Die Mittdreißigerin Liz sitzt wegen einer Weissheitszahn-OP tagelang zu Hause rum und bekommt außer ihrer nervigen Familie und der Arbeitskollegin Donna, welche ihr ein bisschen Arbeit mitbringt, die man leicht zu Hause erledigen kann, nicht mal anstands- oder mitleidshalber Krankenbesuch, was Liz' Einsamkeit, die sie schon ihr Leben lang umweht, nur noch mehr verstärkt. Jetzt denken Sie bestimmt "So ein todtrauriges, schwermütiges Buch ist nichts für mich, das drückt mir auf die Stimmung." - Falsch gedacht, denn der Beginn des Buches markiert für Liz gleichzeitig den Weg aus der Einsamkeit.
Ein frühmorgendlicher Telefonanruf soll ihr Leben komplett umkrempeln. Ihr Sohn, den Liz mit 16 Jahren zur Adoption freigab, liegt im Krankenhaus und hat ausgerechnet ihre Telefonnummer für den Notfall angegeben. Der 20jährige Jeremy erobert mit seinem umwerfenden Charme Liz' Herz im Sturm. Doch irgendetwas stimmt nicht mit ihrem Sohn. Er redet aus heiterem Himmel wirres Zeug, hat Visionen und krabbelt auf allen Vieren den Standstreifen der Autobahn entlang. Nimmt er etwa Drogen? Die Wahrheit ist viel schlimmer und sorgt nach der anfänglichen Euphorie über das anheimelnde familiäre Wiedersehen für knallharte Ernüchterung.
Das Buch steckt voller Überraschungen und liebenswerter Verrücktheiten. Obwohl keiner der Protagonisten viel zum Lachen hat, erzählt Liz in der Ich-Perspektive mit soviel Ironie über sich und ihre Familie, dass sie mir selbst in den traurigsten Momenten ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Der Kanadier Douglas Coupland stellt das Leben so realistisch und hart dar, dass es eigentlich weh tun müsste, doch gleichzeitig hat die Geschichte einen verträumten, abgehobenen Zug, der stets einen Hoffnungsschimmer am Horizont hinterlässt. Am Ende klappt man die Buchdeckel mit tränenschimmernden Augen und einem unglaublichen Wohlbehagen im Herzen zu.
Douglas Coupland ist einer meiner großen Lieblingsautoren, weil er mir mit seinen Geschichten immer wieder aufzeigt, dass man niemals aufgeben darf und es sich zu kämpfen lohnt, egal wie viele Stolpersteine einem das Leben in den Weg legt. Er ist ein gnadenloser Realist, aber im Grunde auch ein hoffnungsloser Träumer und Romantiker, der an den Sieg des Guten glaubt. Schon in Couplands frühem Roman
Girlfriend in a Coma. ging es um die Kraft der Liebe und den Zusammenhalt der Familie über 17 lange Jahre der Hoffnungslosigkeit hinweg, bis Karen endlich aus dem Koma erwachte. Auch
Miss Wyoming. ist eine Ode an die Liebe. John Johnson ist kein Weg zu langwierig und beschwerlich, um seiner Traumfrau nachzuspüren und sie schlussendlich auch zu finden. Welch angenehme Überraschung Liz am Ende erwartet, verrate ich natürlich nicht.
Fazit: Dieses Buch zu lesen ist wie zartbittere Schokolade auf der Zunge zerfließen zu lassen. Die Geschichte von Liz und Jeremy sollte man tief in seinem Herzen einschließen, um sie in besonderen Momenten wieder hervorholen zu können.