„Electric Cafe" ist nicht nur eines der kommerziell unerfolgreichsten Alben Kraftwerks, es gilt, wenn man verschiedensten Polls unter sog. „Kraftwerk-Fans" Glauben schenken möchte, auch als eines der unbeliebtesten Alben der Band überhaupt. Es ist das letzte Album, das die Band im „klassischen" Lineup (Hütter, Schneider, Bartos, Flür) aufnahm - und war für sehr lange Zeit das letzte wirklich kreative Output der Kraftwerker. Indessen polarisiert es wie kein anderes Kraftwerk-Opus. Selbst die Ex-Bandmitglieder Flür und Bartos haben sich bereits öffentlich von diesem Werk distanziert: bei Flür heißt es wortwörtlich „nur noch kalter Kaffee", bei Bartos sinngemäß „die ursprünglichen Versionen der Tracks waren viel besser, wir hätten sie behalten sollen". Flür verließ 1986, kurz nach der Produktion, frustriert die Band, Bartos tat es ihm kurz vor der Veröffentlichung von „The Mix" gleich.
Um das Album ränken sich viele Mythen - immerhin 5 Jahre waren seit „Computerwelt" vergangen, zwischenzeitlich war von neu produziertem Material nur die Single „Tour de France" erschienen, der aber keine unmittelbare Alben-Veröffentlichung folgte, unter anderem, weil die Band nach einem schweren Fahrradunfall Hütters umdisponieren musste. Indessen kursierten immer wieder Gerüchte über ein mögliches Kraftwerk-Release namens „Technopop", das 1983 bereits im EMI-Katalog verzeichnet war, für welches sogar Werbeplakate gedruckt worden sind. Erschienen ist es in der geplanten Form freilich nie, angeblich, weil Ralf Hütter mit dem klanglichen (noch analogen) Ergebnis nicht zufrieden gewesen sei. Es existieren zwei Demotracks dieses Projekts mit den Titeln „Technopop" und „Sex Object", die vor einigen Jahren, zur Blütezeit der Internet-Tauschbörsen, im Netz kursierten. Diese beiden Tracks, die sich 1983 offenbar noch in einem Frühstadium befanden und unverkennbar von Kraftwerk stammen, mögen allen Kritikern von „Electric Cafe" aufzeigen, wie eklatant schlechter diese ursprünglichen Versionen der Songs im Vergleich zu denen waren, die 1986 auf Electric Cafe veröffentlicht worden sind - kein Wunder, dass die Herren Hütter und Schneider die Existenz dieser Demotracks immer wieder geleugnet haben.
Heute wissen wir ob der Aussagen Flürs, Hütters und Bartos, dass „Electric Cafe" nicht das „Resultat eines Projekts mit dem Arbeitstitel ‚Technopop'" ist sondern dass das Album das Endprodukt dieses „Projekts" darstellt, nur, dass es eben einen anderen Titel trägt, wohl deshalb, weil die Songs zwischen 1983 und 1986 erheblich modifiziert worden sind.
Der Sound des 1986er Albums ist in meinen Augen zukunftsweisend: er klingt, anders als die meisten früheren Kraftwerk-LPs, unterkühlt digital und steril, was einige Fans der Gruppe möglicherweise als negativ empfunden haben. In meinen Augen aber ist das Werk eine konsequente soundtechnische Fortsetzung von „Computerwelt" - der steril-technische Sound passt genau zum Charakter und Inhalt der einzelnen Tracks: Musik, die aus der Maschine kommt, klingt eben kalt-metallisch mit Hang zum Perkussiven wie bei „Techno"-Pop. Und mittlerweile haben auch die Letzten erkannt, dass ein „Telefon Anruf" ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen kann: „You're so close, but far away". Digitaler Technik und Kommunikation ist eben eine unpersönliche, entfremdende Seite zueigen, die aber gleichzeitig durch ihre Sterilität auch eine gewisse Faszination ausübt. In den ersten vier Tracks wird dieses Moment in besonders überzeugender Manier deutlich: in „Boing Boom Tschak" gelingt eine humorvolle Mutation der menschlicher Stimme in ein perkussives Geräusch. In „Musique non stop" bleibt von der menschlichen Gesangsstimme nur noch ein isoliertes melodisches Fragment übrig, das auch hier stark von perkussivem Charakter durchdrungen ist.
Die beiden Schlusstracks sind nicht im gleichen Maße überzeugend wie ihre vier Vorgänger, können aber den für mich positiven Gesamteindruck dieses Albums kaum schmälern. Der Sound klingt meiner Meinung nach auch im Jahr 2005 noch zeitlos modern und war 1986 ganz sicher ein Zeugnis dafür, dass Kraftwerk ihrer Konkurrenz mehr als nur einen Schritt im Denken voraus waren. Für mich ist dieses Album zu Unrecht verrissen worden und hat mindestens 4 Sterne verdient.