Dass die EMI in dieser Box gerade 7 Opernquerschnitte aus Fritz Wunderlichs letzter Zeit bei der Firma in prominenter Aufmachung wieder veröffentlicht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie:
Der Sänger wechselte zur Deutschen Grammophon, weil er sich von der EMI nicht ausreichend geschätzt fühlte, u. a., weil er vor allem in solchen Querschnitten eingesetzt wurde, statt in Gesamtaufnahmen.
Für uns Höhrer ist es egal - wir freuen uns über große sängerische Leistungen des deutschen Jahrhunderttenors (und seiner Mitstreiter) auch auf ungewohntem Terrain:
- Madame Butterfly:
Wunderlich, Pilar Lorengar in der Titelrolle und Hermann Prey singen auch auf Deutsch einen hinreißenden Puccini. Auch die Zusammenstellung der Musiknummern ist gelungen - man würde mit dieser Besetzung zwar gern die ganze Oper hören, vermisst aber nichts wesentliches.
- La Bohème:
Auch der Rodolfo war eine Wunderlich-Rolle. Anneliese Rothenberger ist eine zart-zerbrechliche Mimi, Marcel Cordes (Marcel) und Ruth-Margreth Pütz (Musette) klingen etwas zu bürgerlich. Hier ist die Auswahl voll auf die Hauptdarsteller ausgerichtet - deren Rollen sind im wesentlichen aufgenommen.
- Don Giovanni:
Eine Traumbesetzung - Prey in der Titelrolle, dazu Wunderlich, Elisabeth Grümmer (Donna Anna), Erika Köth (Zerlina), Karl-Christian Kohn (Leporello). Aber kann man in einem Querschnitt den musikalischen Reichtum von Mozarts Meisterwerk wirklich einfangen? Mir fehlt zuviel wesentliches, besonders beide Arien der Donna Anna - wenn man schon eine Sängerin wie Grümmer hat, eine Ottavio-Arie, und, und, und. Bei Mozart stört mich die Übersetzung mehr als bei Puccini.
- Mignon:
Für mich die wichtigste Wiederveröffentlichung der Box: Ambroise Thomas' Oper nach Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre" ist heute in Deutschland kaum noch bekannt, Aufnahmen sind kaum noch zu finden. Und eine Besetzung wie Wunderlich, Lorengar, Pütz und Gottlob Frick schon gar nicht - auch auf Deutsch sehr hörenswert. Nach dieser Aufnahme habe ich lange gesucht.
- Martha:
Friedrich v. Flotows komische Oper in einer idealen Besetzung - neben Wunderlich die junge Rothenberger, Gottlob Frick und Hetty Plümacher. Rundum beglückende Aufnahme einer deutschen Spieloper - auch das würde man gern komplett hören, vermisst aber nichts wesentliches.
- Zar und Zimmermann:
Nicht die beste Aufnahme von Lortzings komischer Oper: Wunderlich selbst und Gottlob Frick müssen gegen die altjüngferliche Hilde Hildebrand und den steifen Marcel Cordes ansingen.
- Eugen Onegin/ Pique Dame:
Leider nur sehr kurze Ausschnitte von Tschaikowskys erfolgreichsten Opern - Wunderlich hatte zusammen mit Hermann Prey im Onegin in München auf der Bühne gestanden. Die EMI hat aus anderen Aufnahmen noch Ausschnitte aus dem ersten Akt des Onegin ergänzt, um wenigstens einen echten Querschnitt zu haben. Was Prey, Wunderlich, Melitta Muszely, Elisabeth Lindermeier und Frick als Gremin hier zeigen, ist jedenfalls sehr hörenswert.