz in prekärer Lage. Er geht zur Arbeit, aber wieder sucht er nur den nächstgelegenen Arbeitsplatz auf der sich ihm bietet: Eine stinkende Fabrik. Leider hatte ein anderer Sim die gleiche Idee und ehe Hr. Meier ankommt ist der Arbeitsplatz weg. Der nächste, freie Arbeitsplatz ist weit entfernt, im örtlichen Atomkraftwerk. Da Hr. Meier sich zu Fuß auf dem Weg machte ist es ihm nun unmöglich, die bereitstehende Bus-Verbindung zu nutzen und geht zu Fuß weiter. Er kommt niemals an und geht gefrustet nach einigen Häuserblöcken wieder nach Hause. Wieder sucht er sich die nächstgelegene Wohnung, zum Glück für ihn endete sein Fußmarsch im Villenviertel der Stadt und Hr. Meier verfügt nun über ein prächtiges Haus mit eigenem Pool. Der Arbeitsplatz im Atomkraftwerk bleibt unbesetzt, der Berater meldet dem Bürgermeister, dass wir nicht genug Arbeitskräfte in der Stadt haben.
Tag 3: Yuppie Hr. Meier erwacht in seiner neuen Villa und geht zur Arbeit. Die GlassBox-Engine ermittelt, dass der nächstgelegene Arbeitsplatz eine Holzfabrik ist. Er macht sich auf den Weg, zusammen mit hundert anderen Sims, für die dieser Arbeitsplatz ebenfalls der nächstgelegene ist. Alle nehmen den kürzesten Weg, auf der kleinen Straße vor Hr. Meier's Villa entsteht ein riesiger Stau. Während er dort steht brennt seine Villa ab, die Feuerwehr steht im gleichen Stau. Hr. Meier kümmert das nicht. Er wird an diesem Tag zwar wieder nicht arbeiten, aber es wird sich sicher ein Platz zum Schlafen finden. Vielleicht ist ja am Abend, wenn der Job weg ist und 99 Sims frustriert nach Hause fahren, gerade was in dem hübschen Appartement-Block frei ...
Vielleicht wird damit das Prinzip Der Glassbox-Engine deutlich. Statt einer Simulation steuert sie die Stadt nach der einfachsten Methode:
Sim braucht Arbeit, suche nächstgelegenen Arbeitsplatz.
Sim möchte shoppen, gehe zum nächstgelegenen Geschäft.
Sim geht nach Hause, suche nächstgelegenes Wohngebäude.
Keine Kontinuität, kein Eigenleben, keine logischen Hintergründe. Wenn die Sims eines großen Wohnblocks zur Arbeit gehen entsteht ein riesiger Pulk, in dem sie alle auf den nächstgelegenen Arbeitsplatz stürmen. Wenn dieser belegt ist zieht der Pulk weiter, bis er sich irgendwann aufgelöst hat oder die Sims frustriert aufgeben.
Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Feuerwehren, Polizei und Müllabfuhr:
Innerhalb von zehn Sekunden brechen zwei Feuer an unterschiedlichen Stellen der Stadt aus. Alle verfügbaren Einsatzwagen machen sich sofort auf dem Weg zum ersten Feuer, halten dabei brav an jeder Ampel und stehen im Stau. Sobald sie ankommen versuchen meist zwei von ihnen das Feuer zu löschen, der Rest verharrt in Warteposition. Sobald das Feuer dann gelöscht ist wenden sich alle Einsatzwagen dem zweiten Feuer zu, stehen im Stau, halten an jeder Ampel usw. Es ist vollkommen egal, ob man eine voll ausgebaute Zentrale mit einem Dutzend Einsatzfahrzeugen hat oder eine kleine Feuerwache mit zwei. Außer, dass die Zentrale ein Vielfaches an Kosten verursacht.
Und jeder der mehr als zwei Stunden gespielt hat kennt sie:
Das halbe Dutzend Müllwagen, dass sich um fünf Mülltonnen im Gewerbegebiet prügelt, während das Wohnviertel in 1.000 vollen Mülltonnen erstickt.
Die Busse, die im Konvoi die immer gleichen Bushaltestellen abklappern, während am anderen Ende der Stadt hunderte Sims auf ihren Bus warten und niemals ihren Arbeitsplatz erreichen.
Dass die KI dabei immer den kürzesten Weg nimmt ist längst bekannt, es gibt auf Youtube mittlerweile genug lustige Videos, in denen eine mehrspurige Straße komplett ungenutzt bleibt, weil sich der gesamte Verkehr auf einer kleinen Seitenstraße staut die um 3m kürzer ist. Inklusive blinkender Polizeiwagen, Feuerwehren und Müllwagen. Die Stadt wird also von Kriminellen überrannt, brennt nieder, erstickt im Müll und hat nicht genug Arbeitskräfte, weil allesamt auf dieser einen Straße stehen. Der Bürgermeister kann dagegen nichts machen, er hat die Umgehungsstraße ja gebaut. Nutzt nur keiner.
Das Problem an dieser Geschichte: Es handelt sich dabei nicht um Bugs (außer die Verkehrs-KI vielleicht), die irgendwann behoben werden. Die Glassbox-Engine ist schlicht nicht darauf ausgelegt, einen Sim Haus/Job/Freizeitaktivitäten zuzuweisen und diese auch im Gedächtnis zu behalten.
Bugs können (und werden vielleicht) in den nächsten Wochen und Monaten behoben werden, um diese Designentscheidungen aber zu korrigieren müsste wahrscheinlich die ganze Engine umgestellt werden.
Natürlich haben uns Maxis und EA vorher all diese tollen Features versprochen, wissend, dass die Engine dazu gar nicht fähig ist. Das erklärt auch, warum im Betatest" immer nur für eine Stunde gespielt werden durfte, sonst wäre der Sachverhalt einigen Spielern bereits vor der Veröffentlichung aufgefallen.
Das Spiel macht vordergründig Spaß, ich habe durchaus meine Freude an der Entwicklung meiner ersten Stadt und sah auch die kleine Karte eher als Herausforderung das Beste aus ihr herauszupressen.
Die Optik ist charmant, etwas verspielt, aber doch sehr schön. Die Bedienung geht leicht von der Hand und einige neue Ideen gefallen mir sehr gut, vor allem der mögliche Ausbau einzelner Gebäude, bei Kraftwerken, Schulen oder Wasserpumpen macht dieser auch durchaus Sinn. Ich hatte zwei glückliche Tage mit diesem Spiel, bis mir die Ungereimtheiten auffielen und feststellte, dass einige Spieler im EA-Forum bereits die Ursache dieser Ungereimtheiten gefunden und niedergeschrieben haben.
Seitdem spiele ich nicht mehr, ich fühle mich schlicht durch die Vorankündigungen und Versprechungen seitens Maxis und EA betrogen.