Manchmal ist selbst der Prophet im eigenen Lande nichts wert. Und wenn es das Metal-Business etwas besser mit den deutschen Speed-Metallern PARADOX gemeint hätte - und die Band von den ständigen Line-up-Wechseln verschont geblieben wäre - , dann wäre sicherlich alles ganz anders gekommen. Nur zur Erinnerung...PARADOX waren Ende der 80er Jahre einer der ganz großen Hoffnungsträger der deutschen Speed/Thrash-Szene. Nach Veröffentlichung der beiden erstklassigen Scheiben "Product of imagination" und "Heresy" wurden PARADOX - nicht zu Unrecht! - als deutsche Antwort auf METALLICA gehandelt, und hätten zusammen mit KREATOR , DESTRUCTION und SODOM einer der größten Export-Schlager in Sachen Thrash-Metal werden können. Doch bedauerlicherweise kam es ganz anders, so das PARADOX heutzutage nur den wenigsten Metal-Fans überhaupt ein Begriff sind.
Das sich die Band um den charismatischen Frontmann Charly Steinhauer jedoch nicht willenlos ihrem Schicksal ergeben hat, beweist der neue Longplayer "Electrify". Auf diesem starken 10-Tracker schaffen es PARADOX spielend, an ihre alten Glanztaten anzuknüpfen, und haben darüber hinaus eine der geilsten Power/Speed Metal-Scheiben des Jahres parat. Dabei spielen PARADOX vor allem in Punkto Gitarrenarbeit all ihre Trümpfe aus. Ich habe in den vergangenen Jahren wirklich keine andere deutsche Band gehört, die derart variabel, songdienlich und dabei gleichzeitig sooo herrlich "altbacken" zu Werke geht. Egal was PARADOX auf diesem tadellosen 45-Minüter auch anpacken...es hat jederzeit Hand und Fuß, und muss sich keinesfalls hinter der internationalen Konkurrenz verstecken. Mit flotten Speed Metal-Granaten wie dem starken Opener "Second over third by force" , "Monument" , "Hyperspeed hallucinations" oder dem rabiaten Rausschmeißer "Eletrify" (Ohrwurm!) lassen PARADOX die letzten Scheiben von OVERKILL und MEGADETH ziemlich alt aussehen. Dagegen sind hochmelodische Songs wie "Portrait in grey" , "Bridge to silence" oder die beiden Album-Highlights "Infected" und "Disconnected" (ganz groß!) eher im wuchtigen Mid-Tempo beheimatet, was wiederum Parallelen zu Acts wie NEVERMORE und ICED EARTH auf den Plan ruft. Und mit der schönen Halbballade "Cyberspace romance" schippert das süddeutsche Quartett beinahe schon in melodramatischen FATES WARNING-Fahrwassern, was dem PARADOX-Sound richtig gut zu Gesicht steht. Superbe !!! Hier versprüht jedes Riff diesen einzigartigen Charme der 80er Jahre. Hier sitzt jede Melodie punktgenau an der richtigen Stelle. Hier lebt der Power/Speed Metal noch von Gefühlen und zeigt allen "ach so tollen" Nachwuchs-TRIVIUMs dieses Planeten, wie man es richtig macht.
Die einzige Ungereimtheit an "Electrify" liefert nur der fragwürdige Aufkleber, den die Plattenfirma von außen auf die Hülle gepappt hat, und auf dem von "Hetfield-like vocals" die Rede ist. Bei allem Respekt, aber dieser gesangliche Vergleich ist ziemlich haltlos, was wohl nur auf einen dreisten Marketing-Trick schließen lässt...denn Sänger Charly Steinhauer hat stimmlich nun wirklich nichts mit METALLICA-Shouter James Hetfield gemeinsam. Schon merkwürdig.
Dessen ungeachtet ist "Electrify" eines der stärksten Metal-Scheiben des laufenden Jahres, und dürfte PARADOX - falls es noch irgendwas wie Gerechtigkeit gibt - eventuell sogar zu ihrem x-ten Frühling verhelfen. Wer heutzutage noch gerne olle Kamellen wie "Never neverland" (ANNIHILATOR) , "Victims of deception" (HEATHEN) , "Art in motion" (SECRECY) , "The dark saga" (ICED EARTH) oder "Feel the fire" (OVERKILL) auflegt, der ist mit dieser Scheibe wirklich bestens bedient. PARADOX-Fans der ersten Stunde müssen sowieso zuschlagen.